13.04.2020
"Am Ende ist man doch allein":

Mit der Corona-Soforthilfe sind bei weitem nicht alle Probleme von Freiberuflern gelöst

Uschi Hartberger ist seit mehr als 25 Jahren ihre eigene Chefin. An der Würzburger Musikhochschule lehrt sie eine Methode zur Schulung der Körperhaltung und ist in einer eigenen Praxis tätig. Im Moment sind beide geschlossen, was Hartberger einen drastischen Umsatzeinbruch beschert. Wie so viele Selbstständige, beantragte sie Soforthilfe. Dass es die gibt, ist ohne Zweifel gut, sagt sie. Alleingelassen fühlt sich die 62-Jährige dennoch.
Uschi Hartberger bietet als Lehrbeauftragte an der Würzburger Musikhochschule sowie in eigener Praxis Alexandertechnik zur Korrektur von Fehlhaltungen an.

Auch wenn Uschi Hartberger nicht arbeitet, schlagen Kosten zu Buche. Beispielsweise die Miete für ihre Praxis. Solche Fixkosten hofft die Alexandertechnik-Lehrerin durch die Soforthilfe decken zu können. Doch damit, sagt sie, seien bei weitem nicht alle Probleme gelöst. Die Monate März bis Juni sind bei mir am umsatzstärksten, erklärt sie.

Mit den Einnahmen aus diesen vier Monaten kompensiert sie alljährlich die umsatzschwächsten Monate Juli, August und September. Momentan scheint es so zu sein, dass Hartberger krisenbedingt noch eine ganze Weile nicht wieder wird arbeiten können. Das wirbelt ihre Finanz-, mehr noch, ihre gesamte Lebensplanung durcheinander.

Gürtel müssen enger geschnallt werden

Hartberger ist desillusioniert. Vertraute sie doch den Aussagen von Landes- und Bundespolitikern wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU): "Wir lassen niemanden allein! Es gibt in Deutschland keine Solidaritäts-Lücke." Im Moment scheine das ja so zu sein. Doch was sei in drei Monaten? Oder in drei Jahren? Durch Corona würden viele Menschen den Gürtel enger schnallen müssen. Wohl noch weniger würden sich künftig private Gesundheitsangebote leisten, glaubt Hartberger: "Wenn ich 40 wäre, wäre alles nicht einmal so schlimm, aber ich will mit 67 in Rente gehen und habe keine Chance, das, was mir an Umsatz wegbricht, je wieder hereinzuarbeiten."

Entweder müsse sie nun länger arbeiten. Oder mit deutlich weniger Erspartem in die Rente starten. Dass gerade der Ast abgesägt wird, auf dem sie sitzen, dieses Gefühl haben im Augenblick vor allem auch Kulturschaffende. Die Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern sorgen hier außerdem für erhebliche Verwirrung, erklärt Barbara Kastner vom Vorstand des Verbands Freier Darstellender Künste Bayern (vfdkb).

Gerade unkonventioneller arbeitende Menschen wie Künstlern stellen sich viele Fragen, sagt sie. Was zum Beispiel können Kreative genau als Betriebskosten angeben, fragt sich Kastner: "Wir sind für eine Soforthilfe speziell für Künstler, die schon bei einem Umsatzeinbruch hilft, und nicht erst bei einem Liquiditätsengpass."

Dass Künstler üppige Ersparnisse haben, sei selten. Gerade auch dies wird laut vfdkb zu wenig berücksichtigt. Theater- und Tanzschaffende können kaum Rücklagen bilden, da ihr Einkommen mit 18.000 Euro jährlich deutlich unter dem Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt, sagt Kastner. Hinzu komme, dass sich durch die Corona-Krise vieles verzögert: Auch Honorarzahlungen, auf die manche dringend angewiesen sind. Etlichen freiberuflichen Schauspielern, Regisseuren und Tänzern bleibe nichts anderes übrig, als nun Hartz IV zu beantragen. Manche geben womöglich ganz auf.

Online-Unterricht als Mittel

Musiker kommen mit der Krise etwas besser zurande, beobachtet der Tonkünstlerverband Bayern. "Viele unserer Mitglieder haben auf Online-Unterricht umgestellt", sagt Geschäftsführerin Andrea Fink. Teilweise kann damit der Ausfall des Live-Unterrichts zur Hälfte kompensiert werden: Wobei Erwachsene und ältere Schüler dies weniger annehmen. Können Soforthilfe und Einnahmen aus dem Online-Unterricht kombiniert werden, kommen einige Berufsmusiker finanziell ganz gut über die Runden. Für viele Mitglieder ist es jedoch frustrierend, dass sie so lange auf die Soforthilfe warten müssen.

"Ich habe in der Beratung das Gefühl, dass die Anträge völlig unterschiedlich bearbeitet werden", sagt Fink. Was ein Blick in die Statistik des Bayerischen Wirtschaftsministerium bestätigt. In Oberbayern, wo - Stand 7. April - 55.000 Soforthilfe-Anträge mit einem geschätzten Volumen von 357 Millionen Euro eingingen, wurden bereits 155 Millionen Euro ausgezahlt. In Schwaben gingen knapp 31.000 Anträge mit einem Volumen von knapp 200 Millionen Euro ein. Lediglich 45.000 Euro wurden bisher zur Auszahlung angewiesen. Viele Antragsteller müssen sich mit Geduld wappnen.

"Corona-Soforthilfe, dass ich nicht lache", wetterte vor wenigen Tagen ein Selbstständiger aus dem Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim im Netz. Der Mann stellte am 18. März einen Antrag, der im Bezirk Mittelfranken bearbeitet wird. Nach 18 Tagen habe er noch keine Antwort erhalten. "Wie war das, es geht niemand kaputt?", höhnt er. Er habe eigentlich an das geglaubt, was gesagt wurde: Kein werde alleingelassen. Nun sei er maßlos enttäuscht. Nachdem Musiker meist ebenso wenig gut betucht sind wie Schauspieler und Tänzer, stehen auch hier viele vor der Frage, ob sie Hartz IV beantragen sollen.

Soforthilfe-Programme

"Beim Soforthilfe-Programm können ja nur Kosten für Mieten, Kredite oder Leasingraten in Ansatz gebracht werden, so dass nicht alle profitieren", erklärt Fink. Das große Problem seien Umsatzeinbußen durch ausgefallene Konzerte oder privaten Musikunterricht. Unser Klientel scheut sich davor, Arbeitslosengeld II zu beantragen, denn alle wollen ja arbeiten, sagt die Geschäftsführerin. Deshalb fordert der Tonkünstlerverband ein begrenztes Grundeinkommen für Mitglieder der Künstlersozialkasse.

Auch in der Kino-Szene sorgt die Soforthilfe für Verdruss. "Sie ist ein Tropfen auf den heißen Stein", meint Christian Pfeil. Der Münchner betreibt in Bayern zusammen mit einem Kompagnon vier Arthouse-Kinos, außerdem ist er im Vorstand der AG Kino aktiv.

Vor zwei Wochen beantragte er Soforthilfe, Geld floss noch nicht. Sollte die beantragte Summe eintreffen, könne er von dem, was er für drei Monate erhält, wohl gerade mal die Mieten eines Monats zahlen. Der Umsatzeinbruch seit Mitte März sei nie mehr hereinzuholen: Zumal die Starttermine vieler Filme auf 2021 verschoben sind. Bayernweit, prognostiziert Pfeil, werde jedes vierte kleine Kino krisenbedingt sterben.

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