Lächelnd sitzt der Specht aus Holz an einem Baumstamm und zeigt mit seinem Schnabel auf zwei eingravierte rote Herzen. "Sei einfach du und die Welt wird bunt", steht darunter. Wenn man nur auf die roten Herzen schaut, könnte die Skulptur in der Ecke des Wohnzimmers von Fabian und Julia Seith (Namen geändert) auch ein Hochzeitsgeschenk sein. Aber sie wird einmal auf Fabians Grab stehen, auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Norden Hamburgs.
So hat der 56-Jährige es geplant. Er hat Darmkrebs im Endstadium. Der Tumor wurde 2022 bei einer Routine-Untersuchung entdeckt, aber er hatte schon gestreut, in die Leber, in die Lunge. Die Ärzte gaben ihm damals noch zwei Monate.
"Das ist ein knallharter Weg"
Im langen, heißen Sommer 2026 sitzen Fabian und seine Frau Julia im Wohnzimmer ihrer abgedunkelten Wohnung in der Hamburger Neustadt. Die Ärzte hatten glücklicherweise nicht recht, aber die Krankheit ist vorangeschritten. Fabian Seith hat inzwischen alles für seinen Tod vorbereitet und geplant. Und für die Zeit danach, für Julia.
"Aber so einfach ist das nicht: Wir schrauben hier einen Specht an die Wand, und alles ist gut", sagt Julia Seith gleich zu Beginn und muss zum ersten Mal mit den Tränen kämpfen. "Das ist ein knallharter Weg, mit tiefsten Tiefen."
Nach der Diagnose habe Fabian erst einmal sechs Wochen lang nicht mehr gesprochen. "Es war ein Schock der Seele", sagt Julia. Er habe in der Zeit viel nachgedacht, erinnert sich Fabian, darüber, was nun zu tun sei, über Julia. "Und dann sind wir alles Schritt für Schritt durchgegangen."
Er hat die Grabskulptur mit dem Specht entworfen und sich einen Platz auf dem Friedhof ausgesucht. Hat mit einem Filmemacher ein 90-minütiges Interview aufgezeichnet, in dem er von seinem Leben erzählt, und den Film gemeinsam mit Familie und Freunden in einem Hamburger Kino angeschaut. Ist mit Julia die Finanzen durchgegangen, hat geschaut, ob sie sich die Wohnung nach seinem Tod noch leisten kann. Hat Teams von Freunden gebildet, die Julia nach seinem Tod unterstützen können, zum Beispiel bei IT-Problemen. In drei Boxen sammelt er Zettel für seine Frau: zu Computerfragen, mit Kochrezepten und mit Lebensweisheiten.
Bewusstsein für das Leben und die Endlichkeit
"Der Umgang dieses Patienten mit seinem bevorstehenden Tod ist etwas ganz Besonderes", sagt Elisabeth Jentschke, Psychologin, Psychotherapeutin und Psychoonkologin am Universitätsklinikum Würzburg. "Er setzt sich aktiv mit dem Tod auseinander, versucht aber auch, mit dem gegenwärtigen Leben verbunden zu bleiben." In der Fachsprache heiße diese Fähigkeit 'double awareness' - ein gleichzeitiges Bewusstsein für das Leben und für seine Endlichkeit. "Das sind keine Gegensätze."
Sich bewusst zu überlegen, wie die verbleibende Zeit noch gestaltet werden könne, gebe einem todkranken Menschen Kontrolle und Selbstwirksamkeit, erläutert Jentschke. "Dadurch bleibt er Handelnder und wird nicht nur zum Sterbenden."
Im Rollstuhl an die Alster statt Reise nach Grönland
"Akzeptanz ist der Schlüssel zu allem", sagt Fabian Seith an seinem Wohnzimmertisch. Den nahenden Tod zu verdrängen, würde ihn eher Kraft kosten. Er akzeptiert, dass manche Dinge nicht mehr gehen, richtet aber gleichzeitig den Blick auf das, was noch möglich ist, wie er sagt. Keine Reisen mehr nach Grönland oder Nepal, stattdessen zunächst noch Ausflüge nach Helgoland oder in die Lüneburger Heide. Dann Spaziergänge um die Außenalster. Als auch bei kurzen Wegen zu Fuß die Atemnot immer stärker wurde, nutzte er einen Rollstuhl, um herauszukommen.
"Akzeptanz kann absolut entlastend sein", bestätigt Jentschke. Sie betont aber auch: "Menschen dürfen sehr unterschiedlich sterben." Aus Untersuchungen wisse man, dass fast die Hälfte der Menschen mit einer schweren Erkrankung nicht umfassend verstanden habe, dass ihr Leben zu Ende gehe. "Vielleicht kognitiv, aber nicht emotional", sagt die Psychoonkologin. Das mache auch die Beratung schwierig. "Der eine möchte alles wissen und vorbereiten. Ein anderer braucht mehr Hoffnung, vielleicht auch Ablenkung, manchmal sogar Vermeidung." Das könne sich phasenweise auch immer wieder abwechseln.
Vorweggenommener Trauerprozess
Fabian und Julia Seith erzählen, dass einige Freunde und Bekannte sich zurückgezogen hätten, weil sie mit der offenen Art, mit der die beiden über den Tod sprechen, nicht umgehen konnten. Andere seien dankbar, weil sie dadurch die Gelegenheit hätten, das eigene Leben zu reflektieren. "Wegen uns gab es in unserem Umfeld sowohl Hochzeiten als auch Scheidungen", erzählt Julia Seith. Fabian sieht es in seiner verbleibenden Zeit als seine Aufgabe an, den Tod zu "entschrecken", wie er es ausdrückt: "Mein Tod ist ein partyfähiges Thema geworden."
Die meiste Kraft findet er bei seiner Frau. "Es funktioniert nur, diesen für beide individuell unterschiedlichen Weg gemeinsam zu gehen und zu gestalten", schreibt er nach dem Besuch der Reporterin. "Ohne sie hätte ich das nicht geschafft und würde vermutlich nicht mehr den Lebenswillen und die Lebensfreude haben." Ende September meldet Julia sich noch einmal. Fabian geht es mittlerweile deutlich schlechter.
"Auch für mich ist es ein vorweggenommener Trauerprozess", so hatte sie Fabians Vorbereitungen auf den Tod beim gemeinsamen Gespräch im Wohnzimmer formuliert. "Es sind tausend größere und kleinere Abschiede." Sie hoffe, dass sie es schaffe, Fabian loszulassen und die Dankbarkeit in den Vordergrund zu rücken, für das, was sie hatten. Nach seinem Tod will sie einen Trauerweg gehen, von München an den Bodensee. Was dann kommt, weiß sie noch nicht. "Man kann nicht alles planen."