Die Bronzeplakette hat ihren Platz gefunden: Sie hängt nun gut sichtbar im großen Saal des Gemeindehauses in Wunsiedel. Für Reinhold Schelter ist das genau der richtige Ort, denn dieser Raum ist für ihn mehr als nur ein Probenraum. "Wie viele Posaunenchorproben wohl in den vergangenen hundert Jahren in diesem Saal stattgefunden haben?", fragt der Chorleiter. Der Raum atme gewissermaßen Bläsermusik, sagt er – er habe "sozusagen ein musikalisches Gedächtnis".

Höchste Auszeichnung für Laienmusikensembles

Seit wenigen Tagen erinnert dort auch die Pro-Musica-Plakette daran, dass der Wunsiedler Posaunenchor eine besondere Geschichte hat. Am vergangenen Samstag wurde der Chor in Ebersberg von Bayerns Kunstminister Markus Blume ausgezeichnet – als einziger Posaunenchor in Bayern, der diese Ehrung in diesem Jahr erhielt. Die Pro-Musica-Plakette ist die höchste Auszeichnung für Laienmusikensembles in Deutschland. Sie wird an Musikvereinigungen verliehen, die seit mindestens 100 Jahren bestehen und sich in dieser Zeit besondere Verdienste um die Musik erworben haben.

Für Schelter war die Nachricht zunächst ein Grund zur Freude. "Natürlich große Freude!", sagt er. Gleichzeitig sei da aber auch Erleichterung gewesen: Bis eine solche Ehrung verliehen wird, braucht es nicht nur musikalische Leidenschaft, sondern auch handfeste Nachweise, Unterlagen und Recherche. Es war seine Aufgabe zu belegen, dass der Chor über die Jahrzehnte hinweg nicht nur existiert, sondern ununterbrochen aktiv musiziert und ist aufgetreten. "Das war doch eine gewisse Recherchearbeit, die dann aber auch belohnt wurde."

Mit dem Wunsiedler Posaunenchor ist Schelter seit 2002 als Leiter verbunden, mit der Posaunenchorarbeit insgesamt aber schon viel länger: "Mit elf Jahren begann ich in unserem Dorfposaunenchor als Bläser." In diesem Jahr nimmt er beim Jubiläumsgottesdienst in Wunsiedel am 18. Oktober selbst eine Urkunde für 50 Jahre Dienst als Bläser entgegen – ein halbes Jahrhundert, in dem der Klang von Trompeten, Posaunen und Tuba für ihn dazugehört: bei Auftritten, Posaunentagen, Kirchentagen und Gottesdiensten.

Eine Familiengeschichte mit kleiner Ironie

Dass er bei der Verleihung in Ebersberg selbst nicht dabei war, gehört zu den kleinen Ironien dieser Geschichte: Während dort die Plakette überreicht wurde, leitete Schelter in Wunsiedel ein lange geplantes Gospelchorkonzert. Absagen wollte er das nicht. Stattdessen nahmen sein Bruder Norbert Schelter, der im Chor die erste Trompete spielt, und Tubist Max Neidhardt Urkunde und Plakette entgegen – "voller Stolz", wie Schelter sagt.

Für ihn ist die Geschichte des Chores ohnehin auch eine Familiengeschichte: Seine Schwester und sein Bruder spielen mit. Doch der Chor lebt nicht nur von familiären Verbindungen, sondern von einer Gemeinschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Was den Chor heute ausmacht? Schelter muss sich da nicht festlegen: "Von allem etwas." Musik, Gemeinschaft, Glaube und Tradition gehörten zusammen. Besonders freue ihn der gute Zusammenhalt im Chor, der sich auch auf die musikalische Qualität auswirke.

Posaunenchöre haben in evangelischen Gemeinden einen eigenen Klangraum. Sie spielen in Gottesdiensten, bei Festen, im Freien, auf Friedhöfen, bei Jubiläen und an besonderen Tagen. Oft reichen wenige Töne, und etwas Feierliches liegt in der Luft. Für Schelter hat das viel mit dem Atem zu tun: "Ich denke, es ist der fließende Atem, den man hört." Die Musik trage besonders im Freien unheimlich weit, sie stehe und fließe gewissermaßen gleichzeitig. Als Bläser fühle man sich in den Klang eingehüllt und mitgetragen – gerade die alten Choräle hätten eine ganz eigene Kraft.

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die Posaunenchöre bis heute unverwechselbar macht: handgemachte Musik, viel Atem, ein gemeinsamer Puls und ein Klang, der nicht nach Show sucht, sondern nach Verbindung. Das klingt altmodisch – ist aber wahrscheinlich gerade deshalb so modern. Während sich die Welt durch ihre digitalen Dauergeräusche klickt, stehen Posaunenchöre auf einem Platz, in einer Kirche oder vor einem Gemeindehaus und machen Musik, die ohne Verstärker auskommt: eine ziemlich elegante Zumutung an die Gegenwart.

Die Suche nach Nachwuchs

Doch so stark die Tradition ist, so deutlich sieht Schelter auch die Herausforderung. Nachwuchs zu finden sei "tatsächlich ein schwieriges Thema". Zunächst braucht es jemanden, der ausbildet – in der Posaunenchorarbeit in der Regel unentgeltlich. Dann braucht es bei den Anfängern nicht nur Liebe zur Musik und zum Instrument, sondern auch eine Verbindung zu Kirche, Gottesdienst und Gemeinde – und Durchhaltevermögen. Denn ein Blechblasinstrument lernt man nicht zwischen zwei schnellen Handyvideos. Da muss man dranbleiben. "Wer es einmal geschafft hat, bleibt in der Regel ein Leben lang der Posaunenchorarbeit treu", sagt Schelter.

Anfängerinnen und Anfänger müssen dabei nicht unbedingt Kinder oder Jugendliche sein. Im Posaunenchor spricht man traditionell von "Jungbläsern", doch das Alter ist nicht entscheidend. Schelter erzählt von einer Trompeterin in der ersten Stimme, die erst mit 50 Jahren ihr Instrument gelernt hat und seither treu im Chor mitspielt. Auch das ist eine Botschaft dieser Musik: Es ist nicht zu spät – nicht mit elf, nicht mit 50, und vermutlich auch nicht, wenn man dachte, die eigenen musikalischen Ambitionen bestünden nur noch im Mitsummen beim Autofahren.

Trotzdem freut sich Schelter besonders, dass im Wunsiedler Posaunenchor zumindest ein Bläser unter 20 Jahren dabei ist: Laurent an der Bass-Posaune. Er steht für das, was der Chor dringend braucht, wenn die nächsten Jahrzehnte ähnlich klingen sollen wie die vergangenen: junge Menschen mit Lust auf Musik, Gemeinschaft und Gemeinde.

Die Pro-Musica-Plakette ist deshalb nicht nur eine Auszeichnung für die Vergangenheit, sondern auch ein Zeichen für die Gegenwart und eine Ermutigung für die Zukunft. Mehr als 100 Jahre ununterbrochene Musikgeschichte sind keine Selbstverständlichkeit. Dahinter stehen Generationen von Bläserinnen und Bläsern, zahllose Probenabende, Gottesdienste, Feste und Einsätze, die in keiner Statistik auftauchen, aber im Gedächtnis einer Gemeinde bleiben.

Und wenn Reinhold Schelter nach seinem Wunsch für die Zukunft gefragt wird, braucht er nicht viele Worte: "Ganz klar: Nachwuchs!"