73 Jahre ist es her, dass Manfred Seitz drei Wochen lang beim Bau der Gnadenkirche in Wiesentheid mit anpackte. Das war dem Sonntagsblatt 1952 eine Titelgeschichte wert. Heute ist Manfred Seitz 93 Jahre alt und hat die Kirche seiner jungen Jahre nach langer Zeit wieder besucht.

Es ist mehr als ein nostalgischer Moment, als Manfred Seitz nach vielen Jahren wieder einmal den Kirchenraum betritt, der durch seine Hände Arbeit erst entstand. Und doch: "Ich muss mich erst umsehen, erkenne sie kaum wieder", staunt der 93-Jährige, der immer noch geistig und für sein Alter auch erstaunlich fit ist. Seitz war einige Jahrzehnte lang nicht mehr hier – und hat den Umbau der Kirche, die zwischen 2003 und 2004 nicht nur teils gedreht, sondern auch um einen Gemeindezentrumsanbau erweitert wurde, nur vom Hörensagen mitbekommen.

Und doch fühlt sich der im nahen Gerolzhofen lebende, ehemalige Steuerberater hier gleich wieder heimisch. Vielleicht auch, weil er da Altarbild mit einer Darstellung des "Letzten Abendmahls" Christi hier wieder findet – wenngleich auch nicht an der Ostseite der Kirche, wo früher der Altar stand, sondern an der südlichen Wand neben der Orgel. Gegenüber war eine Apsis entstanden, die dem Kirchenbau mehr Raum gibt und von wo aus jetzt gepredigt wird. Und dann sind da doch noch vertraute Elemente wie die Empore.

Nach dem Abi "jetzt mal was arbeiten"

Manfred Seitz weiß auch wie es hier ausgesehen hat, als noch keine Kirche auf dem einst freien Feld stand. Und erinnert sich an seinen Vater, der dem gerade frisch aus dem Gymnasium gekommenen Buben sagte "jetzt hast Du dein Abitur, jetzt kannst Du auch mal was arbeiten." Denn während der junge Mann die Schulbank gedrückt hatte und sich bereits auf eine künftige Aufgabe als Staatsdiener vorbereitete, war in seiner Heimatgemeinde viel geschehen. Die wenigen Evangelischen in der seit Jahrhunderten stark katholisch geprägten Marktgemeinde mit der Pfarrkirche St. Mauritius hatten sich durch viele nach dem Zweiten Weltkrieg hierhergezogene Kriegsflüchtlinge mittlerweile vermehrt.

Alteingesessen war zwar bereits die Familie Seitz, die aus protestantischen Regionen in Baden-Württemberg einst eingewandert war. Allen voran Manfreds Vater Karl Seitz, der Chef des landwirtschaftlichen Dienstleisters BayWa in Wiesentheid war, deren einstiges Gebäude heute noch neben der Kirche zu sehen ist. Und dann gab es Emil Dern und sein florierendes Sägewerk. Der evangelische Unternehmer stellte nicht nur ein Grundstück auf der gegenüberliegenden Straßenseite für einen Kirchenbau zur Verfügung, sondern auch noch 3000 Mark Startkapital.

Der ehemalige Kirchenvorsteher und Kirchenpfleger Fred Hahn mit Manfred Seitz´Tochter Ute vor einer Reihe an Erinnerungsstücken aus der Gnadenkirche Wiesentheid.
Der ehemalige Kirchenvorsteher und Kirchenpfleger Fred Hahn mit Manfred Seitz´Tochter Ute vor einer Reihe an Erinnerungsstücken aus der Gnadenkirche Wiesentheid.

Im Jahr 1952 sollte sich also der lang gehegte Traum vom Bau einer eigenen Kirche erfüllen. Es wurde eine Baukommission ins Leben gerufen, um dieses ehrgeizige Projekt anzugehen. Doch die Ausgangslage war schwierig: Es mangelte anfangs nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch an Arbeitskräften. Wo heute zuerst ein Architekt beauftragt und mehrere Ausschreibungen ausgesandt werden müssten, bis die Baufirmen anrücken, erledigten dies sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Helden des Alltags: Der Bau der Gnadenkirche wurde überwiegend von freiwilligen Helfern gestemmt, die ihre Arbeitskraft unentgeltlich und in ihrer Freizeit zur Verfügung stellten.

Darunter nicht nur Protestanten. "Es war eine Aufgabe, bei der einfach viele gerne mit anpackten. Groß unterschieden zwischen evangelisch und katholisch wurde da nicht. Wenige Jahre nach dem Krieg hatten die Menschen andere Sorgen als konfessionelle Kämpfe", erinnert sich Seitz.

