Drei Jahre nach dem Erscheinen der weltweit erfolgreichsten Netflix-Serie ist es nun endlich so weit: Seit dem 6. August können die ersten vier Folgen der zweiten Staffel "Wednesday” auf Netflix gestreamt werden.
Nachdem mich die in Schwarz gekleidete Jenna Ortega alias Wednesday Addams jetzt schon seit einigen Wochen von Haltestellenplakaten aus anblickt, habe ich mir ein Herz gefasst und die erste Folge geschaut – und war anschließend einfach nur genervt.
Wednesday Addams kehrt zurück
Nach einer halben Stunde, in der mit dramatischer Musik unterlegt gezeigt wird, wie Wednesday nonchalant einen Serienkiller erledigt, ist die Teenagerin zurück auf der "Nevermore" – einer Schule für Außenseiter.
Dort ist sie mittlerweile zur Ikone stilisiert worden, weil sie am Ende der ersten Staffel die Schule gerettet hat. Dies wird von allen als Zeichen dafür gedeutet, dass die stets schwarz gekleidete Wednesday vielleicht doch Gefühle hat.
Diese Gefühle würde Wednesday aber natürlich nie preisgeben. Die Teenagerin ist ausnahmslos allen Menschen gegenüber gemein, spricht davon, wie toll sie es findet, andere leiden zu sehen, und ist eben vor allem ganz anders als die anderen: Selbst ihre Schuluniform ist schwarz statt lila.
Unsympathisch, aber gefeiert
Es ist eine Sache, eine derart unsympathische Hauptfigur zu schreiben, aber eine ganz andere, sie dann noch als beliebt und cool darzustellen. Denn anscheinend macht es allen anderen Schüler*innen, Lehrpersonen und auch Wednesdays Familie überhaupt nichts aus, dass die Teenagerin kein einziges nettes Wort über ihre Lippen bringt.
Alle laufen Wednesday hinterher, finden sie toll, sie ist beliebt und wird glorifiziert. Dabei passt Wednesday diese Art der Aufmerksamkeit eigentlich überhaupt nicht, sie wäre viel lieber allein, schließlich versteht ohnehin niemand, wer sie wirklich ist, was sie beschäftigt.
Der Gipfel der Coolness
Wednesday verkörpert den Gipfel des Coolness-Eisbergs. Sie ist anders als alle anderen, die beliebteste Person der Schule, macht sich nichts aus Gefühlen und noch weniger aus ihrer Popularität. Sie ist knallhart, klug, hübsch und wirkt trotzdem, als müsste sie sich nie bemühen – ihr fällt alles leicht. Diese überspitzte Darstellung könnte man natürlich mit einem Lächeln abtun. Mich macht ihr Charakter aber einfach nur wütend.
In dieser Haltung sehe ich nämlich einen Bezug zur Welt, den viele junge Menschen gerne hätten. Wer wäre in den Teenagerjahren nicht gerne beliebt und gleichzeitig unangepasst, umschwärmt und gleichzeitig desinteressiert, gut aussehend und gleichzeitig nonchalant – kurz gesagt: cool?
Ironische Distanz als Schutzschild
Hier kommt allerdings die Kehrseite der Coolness-Medaille: Was in einer Serie über eine fiktive Person aus der Adams Family funktionieren mag, ist im echten Leben überhaupt nicht erstrebenswert. Denn wer cool ist, wahrt Distanz zu Dingen und Menschen. Wer alles auf Distanz hält und nichts an sich heranlässt, wird einsam und emotional verkümmert.
Diese Distanz drückt sich oft auch in Ironie aus. Emotionale und anrührende Themen können nicht mehr unironisch gut gefunden oder konsumiert werden. Sie müssen immer mit einem Augenzwinkern und dem Zusatz "Das meine ich aber gar nicht wirklich ernst” abgetan werden, um die Coolness zu wahren.
So bringt Wednesday ihrer Freundin Enid zwar ein Geschenk aus dem Sommer mit, doch es ist eine Horror-Puppe aus dem Haus des Serienkillers, die Enid nur zögerlich annimmt.
Coolness verbietet Verletzlichkeit
Wenn man die Coolness noch weiterdenkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss: Cool sein lässt keinen Raum für Sorgen, Ängste, Verletzlichkeit, Trauer oder gar Glauben. Dinge, die uns nahegehen und berühren, passen nicht zur abgeklärten Haltung einer coolen Person.
Ich für meinen Teil möchte also gar nicht cool sein und finde Wednesday Addams nicht nur unsympathisch, sondern sogar bemitleidenswert. Den Rest der zweiten Staffel von "Wednesday" kann ich höchstens Hate-Watchen.