60 Jahre Mauerbau
Das Dorf Mödlareuth wurde zum Sinnbild der deutschen Teilung, denn fast vierzig Jahre lang verlief die deutsch-deutsche Grenze durch das Dorf. Museumsdirektor Robert Lebegern erklärt, was es damit auf sich hatte – und warum der Mauerbau nicht der Beginn der Teilung war.
Blick von der bayerischen Seite Mödlareuths auf die Mauer
Blick von der bayerischen Seite Mödlareuths auf die Mauer, 1980.

1961 wurde die Berliner Mauer gebaut, doch bereits vor dem Mauerbau war Deutschland geteilt. Besonders deutlich wurde das im kleinen Dorf Mödlareuth, das genau auf der Grenze zwischen Bayern und Thüringen liegt – und durch die innerdeutsche Grenze ab 1952 geteilt wurde. Heute erinnert ein Museum an die Zeit, die sich viele gar nicht mehr vorstellen können. Im Gespräch mit sonntagsblatt.de erzählt Museumsdirektor Robert Lebegern, wie er die deutsche Teilung erlebt hat, wie man sich die Teilung Mödlareuths vorstellen muss und wie es heute dort aussieht. 

Den Mauerbau haben Sie nicht persönlich miterlebt, oder?

Robert Lebegern: Nein, da war ich etwas zu jung. Aber die deutsche Teilung natürlich schon.

In welcher Form genau?

Robert Lebegern: Wir haben z.B. eine der obligatorischen Berlin-Fahrten mit der Schule unternommen. Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern. Damals habe ich mir natürlich nicht vorstellen können, wie es denn wäre, wenn man einmal durchs Brandenburger Tor gehen könnte. Und ja, mittlerweile bin ich schon des Öfteren hindurchgegangen.

Ihr Museum in Mödlareuth widmet sich ja der der deutsch-deutschen Teilung an der bayerisch-thüringischen Grenze. Das Dorf war früher wie Berlin auch in der Mitte geteilt durch eine Mauer.

Robert Lebegern: Genau. Berlin wurde ja zu dem Symbol der deutschen Teilung schlechthin. Allerdings wurde die innerdeutsche Grenze bereits neun Jahre vor dem Mauerbau, am 26. Mai 1952 geschlossen. Das ist im kollektiven Bewusstsein eigentlich gar nicht so verankert.

Das stimmt. Kann man sich Mödlareuth wie Berlin im Kleinformat vorstellen?

Robert Lebegern: Es gab schon Ähnlichkeiten. Wobei die Teilung in Mödlareuth historisch gesehen nicht erst durch die politische Teilung Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 verursacht wurde.

Sondern?

Robert Lebegern: Schon seit 1810 stellte der Tannbach die Grenze zwischen dem Königreich Bayern und dem Fürstentum Reuß, später dann zwischen den Freistaaten Bayern und Thüringen dar. Bis heute ist das eine ganz normale Verwaltungsgrenze, die niemanden stört. Es gibt ja auch heute noch unterschiedliche Dialekte: Die einen sagen ‚Grüß Gott‘, die anderen ‚Guten Tag‘.

Also besteht die Teilung eigentlich weiter fort?

Robert Lebegern: Nein, gar nicht, was das Alltagsleben der Mödlareuther anbelangt. Vor einiger Zeit haben die Mödlareuther einen gemeinsamen Dorfverein gegründet, die Dorffeste werden gemeinsam gefeiert. Die Teilung spielt in den Köpfen der Leute keine Rolle mehr.

Sieht man aber noch Unterschiede zwischen den beiden Hälften, etwa architektonisch?

Robert Lebegern: Das ist mittlerweile sehr verschwommen. Mitte der 1990er Jahre hat zunächst auf der thüringischen, später auf der bayerischen Seite eine Dorferneuerung stattgefunden. Heute ist es sehr schwierig, von der Bausubstanz zu erkennen, wo die bayerische, wo die thüringische Seite ist. Und auf der thüringischen Seite steht der Trabbi steht auch nicht mehr vor der Tür.

 

An einem Stück der Mauer, dass als Mahnmal im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth stehen geblieben ist, spricht Redakteurin Daniela Schuberth mit Pfarrer Gerhard Schneider i.R. über die Rolle der Kirche bei der deutschen Einheit und über seine Zeit als evangelischer Pfarrer im ehemaligen Grenzgebiet.

Sie leiten das Museum schon, seitdem es existiert, oder?

Robert Lebegern: Nicht ganz, ich bin 1992 dazugekommen.

Das sind nächstes Jahr auch 30 Jahre. Was hat sich in dieser Zeit denn aus Ihrer Sicht verändert?

Robert Lebegern: Anfangs hatte man noch vergleichsweise wenig Besucher. Statistiken darüber führen wir allerdings erst seit 2006. Und hier ist schon festzustellen, dass das Interesse an der Geschichte der deutschen Teilung, auch an den Gedenkstätten, Museen hier an der innerdeutschen Grenze und auch speziell in Mödlareuth, in den letzten Jahren stetig zunahm und nach wie vor sehr groß ist.

Lässt sich sagen, welche Leute besonders vom Museum angezogen werden?

Robert Lebegern: Das ist schon fast ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft. Wir haben natürlich Schülergruppen, das sind ungefähr 40 Prozent der Besuchergruppen. Aber es kommen auch viele Besucher im Rahmen der Erwachsenenbildung, kirchliche Vereinigungen, wirtschaftliche Vereinigungen, Stiftungen, Vereine, Verbände bis hin zu rein touristischen Gruppen.

Robert Lebegern

Robert Lebegern
Museumsdirektor Robert Lebegern

Der gebürtige Oberpfälzer, Jahrgang 1964, ist seit 1992 Leiter des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth.

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