Im Jahr 1905 behauptete Max Weber, die protestantische Arbeitsethik sei der Treibstoff des Kapitalismus gewesen. Seitdem streiten Historiker:innen, Soziolog:innen und Theolog:innen darüber, ob er recht hatte, teilweise recht hatte oder schlicht falsch lag.

Eine neue Studie sagt nun: Weber hatte recht – nur aus dem falschen Grund. Sascha O. Becker, Jared Rubin und Ludger Woessmann haben im Journal of Economic Literature eine umfassende Synthese vorgelegt, die Jahrzehnte empirischer Forschung zum Verhältnis von Religion und Wirtschaftswachstum bündelt.

Das Ergebnis klingt für evangelische Leser:innen schmeichelhaft: Protestantische Regionen hatten historisch gesehen höhere Alphabetisierungsraten, bessere Schulen, günstigere demografische Entwicklungen – und das alles, weil Martin Luther wollte, dass jeder die Bibel selbst lesen kann.

Was die Studie misst – und was nicht

Die Forscher arbeiten vor allem mit historischen Daten aus dem Preußen des 19. Jahrhunderts. Als Messgröße für Religion dienen Konfessionszugehörigkeit und Kirchenmitgliedschaft, als Proxy für wirtschaftlichen Erfolg Alphabetisierungsraten, Bankdichte oder Patentanmeldungen.

Das sind legitime historische Variablen, aber sie bilden weder gelebte Religiosität noch tatsächlichen Wohlstand wirklich sicher ab. Wer regelmäßig zur Kirche geht, ist nicht zwingend frommer als jemand, der es nicht tut. Und ein hohes BIP oder mehr Bankfilialen sagen wenig darüber aus, wie viele Menschen gut leben.

Die Studie selbst räumt ein, dass sie sich fast ausschließlich auf die drei abrahamitischen Religionen konzentriert – andere Weltreligionen wie Buddhismus, Hinduismus oder Konfuzianismus bleiben weitgehend außen vor. Was das für die Verallgemeinerbarkeit der Thesen bedeutet, bleibt offen.

Hinzu kommt das klassische Problem: Korrelation ist keine Kausalität. Dass protestantische Regionen Preußens im 19. Jahrhundert gebildeter waren als katholische, lässt sich gut belegen. Aber ob das an Luther lag, an der geografischen Lage, an Handelswegen, an spezifischen Herrschaftsstrukturen – oder an einer Kombination von allem – ist damit noch nicht geklärt. 

Wenn die Gegenthese fehlt

Der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der europäische Aufstieg weniger mit konfessionellen Unterschieden zusammenhing als mit einem breiten kulturellen Wandel hin zu empirischem Denken, der sich quer durch Konfessionen zog.

Auch der Soziologe Philip Gorski, der Webers Protestantismus-These in modifizierter Form verteidigt, betont: Es waren nicht lutherische Bauern, die den Kapitalismus erfanden, sondern calvinistische Stadtbürger mit sehr spezifischen Sozialdisziplinierungs-Praktiken.

Und dann wäre da noch Frankreich: Die Autoren loben die frühe Säkularisierung des Landes als Ermöglicherin des ersten demografischen Übergangs weltweit. Das protestantische Narrativ bekommt damit einen stillen Konkurrenten – den aufgeklärten Laizismus.

Schmeichelhafte Befunde besonders kritisch lesen

Für ein evangelisches Publikum ist die Versuchung groß, die Studie als Bestätigung zu lesen: Seht ihr, Bildung, Vernunft, Schriftkenntnis – das ist unser Erbe, und es hat sich wirtschaftlich ausgezahlt.

Aber genau hier ist Skepsis angebracht. Denn die Studie misst nicht die Wirkung evangelischer Theologie, sondern einen historischen Institutionalisierungsprozess. Selbst wenn Schulen gebaut wurden, weil Luther die Bibellektüre forderte, sagt das noch nichts über den spirituellen Gehalt dieser Forderung – und noch viel weniger über die Kirche heute.

Wer die Studie also als Beweis liest, dass evangelisches Christentum wirtschaftlich nützlich ist, wählt eine bequeme Abkürzung. Die Realität ist aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich komplexer.

Was bleibt

Die Studie zeigt, dass religiöse Institutionen messbare Spuren hinterlassen haben – in Bildungssystemen, Finanzstrukturen, demografischen Mustern. Aber ob es die Religion war, die das bewirkte, oder bestimmte institutionelle Ausprägungen zu bestimmten historischen Momenten – das ist eine Frage, die auch nach 1142 Seiten Journal of Economic Literature offen bleibt.

Und vielleicht ist das die eigentlich theologisch interessante Frage: Was würde es über einen Glauben aussagen, dass er sich vor allem durch seine wirtschaftliche Nützlichkeit empfiehlt?