6.10.2018
Lorenzkirche Nürnberg

Windsbacher Knabenchor singt 500. Motette in St. Lorenz

Die Windsbacher Knaben haben bei ihren Konzerten in Nürnberg in über 70 Jahren viel erlebt: in der Lorenzkirche die Höhenangst auf der Empore überwunden, nach der Stellprobe zum Schnellimbiss, nach dem Konzert zur Gastfamilie. Am 12. Oktober steht ein ganz besonderes auf dem Spielplan: die 500. Motette.
Windsbacher Motettenchor St. Lorenz Nürnberg
Die Windsbacher Knaben in St. Lorenz 1958. Am 12. Oktober singt der berühmte Knabenchor hier zum 500. Mal eine Motette.

Die erste Motette wurde am 18. Juni 1955 gesungen. Seit 1956 erklingen jährlich sechs bis acht solcher Chor-Werke aus sämtlichen Epochen in St. Lorenz, womit die "Lorenzer Motette" und der Windsbacher Knabenchor ein untrennbares Team geworden sind.

Vier erwachsene Knaben erinnern sich gerne an die Jugend in Nürnberg

Ein Sängerknabe der ersten Stunde war Franz Peschke. 1948 trat er dem 1946 am humanistischen Gymnasium vom ehemaligen Dresdner Kruzianer Hans Thamm gegründeten Chor bei und wurde "Motetten-Kind", wie sich viele Windsbacher noch heute bezeichnen. "Thamm wollte unseren Chor weg von der Provinz, etwas näher in Richtung Stadt bewegen. Nicht zuletzt, um auch Sponsoren zu finden", sagt der 80-Jährige.

In Nürnberg sangen die Knaben Samstagabend ihre Motetten und am Sonntag drauf noch im Gottesdienst. Über Nacht waren sie bei festen Familien untergebracht, die zum Teil über Jahre monatlich Windsbacher als Gast beherbergten. Die Übungsdisziplin war hart und prägend. Zwei Stunden Singen am Tag war Pflicht am evangelischen Studienheim, wo zwischen Sängern und Nicht-Sängern unterschieden wurde. Während erstere am Wochenende nach Nürnberg weiter zum Motetten-Konzert fuhren, konnten die anderen nach Hause.

"Nach dem Stimmbruch gehörte man auch zu Gruppe 2", erklärt Peschke. Solange man aber noch mit im Chor war, zeigten die Heranwachsenden dies auch stolz. Pop und Jazzmusik waren damals noch tabu, auch gegenüber volkstümlichen Klängen zeigte man sich eher verächtlich. "Wir haben nur Heinrich Schütz und Bach gekannt. Die Musik hat mich letztlich auch zum Theologen gemacht", erklärt der ehemalige Nürnberger Kreisdekan (1994 - 1997), der auch heute noch der Musik frönt.

Fokus auf den Gottesdienst

Ähnliche Erfahrungen hat auch Michael Höchstädter gemacht. Der ehemalige Fürther Dekan (2002 bis 2009) war zwischen 1955 und 1959 "Motetten-Kind" und erinnert sich gerne an die für sein späteres Berufsleben prägende Zeit. "Damals war die Mottete noch fester Bestandteil des Gottesdienstes, der durch sie gegliedert wurde. Heute dagegen liegt der Fokus mehr auf der Musik", meint Höchstädter. Feste Bestandteile sind heute jeweils ein Windsbacher Psalm und Orgelmusik, dazu Lesung, Gebet, Gemeindelied und Segen. Da die Windsbacher immer auch am Sonntag im Hauptgottesdienst mit dabei waren, stand dieser eigentlich noch viel mehr im Mittelpunkt des Wochenendes als die Darbietung am Samstagabend zuvor. Unvergessen seien auch die Kontakte zu den Nürnberger Gastfamilien, woraus Freundschaften entstanden seien, die teils ein Leben lang noch hielten.

Wolfgang Popp war zwischen 1970 und 1979 als Sopran, Alt und im Bass mit dabei. "Manchmal waren wir über Nacht bei älteren Damen, die einen zum Abendessen ausführten und sich einfach über ein bisschen Gesellschaft in Form eines "Enkels" freuten.  Es gab aber auch Übernachtungsstellen beispielsweise in einem alten Haus auf dem Gelände der Hallerwiese-Klinik. Dort waren unten die Verstorbenen aufgebahrt und im ersten Stock ein oder zwei Männerstimmen zur Übernachtung untergebracht. War nachts immer etwas spannend", erinnert sich der heutige Dekan in Pappenheim.

