28.01.2018
Lachen

Seit 20 Jahren besuchen die Klinikclowns in Bayern Krankenhäuser, Pflegeheime und Palliativstationen. Wie Doktor Bonbon, Dr. Batscho & Co. die Patienten vom Klinikalltag ablenken.
Stephanie Groß alias Dr. Bonbon
Quatsch mit Nase: Ein paar Luftballons und Clownsnasen reichen oft, damit Dr. Bonbon die Kinder zum Lachen bringt und sie für ein paar Minuten vom anstrengenden Klinikalltag ablenkt.

"Woa, die zocken!!!" Doktor Bonbon, die gerade durch die Glastür von Zimmer 18 auf der Chirurgischen Station des Haunerschen Kinderspitals gelinst hat, reißt die Augen auf und in ihrer Stimme schrillen mindestens drei Alarmglocken. Ihr Kollege Dr. Batscho strafft die Schultern, rückt sich die blau-rot-geringelte Mütze zurecht und betritt den Raum. "Hallo, wir sind vom Olympischen Komitee für, äh, Kartenspielüberwachung", sagt er und klimpert auf seiner Ukulele.

Die drei Kinder und sechs Erwachsenen im Zimmer schauen von entgeistert bis belustigt von ihren Uno-Karten auf die zwei Gestalten mit Clownsnase und bunt dekoriertem Arztkittel. Bonbon und Batscho alias Stephanie Groß und Georg Schulze kennen das schon: Seit knapp drei Jahren sind sie hier das Dienstags-Team bei der Visite der "Klinikclowns".

Münchner Klinikclowns feiern 20. Geburtstag

Am 28. Januar feiern die Klinikclowns Bayern e.V. ihren 20. Geburtstag. Damals absolvierte Peter Spiel als Dr. Schnipsel im Haunerschen die erste Clowns-Visite in Bayern. "Wir waren ganz schön aufgeregt, denn wir konnten uns ja nirgendwo etwas abschauen", erinnert sich der Schauspieler. Doch das Konzept schlug ein: Kinder, Eltern und Angestellte schätzten gleichermaßen die heitere Unterbrechung des durchgetakteten Klinikalltags. Und dass Lachen entspannt, die Lungen belüftet und Mut macht, ist längst durch medizinische Studien belegt.

"Das medizinische Programm im Krankenhaus ist für Kinder oft belastend: Blut abnehmen, Ultraschall, Infusionen, nicht aufstehen dürfen, nicht mit Freunden spielen", zählt Astrid Simader auf. Die Leiterin der Kulturinitiative Kinderkrankenhaus schätzt den Facettenreichtum der Klinikclowns. Sie brächten die Kinder mit ihren Späßen auf andere Gedanken, sie könnten aber auch ganz vorsichtig agieren. "Fiebernde Kinder halten die Clowns schlecht aus - aber an ein paar ins Zimmer gepustete Seifenblasen erinnern sie sich gern", schildert die Ergotherapeutin.

Doktor Batscho und Doktor Bonbon.
Doktor Batscho und Doktor Bonbon bereiten sich auf die Visite vor.

Klinikclowns sind professionelle Künstler

Auf Zimmer 18 nimmt die Olympia-Visite derweil erst Fahrt auf. "Wir müssen hier kontrollieren, ob die Karten gezinkt oder vereist sind", sagt Doktor Bonbon und schielt dem 10-jährigen Mirko (alle Patientennamen geändert) über die Schultern in seine Uno-Karten. Sein 12-jähriger Bruder Ricki grinst unsicher. Die Mutter verdreht genervt die Augen über die Unterbrechung, und auch der Vater weiß noch nicht so recht, was er mit den Clowns anfangen soll. Der 16-jährige Stefan im anderen Bett ist augenscheinlich ganz froh, dass er nicht an der Tür liegt.

In solchen Fällen zahlt es sich aus, dass alle Klinikclowns professionell ausgebildete Künstler sind. Äußerlich ungerührt, aber mit feinen Antennen navigieren sich Bonbon und Batscho mit Luftballons und Kalauern durchs auftauende Stimmungseis von Zimmer 18. Gewonnen haben sie, als am Ende der Visite neun junge und alte Menschen lachend bei ihrer improvisierten Olympia-Hymne mitsingen und mitwippen.

