5.01.2020
Arbeit & Soziales

Aus dem Alltag einer gehörlosen Altenpflegerin

Wenn Pflegerin Anika Niebler ihre Patienten besucht, dann gibt es kleine Gesten statt großer Worte. Der Grund: Die 23-jährige ambulante Altenpflegerin ist gehörlos und kommuniziert in Gebärdensprache.
Altenpflegerin Anika Niebler kommuniziert mit einer Patientin in Gebärdensprache.
Altenpflegerin Anika Niebler kommuniziert mit einer Patientin in Gebärdensprache.

Täglich kommt Anika Niebler zu Christa und Erhard Bark. Das Ehepaar lebt im hannoverschen Stadtteil Kirchrode und begrüßt die junge Altenpflegerin bereits im Hausflur mit der Gebärde für "Guten Morgen". Die gehörlose 23-Jährige verabreicht dem 77-jährigen Mann Epilepsie-Medikamente und zieht ihm Kompressionsstrümpfe an. Jeden dritten Tag wechselt sie zudem seine Schmerzpflaster.

"Anika sieht sofort, wie es meinem Mann geht", sagt Christa Bark. "Mit ihr braucht es keine Worte."

Zuerst war das Ehepaar unschlüssig. Wie sollte das klappen mit einer Pflegerin, die sie nicht hört? "Aber Anika hat es uns so leicht gemacht", schwärmt Bark. Die junge Frau geht sehr auf die Klienten ein, ihr entgeht nichts. Und einige hilfreiche Gebärden hat das Ehepaar aus der Situation heraus schnell gelernt. Die restliche Kommunikation läuft mit Stift und Papier, Lippenlesen oder einer Handy-App mit Spracherkennung.

So wie den Barks ging es auch den Johannitern in Hannover. Sie waren sich erst mal unsicher. Doch Niebler fegte alle Vorbehalte bereits im ersten Gespräch vom Tisch. Ihre dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin hat sie gerade abgeschlossen. "Sie hat ein offenes Wesen, ist hochmotiviert und fährt Auto", sagt Johanniter-Sprecherin Sylke Heun. Ihre Einarbeitung ging schnell und problemlos - auch im Vergleich zu hörenden Kolleginnen.

Den Beruf hat sich die junge Frau genau ausgesucht.

Zuerst hatte sie es in typischen Arbeitsfeldern für Gehörlose probiert - wo es meist um Handarbeit ohne nennenswerten Umgang mit Menschen geht. Drei Wochen machte sie ein Praktikum in der Schneiderwerkstatt des Hamburger Schauspielhauses, drei weitere Wochen übte sie sich in einem Zahntechniklabor. "Doch das hat mir nicht gefallen. Ich brauche Kontakt zu Menschen", berichtet Niebler in Gebärdensprache, die ihre Mutter Christine übersetzt.

Die damals noch in Tostedt lebende junge Frau absolvierte ein Praktikum in einem Hamburger Altenheim für Gehörlose. Diese Arbeit war genau das Richtige, dorthin musste sich die junge Frau nicht quälen, sondern sie ging mit Freude. Es folgten eine Ausbildung an der Gehörlosenfachschule für soziale Berufe in Rendsburg und der Führerschein dort mit einem erfahrenen Fahrlehrer.

Was andere hören, kompensiert sie auf ihre Weise. Geräusche wie Hupen und Martinshörner im Straßenverkehr beispielsweise spürt sie in ihrem Bauch.

Das Kompensieren gelingt ihr auch im Arbeitsalltag. Mit ihren Augen nimmt sie viel mehr wahr als Sehende, erläutert Mutter Christine. Sie merkt an der Mimik, ob es stimmt, was ein Klient ihr sagt. Patienten loben sie für ihre Geduld und akkurate Arbeit. Durch Gespräche nebenbei kann Anika Niebler nicht abgelenkt werden: ob beim Waschen, Essen anreichen oder der Gabe von Insulinspritzen.

Hilfe braucht sie nur beim Thema Fortbildung. Sie würde sich gern weiterqualifizieren, auch um mehr arbeiten zu können. Für solch einen Kurs benötigt die junge Pflegerin Unterstützung durch Gebärdendolmetscher, doch diese sind teuer und in Niedersachsen erhalten gehörlose Menschen keine finanzielle Unterstützung. Inklusion bedeutet, dass Politik den Zugang gehörloser Menschen in Beruf und Fortbildung ermöglichen muss. Anika Niebler wird auch für dieses Problem eine Lösung finden.

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