8.05.2019
Kommentar

Umweltzerstörung: Warum die Menschheit nichts dazu lernt

Uno-Experten warnen: Der Mensch droht als Verursacher des sechsten Massensterbens in die Geschichte einzugehen. Laut ihrem neuen UN-Bericht könnten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten rund eine Million Tier- und Pflanzenarten aussterben.
Umweltverschmutzung - Klimawandel

Man könnte sich die Sache einfach machen und dem Übersetzer des 1. Buchs Genesis die Schuld in die Schuhe schieben. "Macht euch die Erde untertan" – so hieß es über Jahrhunderte hinweg in der Lutherbibel, "herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht."

Wohl kaum einen anderen Auftrag einer heiligen Schrift hat die Menschheit – ohne Ansehen der Weltreligionen – so gründlich erfüllt und zugleich zutiefst missverstanden wie diese Worte. Und wenn es um die Plünderung globaler Ressourcen, den rücksichtslosen Umbau der Natur, die gnadenlose Ausbeutung der Tier- und Pflanzenwelt geht, ist der Verweis auf dieses Zitat aus der Schöpfungsgeschichte schnell parat.

Am Montag dieser Woche schlug eine neue Hiobsbotschaft das nächste Kapitel einer düsteren ökologischen Zukunft auf. Eine Million Arten, so der aktuelle Bericht des Weltbiodiversitätsrats, seien in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, falls es in der Klima- und Umweltpolitik weltweit nicht zu einem sofortigen radikalen Wandel komme.

An der Schwelle zum globalen Kollaps

Und nicht nur die biologische Vielfalt steht auf dem Spiel: In ihrem umfangreichen Bericht beschreiben die UNO-Experten eindringlich den kritischen Zustand unseres fragilen "blauen Planeten", der demnach an der Schwelle zum globalen Kollaps steht. Der Bericht, für den 150 Wissenschaftler in den vergangenen drei Jahren Tausende Studien weltweit ausgewertet haben, umfasst viele weitere unheilvolle Prognosen, deren Aufzählung allein Angst und Bange macht.

Es ist ein trauriges, wenn auch wenig überraschendes Zeugnis, dass die Politik auf diesen Bericht reflexartig mit Leerformeln wie "ein Weckruf" reagiert hat. Laute warnende Stimmen gibt es spätestens seit dem Bericht "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome 1972; nur wurden sie an den verantwortlichen Stellen meist eher halbherzig zur Kenntnis genommen, wenn nicht sogar als Unfug abgetan – was politische Populisten gerade jetzt kultivieren.

Es steht zu befürchten, dass auch der neue Bericht nach einigen Wochen des medialen Alarmismus wieder von ohrenbetäubendem Schweigen erstickt wird. Ob man sich jetzt über bewusste Ignoranz oder schier verantwortungslose Fahrlässigkeit beklagen möchte, tut eigentlich nichts mehr zur Sache. Es ist nur erschütternd, wie sorglos die Menschen offenen Auges die ihr anvertraute Schöpfung zerstören, statt sie "zu bebauen und zu bewahren", wie jene Stelle aus 1. Mose 28 richtiger zu verstehen ist.

Die Welt wurde nicht geschaffen, damit eine menschliche "Elite" sie selbstsüchtig umkonstruiert. Es wird höchste Zeit, dass sich diese Erkenntnis endlich, quasi in letzter Minute, durchsetzt. Oder um es mit dem klugen Welterklärer Harald Lesch zu sagen: Wenn nicht jetzt, wann dann?

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