Weniger Menschen erreichen Europa über das Mittelmeer, gleichzeitig steigt die Zahl der Toten und Vermissten. Auf der zentralen Mittelmeerroute nach Italien etwa gingen die Ankünfte laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bis Mitte September um 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück, während die Zahl der Toten und Vermissten von 844 auf 996 stieg. 

Anna di Bari, die neue Vorsitzende des Regensburger Seenotrettungsvereins Sea-Eye, sieht darin ein Zeichen für die zunehmende Abschottung Europas. Im Interview erklärt sie, warum die zivile Seenotrettung aus ihrer Sicht weiter notwendig ist und wie sich die politische Debatte verändert hat.

Frau di Bari, wie ist die Lage auf dem Mittelmeer derzeit?

Anna di Bari: Die Situation wird dramatischer. Unsere Crews wissen von Fällen, die sie wegen Dunkelheit oder fehlender Informationen nicht mehr finden. Gleichzeitig beobachten wir, dass Menschen von Libyen aus zurückgebracht werden. Wir nehmen Menschen an Bord, die sich in extrem vulnerablen Zuständen befinden.

Die IOM registriert weniger Ankünfte, aber mehr Tote und Vermisste. Was sagt das aus?

Di Bari: Das zeigt, dass weniger Menschen Europa erreichen, die Flucht aber nicht ungefährlicher wird. Im Gegenteil: Wenn die Ankunftszahlen sinken und gleichzeitig mehr Menschen sterben oder vermisst werden, müssen wir uns fragen, welchen Preis die europäische Abschottung hat. Wir sagen seit mehr als zehn Jahren: Seenotrettung ist eine fundamental humanitäre Aufgabe.

Seenotrettung bleibt notwendig

Warum übernehmen zivile Organisationen diese Aufgabe seit mehr als einem Jahrzehnt?

Di Bari: Ursprünglich war die zivile Seenotrettung als Übergangslösung gedacht. Es gab eine europäische Mission, die eingestellt wurde. Danach gründeten sich NGOs, weil Menschen weiter im Mittelmeer starben und niemand mehr ausreichend vor Ort war, um sie zu retten. Wir sind davon ausgegangen, dass irgendwann wieder eine staatlich organisierte europäische Seenotrettung kommt. Das ist bis heute nicht passiert. Und noch weitergehend: Es ist in große Ferne gerückt, dass es eine solche Mission geben wird.

Gleichzeitig geraten die NGOs politisch unter Druck.

Di Bari: Ja. Rettungsschiffe werden festgesetzt, Crews behindert und teilweise in weit entfernte Häfen geschickt. Das Skandalöse ist, dass sich eine Normalisierung entwickelt hat. Wir können uns auch nicht darauf verlassen, dass wir zumindest staatlichen Rückhalt für unsere Arbeit bekommen.

Kritik an Zusammenarbeit mit Libyen

Besonders umstritten ist die Zusammenarbeit mit Libyen.

Di Bari: Die humanitäre Situation in Libyen ist dramatisch. Folter und schwere Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Trotzdem unterstützt die EU den Ausbau der maritimen Strukturen Libyens. Anfang Februar besuchte etwa eine EU-Delegation das Maritime Rescue Coordination Centre in Tripolis und verständigte sich über weitere technische Unterstützung für die libyschen maritimen Institutionen.

Wir sehen, dass dadurch Strukturen legitimiert werden, in denen Menschen gewaltvoll nach Libyen zurückgebracht werden, obwohl dort schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Gleichzeitig macht sich Europa abhängig, ja zukünftig erpressbar, wenn solche Strukturen unterstützt werden.

Auch Deutschland hat seine Haltung zur zivilen Seenotrettung verändert.

Di Bari: Die Bundesregierung hat 2025 entschieden, die Förderung ziviler Seenotrettung aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts nicht fortzuführen. Zuvor hatte der Bundestag eine Förderung von jährlich zwei Millionen Euro für die Jahre 2024 bis 2026 beschlossen.

Sea-Eye will weitermachen

Was bedeutet diese Entwicklung für Sea-Eye?

Di Bari: Wir fahren weiter raus. Das ist unser Hauptzweck. Gleichzeitig versuchen wir, politisch und juristisch gegen die Behinderungen vorzugehen. Wir haben in mehreren Verfahren Recht bekommen. Das zeigt, dass der Rechtsstaat weiterhin Möglichkeiten bietet, gegen solche Maßnahmen vorzugehen.

Die Migrationsdebatte hat sich deutlich verschärft. Wie wirkt sich das auf die Zivilgesellschaft aus?

Di Bari: Ich finde das schockierend. Ursprünglich wollten wir so lange helfen, bis der Staat wieder einspringt. Jetzt wird diese Aufgabe seit elf Jahren von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Organisationen getragen. Gleichzeitig wird Migration immer stärker über Zahlen, Grenzen und Abschottung diskutiert. Wir müssen wieder über die Menschen sprechen, die hinter diesen Zahlen stehen.

Streit um den Pullfaktor

Was halten Sie dem sogenannten Pullfaktor entgegen?

Di Bari: Die Debatte wird immer wieder hervorgeholt. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass zivile Seenotrettung Menschen dazu bringt, sich auf die gefährliche Überfahrt zu begeben. Im Gegenteil: Niemand setzt sich auf ein seeuntüchtiges Boot und riskiert sein Leben, weil er auf bessere Sozialleistungen hofft. Für mich ist der Pullfaktor zu einem politischen Kampfsymbol geworden.

Was müsste passieren, damit Sea-Eye in zehn Jahren nicht mehr gebraucht wird?

Di Bari: Es müsste wieder eine staatlich organisierte europäische Seenotrettung geben. Und die Politik müsste erkennen, dass man für eine härtere Migrationspolitik nicht die Grundpfeiler der Rechtsstaatlichkeit infrage stellen darf.

Was ist Ihr zentraler Appell?

Di Bari: Wir würden dem Thema Seenotrettung helfen, wenn wir uns auf einen einfachen Grundsatz verständigen: Wir lassen keine Menschen ertrinken und tun alles, was dafür notwendig ist, um das Sterben zu beenden. Über alles andere können wir anschließend diskutieren.