Um ihre Geschichte zu erzählen, griff die iranische Autorin Marjane Satrapi auf ein besonderes Medium zurück: Sie schuf eine Graphicnovel und schuf daraus später einen Zeichentrickfilm. In einer langen Rückblende rafft "Persepolis" das Leben der achtjährigen bis zur Auswanderung der 24-jährigen Kunststudentin nach Frankreich zu einer tragikomischen Odyssee zusammen. In Cannes wurde das Werk 2007 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
In dem Film wächst Marjane als temperamentvolles Kind einer Teheraner Mittelschichtfamilie auf. Sie schwärmt für Bruce Lee und hört die Horrorberichte ihres kommunistischen Onkels von der Folter in den Gefängnissen des Schahs Khomeini. Doch kaum bejubelt die Familie den Sturz des Schahs und die neue Regierung, wird der Lieblingsonkel erneut verhaftet und stirbt im Gefängnis. Der neuen Realität unter den Mullahs, dem irakisch-iranischen Krieg und den Bomben auf Teheran begegnet das pubertierende Mädchen mit privater Rebellion mittels Rockmusik und T-Shirts mit Parolen.
Bald wird sie dafür von fremden Frauen auf der Straße angehalten und zurechtgewiesen. Ihre Mutter erlebt Ähnliches: "Frauen wie dich schmeiße ich auf den Müll!", wird sie von einem Bärtigen wegen ihres zu lockeren Kopftuches angegangen. Selbst im gezeichneten Rückblick ist die Aufgewühltheit des kleinen Mädchens spürbar, als es den Schock und die Hilflosigkeit der Mutter miterlebt. Die Wut der Mutter überträgt sich auf die Tochter, die in der Schule Kontra gibt und von ihren besorgten Eltern mit 14 Jahren zur Sicherheit in ein französisches Internat nach Wien geschickt wird. Aber auch dort wird das Mädchen nicht glücklich. Getrieben von Liebeskummer und Heimweh, kehrt sie nach wenigen Jahren zur Familie zurück.
Marjane Satrapi schilderte in dem Comic ihr Leben in einer religiösen Diktatur - und gab damit tausenden Frauen eine Stimme. "Für meine Generation (Mädchen, die ihre Jugend in den 1980er Jahren im Iran begannen und im Westen beendeten) war Marjane Satrapi eine Sprachrohr für unser Trauma, unsere Erziehung und unsere ganz eigene Mischung aus Scham, Unterdrückung und Offenheit", resümierte die Autorin Dina Nayeri jüngst im Guardian in einem Nachruf. Satrapi sei die Stimme gewesen, die die Frauen dazu ermutigt habe, sich nicht umherschubsen zu lassen.
Marjane Satrapi - Leben und Werk
Satrapi wurde 1969 in der iranischen Stadt Rasht geboren und wuchs in Teheran in einer säkularen, politisch engagierten Familie auf. Ihre Kindheit wurde durch die Revolution von 1979 und die darauf folgenden Repressionen geprägt - wie Geschlechtertrennung, die Inhaftierung und Hinrichtung von Dissidenten sowie den Iran-Irak-Krieg. Als Teenager schicktn die Eltern Satrapi 1983 zum Schulbesuch nach Wien. Später kehrte sie in den Iran zurück, studierte visuelle Kommunikation, heiratete, ließ sich scheiden und ging nach Frankreich, wo ein Großteil ihrer künstlerischen Arbeit entstand.
Zu ihren Werken zählen Graphicnovels wie "Sticheleien" oder "Huhn mit Pflaumen", das ebenfalls fürs Kino aufgearbeitet wurde. 2014 führte Satrapi die Regie bei dem Spielfilm "The Voices" mit Ryan Reynolds und Gemma Arterton. 2019 drehte sie den biografischen Spielfilm "Radioactive" über die Nobelpreisträgerin Marie Curie. Ihr letztes Comicbuch erschien 2024 unter dem Titel „Woman, Life, Freedom“.
Als im April 2025 ihr Ehemann, Mattias Ripa, Produzent und Schauspieler, starb, traf das die Autorin schwer. Im April diesen Jahres schrieb Satrapi in mehreren Instagram-Kacheln auf schwarzem Hintergrund: "For I lost the love of my life".
Die Familie Satrapis machte die Nachricht des Todes von Satrapi öffentlich. "Marjane Satrapi ist vor Kummer gestorben, gut ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihres Ehemanns und der Liebe ihres Lebens", heißt es in der Mitteilung der Angehörigen.