Der Duft von jahrhundertealtem Leder und Pergament liegt in der kühlen Luft des historischen Raumes über der Sakristei der evangelischen Stadtkirche St. Johannes der Täufer in Neustadt an der Aisch. Durch die schmalen Fenster, die nach Norden und Osten weisen, fällt ein sanfter Lichtschimmer auf die eng gereihten, ledergebundenen Bände in den hohen Holzregalen. Es ist ein fast andächtiger Ort – und die Bühne für das Ende einer Ära sowie die glanzvolle Rückkehr eines einzigartigen Kulturschatzes.
Inmitten dieser Kulisse steht Reinhold Ohlmann. Der 80-Jährige ist das personifizierte Gedächtnis dieser Bibliothek. Seit über sechs Jahrzehnten wacht er über diese Bücher, hütet den Schlüssel wie seinen Augapfel und kennt fast jedes Werk. Es ist eines seiner letzten Treffen in der mit Pfarrerin Tabea Richter und Pfarrer Christof Meißner. Am 26. September um 15 Uhr gibt Ohlmann nach rund 60 Jahren seinen Amtsschlüssel ab. Seine Nachfolge tritt Martin Frenkler (65) an, ein pensionierter Schulpfarrer und gebürtiger Neustädter.
Die Odyssee der 1968 Bände
Rund zehn Jahre lang war der Bibliotheksraum leer. Zum einen mussten die Bände aus statischen Gründen ausgelagert werden, um das historische Gewölbe zu entlasten. Zum anderen hatten Messungen im Vorfeld eine Schadstoffbelastung im Raum ergeben. Um die unersetzlichen Werke dauerhaft zu sichern, wurde die Bücherstube im Zuge der Sanierung nicht nur optisch restauriert, sondern auch technisch auf den neuesten Stand gebracht: Der Raum erhielt eine völlig neue Elektrik, eine moderne Alarmanlage sowie spezielle, vom Förderverein finanzierte Brandschutztüren. Zudem wurden die historischen Regale angehoben und die schmalen Fenster zum Schutz vor unbefugtem Zugriff von außen vergittert.
Reinhold Ohlmann verpackte damals den gesamten Bestand in 255 Umzugskartons. "Ich weiß noch, was das für eine unheimliche Anstrengung war". Die Bücher wurden ins Landeskirchliche Archiv nach Nürnberg transportiert. Erst vor wenigen Wochen kehrten sie nach einer umfassenden Raum-Sanierung an ihren Platz zurück.
"Es fängt an mit den Bibelausgaben, und dann geht es über die Exegese, Homiletik weiter zu den Predigtsammlungen", erklärt Ohlmann. Genau 1968 Bände stehen nun wieder hier. Wie viele Bücher es tatsächlich sind, weiß niemand. "In den Sammelbänden sind oft mehrere Werke vereint", so Ohlmann. "Es kann wie ein einziger Band ausschauen, aber in Wirklichkeit sind es fünf Hände darin". Insgesamt umfasst die Bibliothek weit über 5000 Bücher – die übrigen lagern im Landeskirchlichen Archiv.
Die Sanierung war ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz und modernem Brandschutz. Unter der Federführung von Wolfgang Mück und dem Denkmalamt wurde jedes Detail abgestimmt. Der Eingang bleibt bewusst unauffällig. Ursprünglich betrat man den Raum über eine hölzerne Außentreppe, die im Zuge der Reformation durch einen inneren Zugang ersetzt wurde.
Die Renovierung brachte jedoch noch einen ganz anderen Schatz ans Licht. Pfarrerin Tabea Richter erinnert sich an das Anheben der Holzkonstruktionen: "Dabei hat man diese Akten aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, wo sich die Neustädter zur Bekennenden Kirche bekennen". Diese historischen Karteikarten von Familien, die sich dem NS-Regime entgegenstellten, waren einst heimlich unter die Regale geschoben worden. Auch ein Buch, das hastig vor den Nationalsozialisten versteckt wurde, lag dort. "Das hätte man nie gefunden, wenn der Förderkreis nicht so viel getan hätte", betont Richter dankbar.
Luthers Spiegelbild und das unbezahlbare Lapis-Blau
Die wahren Schätze der Bibliothek findet Ohlmann jedoch im Regal. Mit ruhigen Bewegungen zieht er einen schweren Sammelband heraus. Es sind Originale von Martin Luther aus den Jahren um 1520. "Luther hat sich hier an die Laien gewandt", erklärt Ohlmann. Die Schriften, darunter Luthers Traktat "Von der Freiheit eines Christenmenschen", sind auf Deutsch verfasst.
Ein besonderes Prunkstück ist das erste gedruckte Porträt Martin Luthers überhaupt aus dem Jahr 1519. Doch wer genau hinsieht, bemerkt einen amüsanten historischen Fehler: "Da haben wir die Technik noch nicht so gut beherrscht. Man hat das spiegelverkehrt abgedruckt", lacht Ohlmann.
