9.04.2019
Umwelt

Fridays for Future-Alternative: Vegan und plastikfrei Klimafasten vor Ostern

Die 18-jährige Cäcilia Thalhammer aus München will in den Wochen vor Ostern vegan und ohne Plastikmüll leben - dem Klima zuliebe. Manchmal ist das aber gar nicht so einfach.
Klimafasten

Als sie im Supermarkt vor der Reis- und Hafermilch steht, steckt Cäcilia Thalhammer in einem Dilemma. Sich vegan ernähren und gleichzeitig auf Plastik verzichten - das ist gar nicht so einfach. "Pflanzenmilch gibt es fast nur in Tetra Paks - und die sind mit Plastik beschichtet. Das ist total doof", sagt die 18-Jährige. Seit September macht sie ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Jugendorganisation des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in München und die Zeit vor Ostern nutzt sie dieses Jahr zum "Klimafasten".

Naturschutzverbände und Kirchen rufen seit mehreren Jahren dazu auf, in der Fastenzeit klimafreundlichere Verhaltensweisen und einen Lebensstil auszuprobieren, der möglichst wenig Ressourcen verbraucht. Die Aktion "Klimafasten" von elf evangelischen Landeskirchen und drei katholischen Bistümern etwa schlägt für jede Woche einen anderen Schwerpunkt vor: zum Beispiel "achtsam essen", "anders unterwegs" oder eben "plastikfrei".

Cäcilia versucht, in der gesamten Fastenzeit auf Plastikverpackungen und tierische Produkte zu verzichten. Die Emissionen aus der Tierhaltung zählen zu den Ursachen des Klimawandels. Fleisch isst Cäcilia schon seit ein paar Jahren kaum mehr. Der zusätzliche Verzicht auf Eier und Milchprodukte funktioniert bislang auch gut: "Statt Butter nehme ich Margarine, statt Kuhmilch Hafer- oder Reismilch. Aber wenn ich unterwegs bin oder ins Restaurant gehe, esse ich manchmal aus Versehen etwas, das nicht vegan ist."

Plastikfrei einkaufen ist nicht so einfach

Schwieriger wird es in Kombination mit plastikfreiem Einkaufen, wie bei der Hafermilch. Zum Glück gibt es um die Ecke von Cäcilias WG in München einen "Unverpackt"-Laden. Die Lebensmittel werden dort lose aufbewahrt, die Kunden kommen mit ihren eigenen Gläsern oder Dosen und füllen sich so viel Mehl, Nudeln oder Müsli ab, wie sie kaufen möchten.

"Man braucht schon eine gewisse Infrastruktur, um vegan und plastikfrei zu leben", sagt Cäcilia, die in München mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. "In dem kleinen Dorf bei Nürnberg, in dem ich aufgewachsen bin, wäre das nicht möglich. Dort gibt es nur normale Supermärkte." 

Neben der Infrastruktur braucht man fürs "Klimafasten" Zeit: Einfach schnell nach der Arbeit spontan in den Supermarkt springen - das geht nicht, erzählt die junge Frau. "Ich muss ja immer meine Gefäße dabeihaben." Deshalb plant sie jetzt mehr und schreibt sich schon morgens einen Zettel mit Dingen, die sie abends noch einkaufen will. 

Vegan kostet nicht mehr Geld

Mehr Geld braucht sie aber nicht, hat Cäcilia bemerkt. "Teuer sind vor allem die veganen Fertigprodukte - und man kann sich auch ohne sie ausgewogen ernähren." Dass jeder mit seinem Ernährungs- und Kaufverhalten etwas bewirken kann, davon ist sie überzeugt.

Auch Paulina Rudnick sieht eine große Macht bei den Konsumenten: Die 21-Jährige ist in der Berliner Zentrale der Jugendorganisation des BUND zuständig für die Aktion "Klimafasten". "Wir essen jeden Tag mehrmals. Wenn jetzt ganz viele auf einmal sagen, sie essen kein Fleisch mehr, müssen die Produzenten und die Politik reagieren. Das ist ganz einfach Angebot und Nachfrage." Hand in Hand mit der Umstellung eigener Gewohnheiten geht für sie aber auch politisches Engagement - etwa bei den "Fridays for Future"-Demonstrationen, bei denen junge Leute an die Politik appellieren, wirkungsvolle Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen.

Jeder habe die Verantwortung, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu tun - die einen als Konsumenten, die anderen als Politiker, findet auch Ulrike Wolf. Sie koordiniert in Hannover die kirchliche Aktion "Klimafasten". "Wenn wir den biblischen Auftrag ernst nehmen und die Schöpfung bewahren wollen, müssen wir unsere Gewohnheiten ändern", sagt sie.

In diesem Jahr wird Klimafasten stark nachgefragt

In diesem Jahr werde die Broschüre der Landeskirchen und Bistümer zum "Klimafasten" besonders stark nachgefragt. Gerade nach dem heißen Sommer 2018 sei vielen klargeworden, dass der Klimawandel auch Europa betreffe. Es sei aber auch eine Frage der Gerechtigkeit, sagt Wolf, die Folgen für andere Weltregionen und künftige Generationen so weit wie noch möglich abzumildern. "Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und zu schauen, was man danach in seinen Alltag übernehmen kann."

Auch Cäcilia will versuchen, sich nach der Fastenzeit weiter vegan zu ernähren. Und das muss nicht nur Verzicht bedeuten. Der schönste Nebeneffekt sei, dass sie sich viele Kochbücher aus der Bibliothek ausgeliehen und neue Rezepte ausprobiert habe: "Ich habe jetzt viel mehr Ansporn, mir selbst etwas Leckeres zu kochen."

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