20.07.2020
Fairer Handel

Das Lieferkettengesetz soll weltweit für fairen Handel und mehr Menschenrechte sorgen

Der Handel ist längst global, davon profitieren in der Regel aber nur Unternehmen aus Industriestaaten. Sie greifen den größten Teil der Wertschöpfungskette ab und interessieren sich meist nicht für die Produktionsbedingungen in Entwicklung
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Das alte Milchhäuschen steht idyllisch im Wiesengrund an der Verbindungsstraße zwischen Oberweihersbuch und Unterasbach. Früher lieferten die Bauern den Ertrag ihrer Milchkühe dort ab. Seit einiger Zeit ist in das kleine Gebäude wieder Leben eingekehrt, denn die Jakobusgemeinde betreibt hier ihren Eine-Welt-Laden.

Ein Besuch hat den Hauch eines Urlaubs in exotischen Ländern.

Bio-Bananen, Kaffee, Schokolade, Gewürze, Säfte, Tee, Reis, Honig, Wein, Olivenöl, und vieles mehr: Die Produkte des kleinen Weltladens sind nicht nur von besonderer Qualität - sie sind zugleich ein Stück Weltpolitik.

Alle Produkte in dem Weltladen stammen aus fairem Handel. Das bedeutet: Die Erzeugenden erhalten faire Preise. Das ist auch heute nicht selbstverständlich - die Erlöse für viele Produkte aus dem globalen Süden sind im freien Handel so niedrig, dass Kleinproduzenten kaum davon leben können.

Auch deutsche Unternehmen sind weltweit immer wieder an Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung beteiligt - ohne Konsequenzen. Der deutsche Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) hat Erzeugerländer bereist und fordert faire Bedingungen für alle. Erreichen will er das mit dem Lieferkettengesetz.

Mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat Müller ein Eckpunktepapier erarbeitet. Nun ist die Bundesregierung gefordert, ein Gesetz daraus zu machen. Um die Entscheidung zu beschleunigen, haben über 200.000 Menschen eine Petition für ein Lieferkettengesetz unterzeichnet.

Dazu aufgerufen hatte eine Initiative, hinter der viele Organisationen stehen, auch die beiden großen Kirchen.

Ihr Ziel: „Wir treten ein für eine Welt, in der Unternehmen Menschenrechte achten und Umweltzerstörung vermeiden - auch im Ausland.“ Weil viele Firmen dieser Verantwortung freiwillig nicht nachkämen, brauche es das Lieferkettengesetz.

Unternehmen, die Schäden an Mensch und Umwelt in ihren Lieferketten verursachen oder in Kauf nehmen, müssten dafür haften, wenn ein solches Gesetz Wirklichkeit würde. Auch Angelika Dittmann setzt sich dafür ein. Sie ist Sprecherin der Steuerungsgruppe Fairtrade Stadt Stein und Leiterin des Eine-Welt-Ladens Stein-Oberweihersbuch. Sie ärgert sich darüber, dass Firmen im Ausland keine Regeln einhalten müssen und deshalb günstig produzieren:

„Sie müssen keine Existenz sichernden Löhne bezahlen, müssen sich nicht um Kinderarbeit kümmern und können hier ihre Produkte günstig verkaufen.“

Während in Dittmanns Weltladen ausschließlich fair gehandelte Produkte verkauft werden, geht es bei den großen Handelsketten oft nur um den niedrigsten Preis. Am Beispiel der Schokolade wird das deutlich, wie Kerstin Schäfer erklärt. Auch sie gehört zum Team des Weltladens in Stein.

Vor allem Kinder würden in der Kakaoproduktion ausgebeutet. Es wird nicht auf ihre Gesundheit geachtet, weil sie schwere Säcke tragen müssen oder weil sie zum Teil mit Pestiziden in Kontakt kommen. Das Lieferkettengesetz soll bewirken, dass Hersteller besser hinschauen und wahrnehmen, wie im Ausland gearbeitet wird.

Von einem Euro für eine Tafel Schokolade bleiben den Kakao-Bauern nur drei Cent.

Bisher wurde in den Herkunftsländern nur der Kakao angebaut, aber nie Schokolade produziert. Die Veredelung fand immer in den Industrieländern statt. Bis jetzt: Die Firma „fairafric“ lässt in Ghana den Kakao ernten und stellt auch dort die Schokolade her.

Ein viel größerer Teil der Wertschöpfungskette verbleibe also im Land selbst. Im Steiner Weltladen kostet diese Schokolade 2,90 Euro - andere Fairtrade-Tafeln gibt es dort schon für die Hälfte. Und mittlerweile gibt es Schokolade mit Fairtrade-Siegel bereits im Discounter für noch viel weniger.

Bei seiner Afrikareise im Jahr 2019 hatte der Entwicklungshilfeminister die Fabrik besucht und eine Beteiligung versprochen. Dadurch konnte die Firma erweitert werden. So verbleiben statt drei jetzt 30 Prozent der Ertragskette in Afrika. Nichts anderes ist es in der Textilindustrie. Von einer Billigjeans, die zehn Euro kostet, bleiben neun Euro bei Händlern, den restlichen Euro teilen sich Baumwollpflücker, Fabrikbesitzer und die Arbeiter.

Wer Kinderarbeit vermeiden will, muss vor allem faire Löhne bezahlen und für gute Arbeitsbedingungen sorgen.

Dazu gehört auch der Umweltschutz in den Hersteller-Ländern, sagt Angelika Dittmann. Mit ihrem Engagement will Dittmann erreichen, dass in den Fabriken passende Filter eingebaut werden und die Flüsse nicht mehr mit Müll und Chemikalien verseucht werden. Die Firmen wären gezwungen, zu investieren, statt Verantwortung auf Subunternehmer abzuschieben, ohne für deren Handeln einstehen zu müssen.

Dittmann hofft auf das Lieferkettengesetz - das für alle Unternehmen gilt, die ihre Waren in Deutschland verkaufen, egal wo sich ihr Firmensitz befindet. „In vielen Bereichen wäre dieses Gesetz eine Hilfe, um einen wichtigen Schritt für unsere Welt zu tun“, sagt sie.

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