Kurz darauf zeigt er ein altniederländisches Buch mit einer kunstvollen Initiale. Es ist ein Buchstabe "H" – tiefblau glänzend und von erhabener Schönheit. "Das ist echtes Lapislazuli", erklärt Ohlmann fasziniert. Das wertvolle Pigment musste damals unter enormen Kosten importiert werden. "In Briefen hat sich Künstler beklagt, dass sie nicht genügend von diesem Blau haben und es sich nicht leisten können". Deshalb wurde das Lapis-Blau nur extrem sparsam am Kapitelanfang verwendet, um den Wert des Textes zu unterstreichen, während für gewöhnliche Verzierungen einfaches Rot herhalten musste.
Das Buch selbst ist in tief geprägtes Leder gehüllt, verziert mit einem Rollenstempel und geschützt durch schwere Messingbeschläge – sogenannte Buchbuckel und Schließen. "Staub ist das Gift für die Bücher", betont Ohlmann. "Deshalb sind sie verschlossen".
Ein geraubter Schatz und ein unerfüllter Lebenstraum
Trotz aller Freude gibt es ein Thema, das Reinhold Ohlmanns Mine verdüstert. Es ist der "wunde Punkt" der Neustädter Bibliotheksgeschichte. In den 1970er-Jahren kam es zu einer folgenschweren Transaktion. Der damalige Neustädter Dekan und der Leiter des Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg waren befreundet. Der Nürnberger Archivchef hatte ein Auge auf ein handschriftliches Buch zur Nürnberger Geschichte geworfen, das in Neustadt lagerte. Der Dekan schlug dem Kirchenvorstand vor, das Werk für 250 Mark zu verkaufen. Das Gremium forderte stattdessen zwar 1200 Mark, der Betrag wurde aber bezahlt, das Buch wechselte den Besitzer.
"Der Wert dieses Schatzes ist ideell unermesslich", klagt Ohlmann. Seit Jahren hofft er, dass die Nachfahren des Käufers den Wert erkennen oder das Buch den Weg zurück nach Neustadt findet. "Wenn dieses Buch als Kunstschatz wieder hier zurückkehren würde, dann wäre ein Lebenstraum von mir erfüllt", gibt er offen zu. Für 1200 Mark – umgerechnet 600 Euro – würde die Gemeinde das Werk sofort zurückkaufen.
Ein Erbe flieht vor dem Bauernkrieg
Die Historie der Bibliothek reicht tief in das Jahr 1525 zurück. Damals stand das Franziskanerkloster St. Wolfgang im nahegelegenen Riedfeld vor dem Ruin. Als im Zuge des Bauernkriegs die aufständischen Bauern nahten, flohen die Mönche und brachten ihre kostbaren Bücher hastig über die Aisch in der Neustädter Stadtkirche in Sicherheit. Aus diesem überstürzten Rettungsakt entstand der Grundstock der heutigen Bibliothek. Über die Jahrhunderte wuchs der Bestand, getragen von einer einzigartigen Tradition: Jeder scheidende Dekan verpflichtet sich, der Bibliothek zum Abschied ein wertvolles Buch zu schenken.
Heute ist die Bibliothek ein geschütztes Kulturdenkmal. Sie soll jedoch kein verstaubtes Museum sein. Seit August 2026 ist Neustadt offizieller Teil der neu gegründeten "Bayerischen Bibliothekenstraße". Schulklassen dürfen in kleinen, betreuten Gruppen die Schätze besichtigen. Für wissenschaftliche Arbeiten bleibt die Bibliothek ebenfalls zugänglich, kündigt Pfarrer Christof Meißner an.
Für Ohlmann war die Arbeit in der Bibliothek nie eine Last, sondern ein Zustand des vollkommenen Aufgehens, ein "Flow". "Ich habe hier schon gearbeitet, bevor ich verheiratet war, bevor ich Kinder bekommen habe. Es ist die längste Phase meines Lebens". Ohlmann kam kurz nach seinem Abitur eher durch Zufall zu der Aufgabe in der Kirchenbibliothek, als er in den Ferien nach einer Möglichkeit suchte, sich etwas Geld zu verdienen. Man wies den jungen Abiturienten damals darauf hin, dass in der historischen Kirchenbibliothek dringend sauber gemacht werden müsste. Ohlmann übernahm das Angebot und begann in den Schul- und Semesterferien, den verstaubten Bestand Buch für Buch gründlich zu reinigen. Da er diese akribische Säuberung nur in den Ferienzeiten durchführen konnte, zog sich die Arbeit über mehrere Jahre hin. Aus dem ursprünglichen Nebenjob zum Geldverdienen entwickelte sich schnell eine tiefe Leidenschaft.
Obwohl Ohlmann den Dienst über die sechs Jahrzehnte hinweg weitgehend unentgeltlich versah, sah er seinen eigentlichen Lohn im Umgang mit den Jahrhunderte alten Werken und dem fachlichen Austausch mit Forschern und Wissenschaftlern aus aller Welt. Nun freut er sich darauf, sich seinen anderen Hobbys, wie der künstlerischen und handwerklichen Steinbildhauerei, zu widmen.