26.01.2017
Stiftungen

Warum die Reformation ein Schlag ins Kontor des Stiftungswesens war

Heute gründen Menschen Stiftungen oft aus Dankbarkeit und dem Bedürfnis, "etwas zurückzugeben" oder etwas Bleibendes zu hinterlassen. Vor der Reformation war es vor allem die Sorge ums Seelenheil. Die Erkenntnis Luthers von der unverdienten Gnade war für das Stiftungswesen ein heftiger Schlag ins Kontor. Jedenfalls zunächst.
Martin Luther schlägt seine 95 Thesen an 1517, Ausschnitt aus dem Bild von Ferdinand Pauwels.

Auch die Menschen des Mittelalters sorgten gern vor: In ständiger Furcht vor dem Jüngsten Gericht, vor dem Fegefeuer und ewigen Höllenqualen musste man bereits im Diesseits dafür sorgen, durch gute Werke die eigene Sündenlast so gut es ging zu verringern.

Eine unübersehbare Flut von Stiftungen war die Folge - vor allem in den Städten, die auch damals schon die wirtschaftlichen Innovations-Motoren waren. Kirchen, Klöster, Altäre und Kirchenfenster wurden gestiftet, Hospitäler, Armen-, Alten-, Waisen- und Siechenhäuser, und selbst wer nicht besonders wohlhabend war, konnte zum Wohl des eigenen Seelenheils oder für die Seelen seiner Vorfahren Gutes für andere tun. Für die mühselige Arbeit in der Krankenpflege im Würzburger Juliusspital versprach beispielsweise Papst Clemens VI. 1551 vollkommenen Sündenerlass: "Ob die Kranken schon stark schmecken und langwierige Krankheiten haben, sich doch nit irren lassen, denn dieser Gestank kräftig ist, die Sünden abzulassen und vor dem Ungeschmack der Hölle sich kräftig zu verhüten."

Diese päpstliche Argumentation finden Protestanten bis heute anrüchig. Gegen die Krankenpflege und andere barmherzige Werke hatten die Reformatoren natürlich nichts. Aber die Bedürftigen, die in den Genuss solcher Zuwendungen kamen, hatten eine Gegenleistung zu erbringen: Sie mussten zur "Bezahlung" eine meist festgelegte Zahl von Fürbittgebeten zugunsten ihrer Stifter gen Himmel schicken, um deren Errettung vor Strafe und Höllenpein zu erflehen.

»Fegefeuer des heiligen Patrick«: Kolorierte Zeichnung aus der elsässischen Handschrift Legenda Aurea (folio 338r., Straßburger Künstler, 1419, Universitätsbibliothek Heidelberg).
»Fegefeuer des heiligen Patrick«: Kolorierte Zeichnung aus der elsässischen Handschrift Legenda Aurea (folio 338r., Straßburger Künstler, 1419, Universitätsbibliothek Heidelberg).

Die Erfindung der Gemeinnützigkeit

Martin Luther formulierte seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel, die er Ende 1517 an den Erzbischof von Mainz schickte, zunächst in der Wissenschaftssprache seiner Zeit, also auf Latein. Aber schon Anfang 1518 wird in Nürnberg unter dem Titel "Sermon von ablaß und gnade" eine vereinfachte und in deutscher Sprache abgefasste Version der Thesen gedruckt. Die Flugschriften mit Luthers Fundamentalkritik am Ablasshandel schlagen in ganz Europa ein wie eine Bombe.

Mit Martin Luthers grundstürzender Erkenntnis, dass der Mensch Gottes Gnade und Vergebung uneingeschränkt und ohne Gegenleistung empfangen darf, war die Furcht vor göttlicher Strafe im Jenseits als Stiftungsmotiv schlagartig weggefallen. Tatsächlich wurden kaum noch fromme Stiftungen neu gegründet, viele wurden aufgelöst - vor allem dort, wo Fürsten herrschten, die es mit der neuen Lehre hielten. Zum einen, weil die Stiftungsträger, Klöster oder andere geistliche Gemeinschaften vertrieben wurden oder zum neuen Glauben übergetreten waren. Zum anderen, weil in den Ländern, in denen die Reformation durchgeführt wurde, Kirchengut und Stiftungen säkularisiert wurden. Ein vielschichtiges Sozialsystem, bisher finanziell und personell von der Kirche getragen, geriet ins Wanken oder brach zusammen.

