25.07.2020
Nationalsozialismus

Eine der letzten Zeitzeuginnen des Holocaust: die Cellistin Anita Lasker-Wallfisch

Sie spielte im Mädchenorchester von Auschwitz und wurde dadurch vor dem Tod bewahrt. Anita Lasker-Wallfisch überlebte Auschwitz und Bergen-Belsen. Lange schwieg sie über ihre Zeit im KZ. Heute berichtet sie unermüdlich aus ihrem Leben – und warnt vor dem neuen Antisemitismus unserer Zeit.
Anita Lasker-Wallfisch (2019)
Anita Lasker-Wallfisch (2019).

"Hier spricht Anita Lasker, eine deutsche Jüdin. Ich befinde mich mit meiner Schwester seit drei Jahren in Haft." Am 16. April 1945 strahlt das deutsche Programm der BBC einen der ersten Augenzeugenberichte aus deutschen Konzentrationslagern aus, einen Tag nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen nahe der niedersächsischen Stadt Celle. "Ich war 19 und fühlte mich wie 90", beschreibt Anita Lasker-Wallfisch später ihren Zustand damals, ausgezehrt und dem Tode nah. Sie überlebte Bergen-Belsen und Auschwitz, wo sie im Mädchenorchester spielte. Am 17. Juli wurde Anita Lasker-Wallfisch 95 Jahre alt.

Die Cellistin aus London zählt zu den prominentesten Zeitzeuginnen des Holocaust. Ob im Januar 2018 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag oder immer wieder vor Schulklassen – sie wird nicht müde, aus ihrem Leben zu berichten und vor neu aufkommendem Antisemitismus zu warnen. "Dass die, die überlebt haben, die Stimmen der verstummten Millionen sein müssen", darin sehe sie eine Pflicht, sagte sie im April zum 75. Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen. Sie hätte die Hauptrede der Gedenkveranstaltung halten sollen – doch wegen der Corona-Pandemie konnte ihr Beitrag nur per Video veröffentlicht werden, gefilmt von ihrem Enkel in ihrem Garten.

Zwangsarbeit, Gefängnis, Verschleppung nach Ausschwitz

Anita Lasker-Wallfisch wächst in Breslau als jüngste von drei Schwestern auf. Sie ist begabt, entdeckt früh ihre Liebe zum Cello. Mit acht Jahren erlebt sie zum ersten Mal antisemitische Anfeindungen. "Ich verstand überhaupt nicht, was da eigentlich los war", schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen. Nach und nach wird ihre Familie ihrer Rechte beraubt. Der Vater Alfons Lasker, ein Rechtsanwalt, bemüht sich ebenso verzweifelt wie vergeblich, aus Deutschland herauszukommen. Im April 1942 werden die Eltern deportiert und später ermordet.

Während die älteste Schwester schon früher nach England emigriert ist, müssen die beiden jüngeren Schwestern, Anita und Renate, Zwangsarbeit in einer Papierfabrik leisten. Sie fälschen Pässe, werden erwischt und landen im Gefängnis. Dann werden sie nach Auschwitz verschleppt.

Kinder im KZ Auschwitz.
Kinder im KZ Auschwitz.

Es sei unmöglich, das Leben in Auschwitz-Birkenau zu beschreiben, blickt sie in ihrem Buch zurück: "Einige Stichworte fallen mir ein, die Ingredienzien dieser Hölle waren: Gestank brennender Leichen, Rauch, Hunger, Angst, Verzweiflung, Geschrei." Weil Anita kurz nach ihrer Ankunft beiläufig erwähnt, dass sie Cello spielt, wird sie Mitglied im Frauenorchester des Lagers. Das rettet ihr und ihrer Schwester das Leben.

Auch als sie später in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert werden, geben die beiden Schwestern einander Halt. Die Bilder von Leichenbergen, die die Briten dort nach der Befreiung vorfanden, gingen um die Welt. In Bergen-Belsen starben während der NS-Zeit rund 20 000 Kriegsgefangene und mehr als 52 000 KZ-Häftlinge an Hunger und Seuchen oder durch Übergriffe der SS. "Auschwitz war ein Lager, in dem man Menschen systematisch ermordete", schreibt Lasker-Wallfisch später: "In Belsen krepierte man einfach."

Mahnenden Worte gegen Antisemitismus und Rassismus

Nach der Befreiung sagt die junge Frau im ersten großen NS-Kriegsverbrecherprozess in Deutschland aus. Als bizarr habe sie es wahrgenommen, wie über eine völlig gesetzlose Zeit auf einmal vor Gericht verhandelt worden sei, erzählt sie später in einem Telefonat mit dem Evangelischen Pressedienst: "Die Verbrechen lagen ja vor den Augen."

Es dauert 40 Jahre, bis Anita Lasker-Wallfisch sich entschließt, die Geschichte der Familie für ihre Kinder aufzuschreiben. Sie sei eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen aus der Welt der Holocaust-Überlebenden, sagt der Historiker Jens-Christian Wagner von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, zu der auch Bergen-Belsen gehört. Ihre mahnenden Worte gegen Antisemitismus und Rassismus seien dabei stets deutlich und ohne falsche Rücksichtnahme, dabei zugleich "von einem tiefen Humanismus getragen".

Projekt "Dimensions in Testimony"

2019 wird sie mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt dabei ihr Engagement: "Es ist auch ein Verdienst um die Zukunft dieses Landes, ein Verdienst von unschätzbarem Wert."

Von der Zeit im KZ will Anita Lasker-Wallfisch auch in Zukunft erzählen. Eine Woche lang hat sie für das Projekt "Dimensions in Testimony" mehr als 1000 Fragen beantwortet und ist dabei von allen Seiten gefilmt worden. Jetzt können zum Beispiel Jugendliche Fragen stellen, die das dabei entstandene interaktive Holgramm beantwortet.

In ihrer Rede im April wandte sie sich ausdrücklich an junge Menschen: "Sprecht miteinander, spielt Fußball miteinander, trinkt Kaffee miteinander, ladet euch in eure Häuser ein, erklärt euch eure verschiedenen Feiertage, und ihr werdet finden, dass ihr viel mehr gemeinsam habt, als euch trennt."

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