In seinem Buch "Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche" beleuchtet der Historiker und frühere Spiegel-Redakteur Dietmar Pieper die zentrale Rolle hanseatischer Kaufleute bei der Entstehung und Ausgestaltung des deutschen Kolonialismus. Mit erzählerischer Klarheit zeigt er, wie wirtschaftliche Interessen aus Hamburg und Bremen die deutsche Kolonialpolitik maßgeblich beeinflussten – und welche Spuren sie hinterlassen haben.
Wusstet ihr zum Beispiel, dass EDEKA seine Wurzeln im Kolonialwarenhandel hat? Hättet ihr gedacht, dass Tchibo seine Waren lange von Plantagen bezog, die Menschen brutal ausbeuteten. Ahntet ihr, dass der Hersteller von Nivea, Beiersdorf, seine Hautpflegeprodukte ursprünglich mit Rohstoffen aus Kolonien herstellte? Und dass das koloniale Erbe bis heute wirkt, viele deutsche Unternehmen aber kaum Aufarbeitung betreiben?
Hanseatische Kaufleute trieben deutschen Kolonialismus voran
Der Historiker Dietmar Pieper beschreibt chronologisch und thematisch den deutschen Kolonialismus, der vor allem von hanseatischen Kaufleuten vorangetrieben wurde. Er beginnt bei der Frühphase des Kolonialhandels im 18. Jahrhundert bis zur Etablierung deutscher "Schutzgebiete" in Afrika. Er beschreibt die hanseatische Expansion in die Karibik und nach Asien, die Etablierung von Handelsflotten und Plantagen und leitet schließlich in die Zeit des deutschen Kaiserreichs über, in der wirtschaftliche Interessen zur offiziellen Kolonialpolitik wurden.
Dabei verknüpft er wirtschaftliche Zusammenhänge mit politischen Entwicklungen und zeigt, wie Kaufleute, Bankiers und Reeder aus Hamburg und Bremen Druck auf die Reichsregierung ausübten, um ihre Handelsinteressen durch koloniale Expansion abzusichern.
Und Pieper spart nicht mit der Darstellung der brutalen Umstände: Prügelstrafen, Zwangsarbeit und die gewaltsame Unterdrückung der örtlichen Bevölkerungen waren unter deutscher Herrschaft die Regel. Besonders in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi) und Kamerun wurden ganze Gemeinschaften durch wirtschaftliche Ausbeutung und militärische Gewalt zerstört. Die langfristigen sozialen und ökonomischen Schäden sind bis heute spürbar.
Unternehmen wie EDEKA oder Beiersdorf: Aufstieg dank Kolonialismus
Dabei verdanken Unternehmen wie EDEKA, Tchibo und Beiersdorf ihren steilen Aufstieg vor allem dem Handel mit den Kolonien, etwa bei Kaffee, Kakao, Gewürzen, Zucker, Palmöl und anderen Rohstoffen. Und doch, auch das schildert Pieper eindringlich, nur die wenigsten haben Aufarbeitung betrieben. Die teilweise brutale, koloniale Vergangenheit lebt zwar in Firmenarchiven, Produktlinien und Markenidentitäten weiter, oft aber ohne kritische Reflexion.
"Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche" ist ein Meilenstein der deutschen Kolonialgeschichtsschreibung. Es verbindet historische Präzision mit gesellschaftlicher Relevanz und ist spannend für alle, die verstehen wollen, wie tief koloniale Strukturen in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft verwurzelt sind. Dabei verbindet das Buch historische Tiefenschärfe mit erzählerischer Eleganz und schafft es, komplexe Zusammenhänge verständlich und eindringlich darzustellen.
Dietmar Pieper (2023): Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche – Wie hanseatische Kaufleute Deutschland zur Kolonialherrschaft trieben, Piper Verlag, 24,- Euro, 352 Seiten.