Ein Kind erzählt eine Lügengeschichte, ein Partner schwindelt eine völlig unsinnige Geschichte daher. Eine seriös klingende Meldung verbreitet sich im Netz. Einen Tag später stellt sich heraus: April, April - wieder mal ist der erste April für den Aprilscherz genutzt worden. 

Wer Urheber dieses Rituals ist, lässt sich bis heute nicht mit Gewissheit sagen. Historiker, Volkskundler und Theologen streiten seit Jahrzehnten darüber – und kommen zu überraschend divergierenden Schlüssen.

Der Kalenderstreit als Mutter der Scherze

Die am weitesten verbreitete Erklärung führt ins Frankreich des 16. Jahrhunderts. König Karl IX. erließ 1563 ein Edikt, das den Neujahrstag vom 1. April auf den 1. Januar verlegte. Zuvor hatte der Jahresbeginn – je nach Region und Diözese – zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden. Die Folge: Jene Zeitgenossen, die noch immer Einladungen zu Neujahrsfeierlichkeiten am 1. April verschickten – aus Unwissenheit oder Übermut – machten ihre Gäste unwillentlich zu Narren. Wer tatsächlich erschien, wurde verlacht.

Die Geschichte klingt plausibel, ist aber nicht lückenlos belegt. Brauchtumsforscher wie der katholische Theologe Manfred Becker-Huberti verweisen darauf, dass der Brauch des "In-den-April-Schickens" bereits älter sein dürfte.

Schriftlich belegt ist die Redensart in Deutschland erstmals 1618 in Bayern. Das Wörterbuch der Brüder Grimm verzeichnet 1854 den "Aprilnarr" und die Wendung "in den April schicken" – der Begriff "Aprilscherz" selbst taucht allerdings erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts regelmäßig auf.

Reichstag, Römer und der Verräter Judas

Mindestens ebenso interessant ist die sogenannte Augsburg-These. Auf dem Reichstag von 1530 sollte unter anderem eine einheitliche Währungsreform beschlossen werden; als Datum für das Inkrafttreten soll der 1. April festgelegt worden sein. Zahlreiche Spekulanten investierten daraufhin in den neuen Münzmarkt – doch die Reform wurde abgesagt, und die Anleger blieben mit Hohn und Spott zurück. Ob diese Geschichte belastbar ist, bleibt umstritten; sie wird seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig erzählt. 

Noch älter sind die religiösen Deutungsversuche: In manchen Überlieferungen gilt der 1. April als Geburts- oder Todestag des Judas Iskariot, des Jüngers, der als Sinnbild für Verrat und Torheit stand. Andere Quellen bringen den Tag mit der Redewendung von "Pontius zu Pilatus" in Verbindung. Diese Erklärungen mögen reizvoll sein, inhaltlich sind sie jedoch kaum überzeugend.

Wetterlaune als Erklärung für Aprilscherz

Weitaus bodenständiger ist der meteorologische Ansatz: Das launische Aprilwetter, das an einem Tag Sonnenschein und am nächsten Schneesturm bringt, mache die Natur selbst zum größten Schwindler. Diese Deutung ist allerdings eurozentrisch – in Nordamerika und Teilen Asiens, wo der Brauch ebenfalls gepflegt wird, ist der April klimatisch beständiger.

Vom Poisson d'Avril zum BBC-Klassiker

Der Brauch des Aprilscherzes hat sich gleichwohl über ganz Europa verbreitet und dabei charakteristische nationale Ausprägungen entwickelt. In Frankreich, Belgien und Italien klebt man dem Opfer heimlich einen Papierfisch auf den Rücken und ruft "Poisson d'Avril!" – der Fisch als Symbol des Leichtgläubigen, der den Köder schluckt.

Im Angelsächsischen heißt der 1. April "All fools’s day" (Narrentag) und der Scherz heißt: "making an April fool". In Schottland dauert das Treiben zwei Tage: Der "Gowkie Day" ist nach dem Kuckuck, dem Sinnbild des Narren, benannt; am "Tailie Day" hängt man sich gegenseitig Papierschwänze an den Rücken. 

Als Meilenstein in der Geschichte des medialen Aprilscherzes gilt eine BBC-Fernsehreportage vom 1. April 1957. Mit gespieltem Ernst wurden Bilder einer angeblichen "Spaghetti-Ernte" im Tessin gezeigt: Frauen in Trachten pflückten Nudeln von Bäumen. Damals kannte man Spaghetti in Großbritannien kaum – Hunderte Zuschauer riefen bei der BBC an und fragten, wo man solche Pflanzen kaufen könne. Der Beitrag gilt bis heute als Musterbeispiel für den perfekten Medienscherz.

Auch Großkonzerne haben den Brauch längst für sich entdeckt: Google, Ikea und zahlreiche andere Unternehmen erfinden jedes Jahr zum 1. April Produkte oder Dienste, die es nie geben wird – und ernten dafür millionenfache Aufmerksamkeit.

April, April – ein Ventil für den gesunden Menschenverstand

Und warum hält sich der Brauch so hartnäckig? Der Hamburger Psychologe Philipp Gerlach, der mit Kollegen das psychologische Verhalten zur Unehrlichkeit der Menschen untersuchte, betont den entscheidenden Unterschied zwischen dem Aprilscherz und der gewöhnlichen Lüge: Beim Aprilscherz steht nicht der persönliche Vorteil im Vordergrund, sondern die gemeinsame Freude. Und: Der Aprilscherz löst sich auf. Der Lügner selbst ruft "April, April!" – eine Auflösung, die bei normalen Lügen meist ausbleibt.

Brauchtumsforscher Becker-Huberti weist hingegen auf einen fast therapeutischen Aspekt hin: Traditionell wurde das Opfer eines Aprilscherzes anschließend durch den Initiator entschädigt – mit einer Einladung auf ein Glas Bier oder Wein.

"Der Aprilnarr ist ein Narr auf Zeit", erklärt er. Das Ritual der sozialen Wiedereingliederung war ebenso Teil des Brauchs wie der Scherz selbst. Wer sich zum Narren machen ließ, kehrte durch das gemeinsame Gelächter wieder in die Gemeinschaft zurück.

Gerade in Zeiten von Fake News und gezielter Desinformation gewinnt der alte Brauch eine unerwartete neue Qualität. Wer den 1. April übersteht, ohne auf eine falsche Meldung hereinzufallen, hat seinen kritischen Verstand unter Beweis gestellt.

Mark Twain erkannte das schon im 19. Jahrhundert: Der 1. April sei jener Tag, an dem wir uns erinnern sollen, was wir die übrigen 364 Tage im Jahr sind – nichts als Narren.