26.02.2017
Kommentar

Grenzen der Narrenfreiheit

Karneval, Weltpolitik und falsche Heilsbringer - Kommentar von Wolfgang Lammel
»Narrenschiff«, Ölbild von Thomas Bühler (2009).
»Narrenschiff«, Ölbild von Thomas Bühler (2009).

Der Fasching steuert auf seinen Höhepunkt zu. Der sozusagen »höchste Feiertag« dieser »fünften Jahreszeit« ist der Rosenmontag. Köln war vor fast 200 Jahren die erste Stadt, in der ein »Festordnendes Komitee« einen geordneten Fastnachtsumzug organisierte. Und auch in diesem Jahr heißt es dort wieder »D’r Zoch kütt!« (für Nicht-Rheinländer: »Der Zug kommt!«), und mitten zwischen Musikkapellen, Tanzmariechen, Maskengruppen und Karnevalsgardisten natürlich wieder die Mottowagen mit übergroßen plastischen Karikaturen zum lokalen und weltpolitischen Zeitgeschehen.

Es braucht keine prophetischen Gaben für die Vorhersage, dass diesmal Donald Trump zu den bevorzugten Zielscheiben des karnevalistischen Spotts zählen wird. Allzu viele Vorlagen hat der US-Präsident in den fünf Wochen seiner Amtszeit ja schon geliefert, aufs Korn genommen in ungezählten Karikaturen in der Weltpresse, verhöhnt und verballhornt in den sogenannten sozialen Netzwerken, bis zur Kenntlichkeit verfremdet in TV-Shows rund um den Globus.

Die geschichtliche Rückblende lohnt. Einst war Karneval das letzte ausgelassene Fest vor der christlichen Fastenzeit, bei dem die Hierarchien vorübergehend außer Kraft gesetzt waren. Am Rollentausch hatten Herrschaften wie Diener kurzfristig ihren Spaß, bis die alte Ordnung wiederhergestellt war. Und auch später duldete das allgegenwärtige Militär, dass es von den Karnevalsgardisten parodiert wurde. Der schöne Begriff »Narrenfreiheit« hat auch damit zu tun: Der Karneval war der geschützte Raum, um der Obrigkeit ausnahmsweise straffrei den sprichwörtlichen Narrenspiegel vorzuhalten.

Was gern verdrängt wird: Der Narr war in seinem ursprünglichen Sinn beileibe nicht nur ein harmloser Spaßmacher, sondern hatte mit dem »Aspekt der Bösartigkeit, des Gefährlichen, des Gottesleugnertums, ja sogar der Erbsünde« zu tun. So beschreiben es Brauchtumsforscher und gehen sogar noch weiter: »Der Narr war somit im ursprünglichen Sinn der Inbegriff der verkehrten, heillosen Welt.«

Ist es nicht eine solche »heillose Welt«, von der falsche Heilsbringer derzeit predigen? Wer Hass schürt, so wie es nicht wenige politische Chargen auf der Weltbühne tun, wird drohendes Unheil nicht abwenden, sondern neues heraufbeschwören, beklatscht von einem berauschten Publikum. Das ist eine »Narrenfreiheit«, die keine Grenzen kennen will und genau deshalb in die Schranken gewiesen werden muss. Aschermittwoch wäre ein passender Termin.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Wolfgang Lammel, wlammel@epv.de

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