Jede Hand zählte

"Es war ein gewaltiges Unterfangen, das den Gemeindesinn neu entfachte und die Menschen in einer Weise zusammenführte, wie es nur selten vorkommt", erklärt Martin Fromm, seit 18 Jahren Pfarrer in Rüdenhausen und in seiner Pfarrei auch zuständig für die Gnadenkirche. Jede Hand habe gezählt: Die freiwilligen Helfer opferten ihre Freizeit. Sie halfen beim Transport von Baumaterialien, legten selbst Hand an beim Aushub der Fundamente und packten bei den Maurerarbeiten mit an. "Es war harte körperliche Arbeit, die mit unermüdlichem Einsatz verrichtet wurde", meint Fromm, der als Historiker den Bau der Kirche vor wenigen Jahren für eine Jubiläumsfeier noch einmal recherchiert und dokumentiert hat.

Selbst das Bauholz für die Kirche war ein Gemeinschaftswerk. Bauern spendeten Erträge aus ihren Geräten, und selbst die Frauen trugen bei – sie sammelten Einnahmen aus dem Verkauf von Erdbeeren, die auf den Feldern der Winzer wuchsen, oder aus dem Ertrag des Waldes. "Jede Spende, egal wie klein, war ein Zeichen der Verbundenheit", versichert Fromm.

Im damaligen zum 31. August 1952 erschienenen Sonntagsblatt-Artikel, der unter der Überschrift "Jesus heißt um Arbeiter bitten" stand, ist zu lesen: Während die Männer schufteten, waren es die Frauen der Gemeinde, die entscheidend zum Gelingen beitrugen. Sie sammelten Spenden, um die notwendigen Mittel für den Bau zu sichern und bereiteten Mahlzeiten für die Bauarbeiter zu.

Einer davon: Manfred Seitz. Zu Beginn sei die Euphorie in der Gemeinde groß gewesen, was aber recht schnell abebbte. "Wir waren dann meist ein kleines Team von drei bis vier Leuten. Ein Handwerker mit Sachverstand gab an, wie viele Schaufeln Sand und Zement ich beispielsweise zu mischen habe. Ansonsten wurde einfach angepackt und der Bau durchgezogen. Arbeit adelt!", ist Seitz überzeugt.

Ein Fotograf für das Sonntagsblatt muss auch dabei gewesen sein. Jedenfalls lichtete jemand eine ganze Gruppe Männer auf der Baustelle ab, während diese mit dem Spaten in der Hand den Boden bearbeiten und die Baugrube ausheben. Vorne dran: der junge Manfred Seitz, mit kurzer Hose, Hemd und adrettem Haarschnitt, wie ihn die Männer Anfang der 1950er getragen haben. Fast könnte man meinen, der junge Mann könnte gleich den Spaten weg legen und ins Büro marschieren.

So sieht die Gnadenkirche mit Nebengebäude heute aus.
So sieht die Gnadenkirche mit Nebengebäude heute aus.

Dort zog es ihn nach dem Bau der Kirche auch bald hin, und zwar zur Ausbildung ans Finanzamt nach Schweinfurt. "Uns jungen Leuten mit Abitur hat man damals gesagt, wir sollen zusehen, beim Staat unter zu kommen und was Anständiges zu lernen. Es hat mir aber nicht geschadet mitzukriegen, wie man eine Kirche baut", gibt er heute noch gerne zu.

Auch nachdem er seine spätere Frau in Schweinfurt kennengelernt hatte und bald nach Gerolzhofen zog und eine Familie gründete, habe es ihn immer wieder in die Gnadenkirche zu den Gottesdiensten gezogen. Nach Wiesentheid sowieso, lebten doch lange Eltern und Geschwister noch dort und auch viele Freunde. Trotzdem: "Wenn man ein so hohes Alter erreicht wie ich, werden die Bekannten immer weniger", wird Seitz nachdenklich.

Bald hatte sich Manfred Seitz als Steuerberater selbstständig gemacht und bis vor wenigen Jahren noch aktiv gearbeitet und Firmenkunden betreut. Mittlerweile ist der nach dem Tod der Ehefrau vor wenigen Jahren allein lebende Mann der Zahlen und Paragraphen im Ruhestand. Fit hält er sich mit vielem Lesen – auch des Sonntagsblattes, das ihn jetzt wieder an dieses einmalige Projekt erinnert hat, das er als junger Mann miterleben und –gestalten durfte.

Dank dieses Engagements konnte der Grundstein für die Gnadenkirche in Wiesentheid am 20. Juli 1952 gelegt und das Gotteshaus am ersten Advent desselben Jahres schon feierlich eingeweiht werden. Von keinem Geringeren als Landesbischof Hans Meiser.

Der Kirchenvorstand beschloss 1999 dann, die Gnadenkirche einem Heiligen zu widmen: dem Evangelisten Matthäus. Der Matthäustag liegt am 21. September, nah genug am Mauritiustag (22. September), womit das Kirchweihfest seitdem gemeinsam begangen werden konnte.