23.04.2019
Justizvollzugsanstalt Marktredwitz

Erste Senioren-Abteilung in bayerischem Gefängnis geplant

Die Gefangenen in Bayern werden immer älter - wie die Gesellschaft an sich. Daher plant der Freistaat beim JVA-Neubau Marktredwitz eine Senioren-Abteilung. Das gibt es in anderen Bundesländern schon. Nicht jeder ist aber von der Idee begeistert.
Senioren Gefängnis Handschellen Rollator

Der demografische Wandel trifft auch die bayerischen Gefängnisse: Von 2001 bis 2011 hat sich die absolute Zahl der Strafgefangenen sowie der Sicherheitsverwahrten ab 60 Jahren ungefähr verdoppelt, heißt es aus dem bayerischen Justizministerium. Der Anteil an allen Inhaftierten sei trotzdem gering: Ende März 2017 gab es in Bayern 8.348 Insassen in den Justizvollzugsanstalten, nur 9,25 Prozent waren 55 Jahre und älter, der Anteil der Über-65-Jährigen lag bei 2,55 Prozent. Dennoch bereitet sich der Freistaat auf mehr Senioren im Knast vor. So bekommt die neue JVA Marktredwitz die bayernweit erste spezielle Senioren-Abteilung.

Baubeginn für die neue JVA in Marktredwitz soll im Jahr 2021 sein, die Fertigstellung ist für 2024 geplant. Dass die Staatsregierung nun eine spezielle geriatrische Abteilung für Gefangene einrichte, bedeute nicht, dass man "den Besonderheiten im Umgang mit älteren Gefangenen" in den anderen Gefängnissen nicht gerecht werde, sagte eine Sprecherin des Justizministeriums. Die JVAs im Freistaat würden "der Alterstruktur der Gefangenen mit geeigneten Einzellösungen" gerecht werden. Auch gebe es bayernweit 54 behindertengerechte Haftplätze verteilt auf 13 Einrichtungen, die auch für ältere Strafgefangene geeignet seien.

Bedenken aus der evangelischen Gefängnisseelsorge

Der Münchner Pfarrer Felix Walter von der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Bayern ist von speziellen Senioren-Gefängnissen oder -Abteilungen nicht überzeugt. "Rentner laufen in der JVA eigentlich ganz gut mit", sagt er. Krankheit oder Gebrechlichkeiten seien im Gefängnis dagegen "immer ein Problem, unabhängig vom Alter". Dass damit aber auch "gespielt" werde, habe ihm der Fall des SS-Wachmanns John Demjanjuk gezeigt, der in München in Untersuchungshaft saß: "An den Verhandlungstagen war er der lebende Tod und musste in einem Rollstuhl sitzen - anderntags hat er einen fitten Eindruck gemacht."

Was für Senioren im Gefängnis eine große Bedeutung habe, sei das Arbeiten über das Rentenalter hinaus: "Die wollen arbeiten. Die sitzen sonst 22 Stunden auf ihrer Zelle", sagt Pfarrer Walter. Dies müsste in einer spezielle Senioren-Abteilung besonders im Blick behalten werden, denn Arbeit im Knast ist generell Mangelware: "Sonst ist das eine Strafe in der Strafe." Er stelle sich oft die Frage, wie sinnvoll das Konzept von (Haft-)Strafen sei. "Wenn Süchtige wegen der Sucht klauen und Ältere wegen Armut, dann löst eine Haftstrafe nicht ein Problem", sagt Walter. Stattdessen koste die Haft die Allgemeinheit "eine Menge Geld".

Das sieht auch Hilde Kugler so, die Geschäftsführerin des Nürnberger Vereins Treffpunkt, der als Träger in der Straffälligenhilfe aktiv ist und auch Angehörige von Inhaftierten berät und begleitet. Sie ist allerdings nicht grundsätzlich gegen Strafen für Senioren. "Denn wer im Besitz der bürgerlichen Rechte ist, für den gelten auch die bürgerlichen Pflichten", sagt sie. Wer mit seiner Rente oder den Sozialleistungen nicht zurechtkomme, müsse sich eben Hilfe holen - oder eine gesetzliche Betreuung für sich zulassen. "Ansonsten muss man eben auch im höheren Alter für seine Taten geradestehen", sagt die Vereins-Geschäftsführerin.

Kritik übt Kugler allerdings daran, wie in Bayern generell mit Inhaftierten umgegangen wird.

Der sogenannte Vollzugsplan im Freistaat sei "nicht besonders klug". So inhaftiere man je nach Strafmaß etwa jugendliche Straftäter in der JVA Lichtenau an der österreichischen Grenze, Frauen hingegen in der JVA Aichach. "Das ist oft alles andere als heimatnah - und für die Angehörigen und die sozialen Kontakte für die Zeit nach der Haft eine Katastrophe", sagt Kugler. Eine spezielle Senioren-Station im Fichtelgebirge würde leider in dieses Schema passen. "Für eine spätere Resozialisierung ist das jedenfalls Gift", sagt auch Pfarrer Walter.

Die Marktredwitzer selbst begrüßen mehrheitlich - nach einigen Fragen zu Beginn der Planung - den Bau der neuen JVA. Schließlich bringe das neue und vor allem sichere Arbeitsplätze und damit auch Kaufkraft in die Region, sagt eine Stadtsprecherin. Probleme bei der Anbindung der JVA im Stadtteil Lorenzreuth an den öffentlichen Nahverkehr sehe sie nicht. Ein Blick auf den aktuellen Fahrplan jedoch zeigt, dass vom Bahnhof aus werktags maximal alle Stunde ein Bus zum künftigen JVA-Standort fährt - dafür muss man aber erst mal mit dem Zug bis Marktredwitz gefahren sein. "Für ältere Angehörige ist das ein Problem", sagt Kugler.

In anderen Bundesländern gibt es spezielle Senioren-Gefängnisse schon länger.

Zum Beispiel in Baden-Württemberg. Wer 62 Jahre und älter ist und eine Haftstrafe von mindestens 15 Monaten verbüßen muss, der kann in der Außenstelle Singen der JVA Konstanz inhaftiert werden. In der kleinen Außenstelle für höchstens 48 Personen sitzen Gewalttäter, Sexualstraftäter und Betrüger ein, die im normalen Strafvollzug "an den Rand" gedrängt würden, sagen Experten. Dabei gehe es aber nicht um einen "bequemen Vollzug". Die erweiterten Besuchzeiten zum Beispiel sollen die sozialen Kontakte über die Haftzeit hinaus stabilisieren.

Bayerische Gefängnis-Seelsorger berichten allerdings auch davon, dass sich viele ältere Insassen mit dem täglichen Leben im Knast schwer tun - ohne gleich krank zu sein und auf eine Krankenstation zu müssen. Viele hätten Rückenschmerzen, weil die Matratzen zu dünn seien, sie frören leichter wegen der dünnen Decken. Und auch die allgemeine Lautstärke in den JVAs mache ihnen zu schaffen: "Wenn nachts jemand durch den Gang vor den Zellen läuft oder der Schlüsselbund beim Aufsperren klappert, dann wachen sie auf", berichtet eine Pfarrerin. Altersbedingte Zipperlein und Probleme gebe es eben "drinnen wie draußen", erläutert sie.

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