29.04.2018
Gemeinsam singen

Wer bei "Rudelsingen" an Wölfe denkt, die den Mond anheulen, der irrt: Das alternative Konzertformat besuchen Menschen, die gern und laut singen – vom Schlager bis zum Rocksong. Ob jemand dabei den Ton trifft, ist unwichtig. Hauptsache, er geht hinterher beschwingt nach Hause.
Gäste beim Rudelsingen.
Zwischen 300 und 3.000 Menschen kommen zu den Veranstaltungen des "Rudelsingen" an mittlerweile über 100 Orten in Deutschland.

Gedimmtes Licht aus Kronleuchtern, Discoscheinwerfer in Orange und Lila, Stehtische mit lila Hussen, an denen Menschen lehnen und bei Spezi und Sprizz lachen und quatschen. Dass das hier mehr wird als ein Kneipenfeierabend, zeigen Keyboard, Gitarren und Mikroständer auf der Bühne des Theaterzelts "Schloss" am Rande des Olympiaparks.

"16. Münchner Rudelsingen" projiziert ein Beamer an die Wand, und dann brandet auch schon Jubel und Applaus auf, als kämen Die Toten Hosen selbst in die Arena. Es sind aber bloß Volker Beck und Uli Wurschy aus Frankfurt, die musikalischen Vorturner des Abends. Denn der Star ist das Publikum, das jetzt zum eingeblendeten Text lauthals "An Tagen wie diesen" singt, röhrt und rockt.

Rudelsingen: Ungezwungen und beschwingt

"Ich singe gern laut", sagt Daniela, die schon zum zweiten Mal beim Rudelsingen mitmacht. Für den Chor sei sie aber zu schlecht, meint die 55-Jährige mit den kurzen roten Haaren und lacht: "Jedenfalls ist meine Familie dieser Meinung." Ihre Freundin Roswitha ist heute zum ersten Mal dabei, aber jetzt schon überzeugt: "Ich fand das gleich 'ne gute Idee", sagt die 59-Jährige. Etwa ein Drittel der Gäste ist an diesem Abend neu. Für sie erklärt Sänger Wurschy noch mal die Regeln beim Rudelsingen: 50 Prozent der Lieder sind deutsch, jedes Lied soll wenigstens für die Hälfte der Gäste bekannt sein, und das Wichtigste: "Das ist hier total ungezwungen. Wer singen will, singt. Hauptsache, die Leute gehen hinterher beschwingt nach Hause."

Team Odenwald beim Rudelsingen.
Volker Beck (hinten) und Uli Wurschy touren als "Team Odenwald" durch Süddeutschland.

Rudelsingen statt regelmäßiger Chorprobe

Dreimal acht Lieder haben die Profimusiker für diesen Abend vorbereitet, damit dazwischen genug Pausen sind für Essen, Trinken, Reden. Die Mischung ist wild: Nach den Toten Hosen kommt Supertramp, und gleich danach "was ganz Krasses", wie Uli Wurschy ins Mikro raunt. "Zwei Apfelsinen im Haar", heißt der Schlager, den France Gall im Jahr 1968 auf Deutsch eingesungen hat und der die Stimmung im Publikum jetzt zum Kochen bringt. Die meisten Gäste sind zwischen 40 und 60, und die paar jüngeren der Generation Smartphone stehen gerade mit ratlosem Blick daneben.

"Es sind immer zwei oder drei Lieder dabei, die mir nichts sagen", sagt Georg, Baseballkappe, Vollbart und schwarz gerahmte Brille. Der 28-Jährige singt gern, hat aber nicht genug Zeit für einen Chor. "Da muss man ja auch mal am Wochenende hin und so", sagt er. Also geht er lieber ab und zu zum Rudelsingen. Seine Begleiterin Petra, 27 Jahre, ergänzt mit leuchtenden Augen: "Wenn so viele Leute singen, klingt das einfach immer toll – egal wie schlecht man selber singt."

Rudelsingen in München.
Discolicht mit Kronleuchtern: das 16. Münchner Rudelsingen im Theaterzelt "Das Schloss".

Rudelsingen stammt aus Münster

Beim nächsten Kracher können wieder alle mit: Die Textzeilen von "Maria" der Rockröhre Blondie erscheinen an der Wand, und Uli Wurschy witzelt: "Manchmal denkt man sich ja: Was hab ich eigentlich all die Jahre gesungen?" Als Tribut ans bayerische Publikum kommt ein 70er-Jahre-Hit des Österreichers Peter Cornelius – das gibt der hessische Dialekt von Frontmann Wurschy zwar nicht her, aber der Münchner Zufallschor vor der Bühne macht das wieder wett. "In Hamburg würden wir da eher Hamburg, meine Perle spielen", erklärt Pianist Volker Beck das Regional-Prinzip des Rudelsingens.

Das Konzept der Reihe, die 2011 in Münster startete, kommt an mittlerweile über hundert Aufführungsorten zwischen Bremerhaven und München, Chemnitz und Aachen gut an. "Der Erfolg war von Anfang an da", sagt Rudelsingen-Erfinder David Rauterberg. Zwischen 300 und 1500 Besucher füllen die Hallen, bei den Sommer-Open-Airs sind es schon mal 3000. Elf Teams touren mit der bunten Mischung von Volkslied bis Heavy Metal durch Deutschland – und ständig kommen neue Orte dazu. "Die letzte Premiere hatten wir in Wetzlar", sagt Rautenberg.

300 Menschen singen gemeinsam

"Es überrascht mich manchmal, wie viel Freude das gemeinsame Singen den Leuten bereitet", ergänzt Uli Wurschy. In der Menge würden viele ihre Hemmungen beim Singen verlieren. Wurschy und Beck betreiben seit 20 Jahren eine Musikschule in Frankfurt und versorgen als "Team Odenwald" den Süden der Republik mit den Rudelgesängen.

Ihre Qualifikation als Musiklehrer stellen sie beim Vokalhit "Don't worry, be happy" von Bobby McFerrin unter Beweis, als sie den Saal zweistimmig singen lassen. "Ngugu, ngugu" summen und brummen alle – und ein glückliches Staunen hängt in der Luft, als das Experiment gelingt und das "Schloss" erfüllt ist vom Klang aus 300 Kehlen. "Das klingt echt toll, ihr müsstet mal hier oben stehen!", sagt Uli Wurschy. Die Menge lacht erleichtert – und holt sich dann ihren verdienten Pausendrink.

Veranstaltungs-Tipp

Rudelsingen in Bayern

Das nächste Münchner Rudelsingen findet am 11. Juni um 19.30 Uhr statt. Bayernweit gibt es das Rudelsingen auch in Nürnberg (12.6.) und in Ansbach (18.10.). Für Herbst 2018 ist ein Rudelsingen in Bayreuth geplant. Alle Termine unter www.rudelsingen.de

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