Ein anschauliches Beispiel sind die Zwölfbrüderarmenstiftungen im evangelischen Nürnberg. Sie "überlebten" bis 1806, als die Stadt dem neuen bayerischen Königreich eingegliedert wurde. Von Anfang an gemeinnützig-bürgerschaftlich, hatte man in der Reformation nur die zu erbringende Gebetsleistung verändert. Überhaupt veränderten sich die mittelalterlichen "frommen Stiftungen" (pia causa) durch die Folgen der Reformation nolens volens zu gemeinnützigen Stiftungen (utilis causa).

Das ehemalige Kirchengut verwendeten evangelische Fürsten nun für den Unterhalt ihrer neuen Pfarrer und Prediger, um protestantische Schulen und bestehende Spitäler zu unterhalten oder die Armen zu unterstützen. Mit den Überschüssen aus den aufgelösten Stiftungen sollten laut einem Beschluss des Schmalkaldischen Bunds von 1540 die evangelischen Fürsten nach eigenem Gutdünken verfahren. Selbstverständlich gab es Überschüsse!

Ablasshandel (Holzschnitt, 1510).
Ablasshandel (Holzschnitt, 1510).

Sozialfürsorge über den "Gemeinen Kasten"

Einschneidend für die bisherigen Stiftungen war die Zusammenlegung ihres Vermögens mit dem sonstigen Kirchenvermögen in den "Gemeinen Kasten", aus dem nun die gesamte Sozialfürsorge und das Bildungswesen finanziert wurden.

Von vielen Klöstern blieben unter evangelischer Herrschaft die Schulen, denn Bildung war ein zentrales reformatorisches Anliegen. In Württemberg entstanden in Maulbronn oder Blaubeuren Internate für begabte Schüler gleich welcher sozialer Herkunft. Das berühmte "Evangelische Stift" in Tübingen ist eine der ersten protestantischen Stiftungen, gegründet 1536 als "Herzogliches Stipendium" für Nachwuchstheologen.

Auch im fränkischen Heilsbronn blieb vom Kloster die Schule. Markgraf Georg der Fromme von Ansbach säkularisierte einen Teil des Klosterguts in der Absicht, damit die Schulden seines Fürstentums zu tilgen. Sein Sohn Georg Friedrich stiftete dann 1581 eine "Fürstenschule", die rund 150 Jahre bestand. Durch sie wurde Heilsbronn nach der Klosterauflösung noch einmal zum kulturellen Mittelpunkt der Markgrafschaft Ansbach. 1737 vereinigte man diese Bildungsanstalt mit dem Gymnasium in Ansbach.

Heute gibt es in Deutschland über 21.000 rechtlich selbständige Stiftungen und mehr als 30.000 kirchliche Stiftungen. Stiftungen in der Obhut von Treuhändern sind dabei nicht eingerechnet. Jährlich kommen um die 600 Neugründungen hinzu.

Die heutige hohe Stiftungsdichte in Deutschland erscheint mit Recht als ein Zeichen von Wohlstand, Frieden, Freiheit und gelungener Demokratie. Aber sie ist keine Selbstverständlichkeit. Der Wandel von der frommen zur gemeinnützigen Stiftung, der vor 500 Jahren begann, wirft ein Licht darauf, wie umfassend, einschneidend und richtungweisend die geistig-sozialen Umbrüche der Reformationszeit waren.

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Wilhelm Popp ist Stiftungsreferent im Kompetenzzentrum Fundraising der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern (ELKB). Der Verwaltungswirt berät Menschen sowie kirchliche und diakonische Einrichtungen, die sich dafür interessieren, eine Stiftung zu gründen. Im Interview erklärt Popp unter anderem, vor welchen Problemen sie dabei stehen.
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