 

Doktor Batscho mit Patient.
Auch zu körperlich schwachen Kindern finden die Clowns wie Doktor Batscho einen Zugang - oft sind Luftballons und Seifenblasen Türöffner.

60 Klinikclowns in ganz Bayern

60 Clowns sind mittlerweile an 90 Einrichtungen in ganz Bayern im Einsatz: von Aschaffenburg bis Passau, von Bayreuth bis Füssen. Nicht nur Kinderkliniken haben die Clowns auf dem Zettel; sie besuchen auch Pflegeheime und Palliativstationen. Finanziert wird die Arbeit ausschließlich durch Spenden. Fortbildungen sind für die Clowns Pflicht: "Wir bieten Workshops zu Themen wie Tod, Interkulturelle Kommunikation oder Hygiene im Krankenhaus", erklärt der zweite Vereinsvorsitzende Peter Spiel.

Stephanie Groß ist seit 1998 dabei, Georg Schulze stieß vor knapp drei Jahren dazu. "Ich hatte mich mehrfach beworben, dann hat es endlich geklappt", erzählt der junge Schauspieler. Bei Kindern kommt er als Clown gut an, die Arbeit macht ihm Spaß. "Man muss improvisieren, schauen, was passiert", sagt er und desinfiziert sich die Hände.

Dann schlendern Batscho und Dr. Bonbon weiter über die Station. Ihre Arztkittel mit dem "Klinikclown"-Logo, ihre roten Nasen, die verrückten Klamotten und ihre Fröhlichkeit stechen selbst auf dem bunt dekorierten Flur der Kinderchirurgie heraus. Wen immer sie treffen, ob Arzt, Schwester oder Kind, dem zaubern sie ein Lächeln aufs Gesicht. Keine Frage: Der Dienstag ist auf der Chirurgie des Haunerschen für viele ein heiterer Tag.

20 Jahre Klinikclowns Bayern e.V.

Am 28.1.1998 fand die erste bayerische Klinikclown-Visite am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München statt. Gegründet hatte den Verein Elisabeth Makepeace, die das Konzept der Klinikclowns aus ihrer Heimatstadt Wien mitbrachte, zusammen mit Peter Spiel, Schauspieler und Klinikclown der ersten Stunde. Aus der Überzeugung heraus, "dass Lachen wirkt und Heilungsprozesse fördert", wolle der Verein kranken und einsamen Menschen "ein Lachen schenken", heißt es auf der Homepage der Klinikclowns.

188 Einsätze verzeichneten die Klinikclowns im Gründungsjahr. Mittlerweile sind 60 Clowns an 90 Einrichtungen mit jährlich rund 2.400 Einsätzen in ganz Bayern tätig: von Aschaffenburg bis Passau, von Bayreuth bis Füssen. Dazu gehören Kinderkliniken, Pflegeheime, Behinderteneinrichtungen und Palliativstationen.

Das Konzept der Clownsvisiten ist Mitte der 1980er-Jahre in den USA entstanden. Als Begründer der weltweiten Bewegung gilt Michael Christensen, der seit 1986 mit "Clown Care" Klinikclowns in amerikanische Kinderkliniken bringt. Anfang der 1990er-Jahre fasste die Idee auch in Europa Fuß. Die ersten Clowns an deutschen Kliniken gab es 1993 in Wiesbaden, wo sich 1994 der Verein "Die Clown Doktoren" gründete.

Lachen ist gesund: Warum der Volksmund recht hat, erklärt der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Aschaffenburg, Professor Jörg Klepper. Lachen senke die Stresshormone Adrenalin und Cortisol, es verbessere durch tiefes Einatmen die Lungenbelüftung und schütte Botenstoffe im Gehirn aus, die die Heilung förderten. "Wir sind dankbar für die 'fachkundige Verstärkung' unseres Teams durch die Clown-Doktoren. Sie nehmen den Kindern die Angst vor dem Krankenhaus. Das hilft uns Ärzten bei der Arbeit. Aus negativen Emotionen wie Angst, Stress, Schmerzen werden positive Emotionen wie Entspannung, Freude, Lachen", schreibt Klepper auf der Homepage der Klinikclowns.

Schirmherr der Klinikclowns Bayern e.V. ist der Münchner Alt-OB Christian Ude. Als prominente Paten unterstützen der Liedermacher Konstantin Wecker und Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Caroline Link die Arbeit.

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