Sie backen Sauerteigbrot, tragen pastellfarbene Kleider mit Rüschen und wiegen ihre Babys in Küchen, die aussehen wie aus einem Werbekatalog für Landhausidylle. Und sie bekennen sich offen zu einem Lebensstil, der für viele nach einem feministischen Albtraum klingt: Hausfrau sein – aus Überzeugung.

Tradwifes – ein Kofferwort aus "traditional" und "wife" – scheint die Antwort mancher Frauen zu sein, die sich nach Eindeutigkeit sehnen in Zeiten zunehmender Vieldeutigkeit: Inmitten steigend hypermoderner Arbeitswelten und diverser Rollenbilder inszenieren sich diese Frauen als Wiederentdeckerinnen des traditionellen Geschlechtermodells. Und das nicht im Verborgenen, sondern öffentlichkeitswirksam auf Instagram und TikTok.

Mission im Schürzenkleid? Der Einfluss der Mormonen

Was dabei häufig übersehen wird: Viele prominente Vertreterinnen dieses Retro-Lifestyles sind eng mit der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", den Mormonen, verbunden – entweder durch Prägung in der Kindheit oder durch spätere Hinwendung zum Glauben. Ihre Inhalte sind mehr als konservatives Hyggeligsein: Sie sind auch Mission.

Was sie vereint – die mormonischen Tradwifes: Der Schwerpunkt liegt auf Familie, auf Mutterschaft und dem Dienst am Ehemann, sie haben viele Kinder und zelebrieren öffentlich das idyllisch verklärte Hausfrauenideal. Die Familie gilt als von Gott eingesetzt und die Anzahl der Kinder als von Gott vorgegeben. Es gelten strenge Regeln: kein Sex vor der Ehe und nur zwischen Mann und Frau sowie eine strikte Kleiderordnung.

Hannah Neeleman: Die Ballerina vom Bauernhof

Eine der bekanntesten Figuren dieser Bewegung: Hannah Neeleman, Mutter von acht Kindern, Influencerin und erfolgreiche Unternehmerin. Über zehn Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, wo sie das Leben auf ihrer abgelegenen "Ballerina Farm" in Utah teilt: choreografiertes Landleben mit Schweinen, Rindern, Hühnern und Küchenschürzen und unzähligen Konserven und Sauerteigstartern.

Der Name der Farm ist sicher kein Zufall. Neeleman studierte an der renommierten Juilliard School Ballett. Ihre Karriere als Ballerina hat sie jedoch, wie sie der WELT verriert, für die Familie, auch auf Wunsch ihres Mannes, geopfert. Was blieb, war das Motto ihres Business. Heute lebt sie in einer der mormonischsten Regionen der USA.

Mormonische Werte und das Tradwife-Phänomen

Utah gilt als spirituelles Zentrum der Kirche, die in der Ehe und Familie einen göttlichen Auftrag sieht. Neeleman, die in einem mormonischen Tempel geheiratet hat, spricht selten explizit über ihren Glauben – aber sie lebt ihn sichtbar. Ihre Selbstinszenierung folgt einem festen Wertekanon: das Rollenbewusstsein als fürsorgliche Mutter und Ehefrau, der sonntägliche Kirchgang, ein betont schlichtes Erscheinungsbild.

Die meist bodenlangen Kleider in Pastelltönen, wie aus einem Lindt-Werbespot, versteht sie als Ausdruck von "Modesty" – also Bescheidenheit. "Ich habe mich selbst repräsentiert, nicht eine Rolle gespielt, daher war Bescheidenheit für mich immer sehr wichtig", sagte sie der Deseret News in Salt Lake City.

Bescheidenheit beschreibt nicht nur ihren Kleidungsstil, der den Blick vom Körper ablenkt, sondern auch ihre Haltung, die das ebenso tut.

Zwischen Glaube und Geschäft: Das doppelte Rollenbild

Und doch steht hinter der Fassade der demütigen Hausfrau eine erfolgreiche Unternehmerin. Mit Sauerteig-Starterkits, Schürzen und Messern hat sie ein Millionenbusiness aufgebaut. Ihr Mann, Daniel Neeleman, entstammt einer schwerreichen Unternehmerfamilie, sein Vermögen wird auf 450 Millionen Dollar geschätzt. Das Paar inszeniert sich bei aller Trad-Wifeigkeit als gleichberechtigtes Team: "Wir sind Co-CEOs unseres Familienlebens", sagt sie der New York Times.

Also doch eine Feministin? Zumindest eine, die ökonomische Unabhängigkeit und traditionelle Rollenmuster nicht als Widerspruch begreift und das im Einklang mit ihrem Glauben lebt.

Nara Smith: Tradwife mit Glamour und Ironie

Weniger eindeutig religiös ist Nara Smith, Model, Influencerin – und Ehefrau des Models und Schauspielers Lucky Blue Smith. Auch sie spielt die Rolle der modernen Hausfrau. Auf Instagram präsentiert sie sich allerdings in Haute-Couture-Kleidern und einem fast schon ironischen Unterton.

Wenn sie in Glitzerkleidern kocht oder Wäsche faltet, wirkt das eher wie ein Kommentar auf das Rollenbild als eine Unterwerfung darunter. Ihre Selbstbeschreibung als "nicht hardcore-mormonisch" markiert diese Distanz – und doch schwingt ein Grundton der Häuslichkeit mit.

Ein Frauenbild für Millionen – mit uneindeutiger Message

Beide Frauen stehen für zwei Spielarten desselben Phänomens: das Comeback des neotraditionellen Weiblichkeitsideals – einmal religiös grundiert, einmal stilisiert gebrochen.

Ob als Ideal oder als Provokation – der Algorithmus belohnt das traditionelle Geschlechterbild: sei es als religiös grundiertes Statement oder als ästhetisierter Rückzug in alte Muster.