Starnberg, Frankfurt a.M. (epd). Die deutsche Sprache verdankt Loriot bemerkenswert einfache Sätze: "Das Ei ist hart", "Die Ente bleibt draußen", "Früher war mehr Lametta", "Bitte sagen Sie jetzt nichts" oder das lapidare "Ach (was)". Mit ihnen hat der Großmeister des oft feinsinnigen und manchmal auch abgründigen Humors seine Fernsehsketche geprägt.

"Eine Hausfrau hat das im Gefühl." - "Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht", debattiert das Paar über das zu harte Ei. Eine Frau schwört auf ihr Jodeldiplom ("Holleri du dödl di"), mit dem sie "was Eigenes" hat, während ein Mann im gestörten Gespräch mit seiner Partnerin "einfach nur hier sitzen" möchte. Loriot, der selbst über große sprachliche Fähigkeiten verfügte, ging es oft um gestörte Kommunikation.

Vor 100 Jahren, am 12. November 1923, kam er in Brandenburg an der Havel als Spross eines preußisch-mecklenburgischen Adelsgeschlechtes zur Welt, er starb 2011. Schon sein Vater habe eine "große Leidenschaft für Dichtung und Theater" gehabt, notiert das Munzinger-Archiv. Auch das "ausgeprägte Zeichentalent" von Bernhard-Viktor Christoph-Carl ("Vicco") von Bülow, so sein vollständiger Name, fiel demnach bereits während der Schulzeit in Berlin und Stuttgart auf. Schauspielerisches Talent bewies er in Statistenrollen an der Stuttgarter Staatsoper und als Komparse beim Film.

Nach dem Notabitur 1941 schlug Vicco von Bülow, der Familientradition gemäß, die Offizierslaufbahn ein und wurde im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront eingesetzt. Eine Beurteilung aus dem April 1943 aus seiner online verfügbaren militärischen Personalakte im Bundesarchiv bescheinigt dem 19-Jährigen eine "ausgesprochene mimische und darstellerische Begabung" sowie "hervorragende" Unterhalter-Qualitäten. Gleichwohl heißt es darin weiter, der junge von Bülow übe gern Kritik, "auch an Vorgesetzten". Außerdem fehlt ein in Offizierskreisen eigentlich üblicher Hinweis auf eine gefestigte nationalsozialistische Haltung.

In einem Interview, das er Jahrzehnte später dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" gab, bereute der Ausnahmehumorist seine Kriegsteilnahme: Er sei als Soldat "nicht gut genug" gewesen, "sonst hätte ich am 20. Juli 1944 zum Widerstand gehört. Aber für den schauerlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte werde ich mich schämen bis an mein Lebensende."

Nach dem Krieg arbeitete er als Holzfäller in Niedersachsen, vervollständigte sein Abitur und studierte in Hamburg Malerei und Grafik. In den 50er Jahren begann er seine Karriere als Karikaturist und nannte sich fortan Loriot - das französische Wort für Pirol, der Wappenvogel der von Bülows. Der bekennende Liebhaber von Mops-Hunden ("Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos") kehrte in seinen frühen Zeichnungen das Machtverhältnis zwischen Menschen und Hunden um, was damals in Deutschland auf Ablehnung stieß. Zu einem weiteren Markenzeichen wurden Zeichnungen von Menschen mit Knollennasen.

Der Feder von Loriot entstammen beispielsweise Hund Wum, Elefant Wendelin und der außerirdische blaue Klaus, denen der Humorist viele Jahre auch seine Stimme lieh. Die - von ihm frei erfundene - Steinlaus brachte es sogar zu einem wissenschaftlichen Namen ("Petrophaga lorioti") und zu einem Eintrag ins klinische Wörterbuch Pschyrembel.

Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Loriot, inzwischen verheiratet und Vater zweier Töchter, in den 1970er und 1980er Jahren: als Fernsehhumorist an der Seite seiner kongenialen Partnerin Evelyn Hamann. Seine zwei Kinofilme "Ödipussi" und "Pappa ante Portas" folgten einige Jahre später. Jahrzehntelang lebte der Musik-Liebhaber - vor allem Opern von Richard Wagner hatten es ihm angetan - am Starnberger See.

Längst beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit ihm - unter anderen die Literaturwissenschaftlerinnen Claudia Hillebrandt von der Humboldt-Universität Berlin und Anna Bers von der Universität Göttingen. Laut Hillebrandt hängt sein Erfolg mutmaßlich mit einer gesellschaftlichen Veränderung "in den langen 60er Jahren von den Aufbaujahren nach dem Krieg zu der 68er-Bewegung" zusammen. In diese Phase fiel sein Aufstieg: "Diese Gesellschaft verändert sich und wird toleranter, auch im Umgang mit sich selbst. Sie kann mehr über sich lachen."

Aus Sicht von Anna Bers stellte Loriot zwar oft die Frage "Was machen wir falsch?", aber ihm sei es nicht um "den erhobenen Zeigefinger" oder ein "moralisierendes Nachdenken" gegangen. Für die bekannten Sätze wie "Früher war mehr Lametta" oder "Das Ei ist hart" lasse sich zeigen, "dass seine pointierten Sätze gar keine Pointe haben". Auch seien sie für sich genommen gar nicht lustig, aber: "Die rufen offenbar einen großen Kontext auf, der für uns etwas ganz spezifisch Loriot-haftes hat."

Verleger Philipp Keel vom Diogenes-Verlag, in dem über Jahrzehnte hinweg Loriots gedruckte Werke erschienen, würdigt den großen Humoristen mit den Worten: "Keiner hat den Geist und die Charakteristik der Deutschen so wunderbar ergründet." Loriot selbst sei es zwar um Perfektion gegangen, doch "man vergisst sie. Und lacht und lacht und staunt."

Der Entertainer und Buchautor Hape Kerkeling bescheinigte Loriot in einem epd-Gespräch im Sommer: "Er hat die Comedy-Szene geadelt. Er war nicht der Kasper, sondern der ungekrönte Kaiser."

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