9.02.2015
Verlust der Nacht

Lichtverschmutzung: Wie Nachtschützer sich für Dunkelheit einsetzen

Straßenlaternen, angestrahlte Gebäude, Leuchtreklamen - die Nacht wird immer heller. Lichtverschmutzung nennt Kulturwissenschaftlerin Sabine Frank das. Warum sie die völlige Dunkelheit schützen will.

Sabine Frank tritt auf die Bremse. Sie schaltet den Motor ab, knipst das Fernlicht ihres Autos aus. Jetzt ist es zappenduster. Die Nacht im Biosphärenreservat Rhön ist so schwarz, dass die Hand vor dem Gesicht verschwindet. Mitten auf der Landstraße, wo das nächste Dorf kilometerweit entfernt und die Nacht stockdunkel und einfach nur Nacht ist, trommelt der Regen plötzlich lauter als vorher auf das Autodach.

Sabine Frank ist Nachtschützerin. Die Kulturwissenschaftlerin und Hobby-Astronomin ist unermüdlich in den Dörfern der Rhön unterwegs, um an die Bedeutung der Dunkelheit und des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus für Mensch und Tier zu erinnern. Sie engagiert sich gegen Lichtverschmutzung. So nennen Wissenschaftler das künstliche Licht, das die dunkle Landschaft und den Nachthimmel aufhellt - Straßenlaternen, angestrahlte Kirchen, beleuchtete Vorgärten.

Sie arbeitet für das Biosphärenreservat Rhön. Seit August 2014 darf sich die Rhön "internationaler Sternenpark" nennen. Der Titel, den die Vereinigung zum Schutz des Nachthimmels mit Sitz in den USA vergibt, zeichnet Gegenden aus, in denen noch ein natürlich dunkler Nachthimmel zu sehen ist. Als erste Region in Deutschland hatte Anfang des vergangenen Jahres das Havelland die Auszeichnung "Sternenpark" bekommen.

Lichtverschmutzung: Warum die Nacht schützenswert ist

"Die natürliche Nacht, die durch die Rotation der Erde entsteht, ist wertvoll", sagt Frank. Nachts wird das Schlafhormon Melatonin produziert. Das braucht der Körper, um sich zu erholen. Die Straßenlaterne vor dem Schlafzimmer, aber auch langes Fernsehgucken in der Nacht und grelle Neonröhren im Bad beim Zähneputzen stören da nur. Besonders kaltweißes Licht mit hohen Blauanteilen irritiert. "Der Körper weiß dann nicht mehr, wann Tag und wann Nacht ist," sagt Sabine Frank. "Mein Tipp, im Dunkeln aufs Klo gehen."

Der Schutz der Nacht ist noch eine relativ junge Disziplin. Seit 2009 besteht die bundesweite Forschungsplattform "Verlust der Nacht". Der Verbund, der auf Initiative des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei gegründet wurde, untersucht die Folgen des künstlichen Lichts in der Nacht auf Natur, Tiere und Menschen. Projektleiter ist der Berliner Wissenschaftler Franz Hölker. Der Nachthimmel, sagt der Biologe, wird Jahr für Jahr heller. "Mit der Glühbirne fing das an." Seit etwa 60 Jahren habe die Außenbeleuchtung "eine Dimension angekommen, die störend ist".

"Licht in der Nacht hat negative Folgen für Vögel, Insekten, Amphibien und Pflanzen", sagt Frank. Rund 30 Prozent aller Wirbeltiere und mehr als 60 Prozent aller wirbellosen Tiere seien nachtaktiv. Viele navigieren nach dem Sternenhimmel. Die Folge von zu viel Helligkeit: Zugvögel werden von ihrer Flugbahn abgelenkt, Insekten verenden in hellen LED-Leuchten, die zu Dekozwecken im Garten aufgestellt werden. Für das Ökosystem habe das Konsequenzen, sagt Frank: Die nachtaktiven Insekten fehlen Fledermäusen und Igeln als Nahrungsmittel oder als Bestäuber von nacht- und dämmerungsaktiven Pflanzen wie dem Holunder oder der Linde.

Lichtverschmutzung macht Sternenbeobachtung schwer

Es sind aber nicht nur die Flora und Fauna, für die sich Sabine Frank einsetzt. Die 43-Jährige ist seit früher Jugend Sternenguckerin. Am liebsten ohne Fernrohr. "In der Rhön kann man mit bloßem Auge die Andromeda-Galaxie sehen", schwärmt sie. Bei klarer Nacht seien in dem Biosphärenreservat mehrere tausend Sterne zu sehen, in einer Stadt wie Frankfurt am Main nicht mal hundert, sagt sie. Der Beweis bleibt an diesem Abend aus. Eine dunkle Wolkendecke hängt über dem Biosphärenreservat, kein Stern, nicht einmal der Mond zeigt sich.

Wohl aber die Straßenlaternen in den Dörfern, angestrahlte Industriegebäude oder Tankstellenbeleuchtungen. Frank hat einen geschulten Blick für jede Art von störendem Licht. Sie lenkt ihr Auto durch die Rhön, schimpft über unsinnig-blendende LED-Strahler in einer Hauseinfahrt hier, zeigt auf angestrahlte Bäume dort. Der Lichtkegel von zwei Straßenlampen fällt direkt auf die Blätter einer Linde. Mitten im Winter sollte sie eigentlich kahl sein. "Für den Baum ist das echt 'ne fiese Sache", sagt Frank. Denn der Baum versorgt die Blätter an den Ästen weiterhin mit Wasser. Bei Minusgraden sind Frostschäden die Folge.

"Warum hat Gott die Nacht gemacht?"

Und dann sind da auch noch die Kirchen, die nachts teilweise mit 1.000 Watt-Strahlern angeleuchtet werden. "Da fragt man sich schon, warum hat Gott überhaupt die Nacht gemacht", kommentiert Frank. Mit vielen Kirchengemeinden in der Rhön führt sie inzwischen Gespräche darüber, die Außenbeleuchtung nachts auszuschalten. "Elektrisches Licht in der Nacht ist immer etwas Unnatürliches", sagt Frank.

Inzwischen ist es weit nach zehn Uhr. An einer Bushaltestelle, deren grünes Unterstellhäuschen in Neonlicht getaucht ist, hält sie an. Nachts ist hier, an der Landstraße Richtung Fulda, alles leer. Kein Mensch ist unterwegs. Der letzte Bus ist seit etwa drei Stunden durch, der nächste kommt erst wieder um 5 Uhr 36 in der Früh. Nur die Neonröhren strahlen und spiegeln sich auf dem nassen Asphalt. In der Ferne ist schon wieder die rot schimmernde Lichtglocke der Stadt Fulda zu sehen.

 

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