21.08.2019
Kommentar

Die Millionenproteste von Hongkong und das Schweigen Europas

Seit Monaten protestieren Hunderttausende Menschen in Hongkong friedlich für Freiheit und Demokratie. China sind die Demonstrationen ein Dorn im Auge. Viele fürchten ein gewaltsames Eingreifen Pekings - mit Folgen wie 1989 auf dem »Platz des Himmlischen Friedens«. Aus den europäischen Demokratien hört man zu dem, was in Hongkong geschieht, vor allem eines: Schweigen.
Demonstrationen in Hongkong 2019

Nur gut zehn Prozent der 7,5 Millionen Bürger Hongkongs sind Christen. Dennoch ist das Lied "Sing Hallelujah to the Lord" zur inoffiziellen Hymne der seit Monaten andauernden Proteste geworden. Ein einfaches, getragenes Lied in Moll. Die Amerikanerin Linda Stassen-Benjamin schrieb es 1974 als Osterlied. In Hongkong singen nicht nur Christen leidenschaftlich mit. Anders als in Festlandchina gilt hier Religionsfreiheit. Und religiöse Versammlungen fallen nicht unter das restriktivere politische Versammlungsrecht. Immer wieder hat das Lied deeskalierend gewirkt, wenn die Polizei gewaltsam versuchte, Demonstrationen zu zerstreuen.

Hunderttausende Hongkonger waren am vergangenen Wochenende auf der Straße, um friedlich für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Das chinesische Regime versucht, die Protestierenden als gewalttätigen Pöbel zu diffamieren. Das Staatsfernsehen griff zu einem Nazi-Vergleich und zitierte dazu in abgewandelter Form ausgerechnet das bekannte Schuldbekenntnis von Pfarrer Martin Niemöller, mit dem dieser nach 1945 das Versagen der Kirche in der NS-Zeit eingestand ("Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist ...").

Bis 2047 umfangreiche Sonderrechte

Auslöser der Proteste war anfangs ein neues Auslieferungsgesetz, das das bisher weitgehend unabhängige rechtsstaatliche System der Stadt ausgehöhlt hätte. China hat der ehemaligen britischen Kronkolonie eigentlich noch bis 2047 umfangreiche Sonderrechte in Sachen Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit garantiert. Viele fürchten nun darum. Und inzwischen geht es bei den Protesten um mehr.

Seit Mitte August mehren sich die Anzeichen, dass China erwägt, militärisch einzugreifen. An der Grenze üben Truppen das Vorgehen gegen Demonstranten und lassen sich gern dabei filmen. Eine deutliche Botschaft für die Protestierer in Hongkong. Nicht wenige denken nun an die Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989.

"Warum lässt uns Deutschland allein?"

Joshua Wong, ein 1996 geborener Hongkonger, war schon bei den Schülerprotesten 2014 einer der Anführer und wurde damals international bekannt. Das Regime rächte sich mit einer Haftstrafe an dem jungen Mann. Wong ist in einer lutherischen Familie aufgewachsen und ist gläubiger Christ. 2019 ist Wong wieder einer der Wortführer der Millionenproteste für Freiheit und Demokratie.

Hierzulande zeigen Kirche und Politik bräsiges Desinteresse an dem, was sich im Fernen Osten tut. Nicht nur Joshua Wong fragt sich: "Warum lässt uns Deutschland allein?"

Das dröhnende Schweigen aus den europäischen Demokratien macht ein gewaltsames Finale in Hongkong jedenfalls nicht unwahrscheinlicher. Und kein Pfarrer Niemöller weit und breit, der seine Stimme gegen dieses Schweigen erhöbe.

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