In den Pausen die Kirche erkundet

Die Motetten werden auch heute noch immer von der Orgelempore aus gesungen. Ab und zu fiel auch mal eine Notenmappe die über zwölf Meter hinab und sorgte unten für ganz schön viel Wirbel, wenn sie einschlug. "Gottseidank wurde nie jemand getroffen", meint Popp. Während der oft langen Predigt erkundeten die Jungen die Kirche. "Wir sind in den Gängen umhergeschlichen, waren auf dem Dachboden oder sind die Leitern zu den Glocken hoch. Davon durfte natürlich Herr Thamm oder der Organist nichts wissen. Der Ärger wäre groß gewesen", berichtet Popp.

Jochen Heinzelmann ist Vorsitzender der Fördergesellschaft des Chors, war von 1984 bis 1993 Windsbacher und durfte bei zahlreichen Motetten mitsingen. "Vor Kurzem war ich nach Jahren wieder in der St. Lorenz Kirche. Als ich auf die Empore blickte, schoss mir durch den Kopf, wie wir immer die enge Treppe nach oben gestiegen sind und Herr Beringer in schwindelnder Höhe dirigiert hat. Für uns war die Motette in der wunderschönen St. Lorenz Kirche immer ein besondere Anlass, damals noch am Samstag. Zur Motette kamen immer die Fans", erinnert er sich. Oft seien in der Motette neue Stücke  als Generalprobe vor den Konzerten gesungen worden. "Noch heute höre ich immer wieder, dass sie auch Treffpunkt vieler Ehemaliger ist, die im Raum Nürnberg wohnen", meint Heinzelmann.

Als Tenor des A-cappella-Ensembles Viva Voce steht David Lugert über 100 Mal im Jahr mit seinen vier Sängerkollegen auf der Bühne. Kein Problem für den Profi, der bereits in seinen "10er-Jahren" um die 100 Motetten mit den Windsbachern gesungen hat. Dabei sei die "Lorenzer Motette" immer etwas Besonderes gewesen. "Aber auch etwas mulmig, weil die Chorempore in der Lorenzkirche einfach sehr weit oben ist", erinnert sich der 39-Jährige. Gezittert hätten die Knaben auch um Chorleiter Karl-Friedrich Beringer. "Er hatte sich nicht wie vorgesehen auf den Dirigentenplatz, sondern eine Stufe höher an die Brüstung gestellt und sich häufig an das schmale Geländer gelehnt, hinter dem es 20 Meter in die Tiefe ging", beschreibt Lugert die Lage.

Zum Burger-Essen in die Stadt

Zudem hätten die Chorknaben bei den Lorenzer Motetten immer die Möglichkeit genutzt, nach der Stellprobe zum nahegelegenen Mc Donalds zu gehen. "Das wusste auch Beringer. Wenn wir nicht gut gesungen hatten, kam es schon mal vor, dass er die Probe so lang überzog, bis keine Zeit mehr blieb, um den geliebten Hamburger zu essen. Das war dann oft eine kleine Katastrophe für uns Buben."

Der Service mit den Gastfamilien sei Anfang der 2000er-Jahre irgendwann langsam eingeschlafen, meint Jelena Torbica, Sprecherin des Windsbacher Knabenchors. "Die Motetten fanden dann freitags statt, und die Kinder wollten am Wochenende zuhause sein", sagt sie. Wenn am 12. Oktober nun die 500. Motette gesungen wird, dann geschehe dies auf die gewohnte Weise. "Wort, Orgelmusik und Chormusik, dazu nur ein paar Grußworte vorab", ergänzt künstlerische Leiter Martin Lehmann. Dass es im Anschluss zum Staatsempfang nebenan ins Heimatministerium geht, sieht Lehmann als Wertschätzung des Chors. "Wenngleich die bayerische Staatsregierung vielleicht nicht so groß eingeladen hätte, wenn wir kein Wahljahr hätten", fügt er augenzwinkernd hinzu.

 

Die 500. Motette

Die 500. Motette in St. Lorenz Nürnberg findet am Freitag, 12. Oktober um 19 Uhr statt. Einlass ist ab 18.15 Uhr, der Eintritt ist frei. Es singt der Windsbacher Knabenchor unter der Leitung von Martin Lehmann, Lorenzkantor Matthias Ank spielt die Orgel und Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein ist für Liturgie zuständig.

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