8.07.2019
Buch-Tipp

Nürnberger Kabarettist Matthias Egersdörfer schreibt im Buch "Vorstadtprinz" über seine Jugend

Man kennt den Kabarettisten Matthias Egersdörfer als Grantler, der seine satirischen Beobachtungen des Zwischenmenschlichen und der Gesellschaft gerne in Wutausbrüchen kanalisiert. Und als Leiter der Spurensicherung im "Franken-Tatort". In seinem Romans "Vorstadtprinz" aber zeigt sich Egersdörfer von seiner lyrischen Seite.
Matthias Egersdörfer
Matthias Egersdörfer lächelt nicht viel, hat aber ein warmherziges Buch über seine frühen Jahre geschrieben, bei dem man beim Lesen viel lachen kann.

Herr Egersdörfer, Sie beschreiben Ihre Kindheit und Jugend in Lauf an der Pegnitz wenig verklärend, das Kleinstadtleben scheint sie eingeengt zu haben. Ist es wirklich so viel besser in der Großstadt?

Matthias Egersdörfer: Ich könnte es mir heute zumindest nicht mehr vorstellen, wieder in einer Kleinstadt zu wohnen. Wenn der Rollladen mal erst um halb elf hochgezogen wird und man dann von den Nachbarn gefragt wird, ob man krank ist, das kommt in Fürth beispielsweise überhaupt nicht vor.

In Ihrem Buch beschreiben Sie beispielsweise ein bekanntes Ritual beim Metzgereibesuch mit der Mama, bei dem Sie als Kind immer gefragt wurden, ob Sie eine Gelbwurst möchten und Ihnen das Stück Wurst quasi ständig aufgezwungen wird. Wenn Sie heute zur Metzgerei Pristownik zurückkehren, die müssen Sie doch herzlichst empfangen angesichts dieser Werbung?

Egersdörfer: Als ich vergangenes Jahr mit meiner Band "Fast zu Fürth" in Lauf gespielt habe, wurde mir von der Frau Pristownik jedenfalls ein Ring Gelbwurst überreicht, das war sehr schön. Aber zu meiner Lesung in Lauf konnte sie leider nicht kommen, die war schon ausverkauft. Meiner Frau hat die Metzgerin aber die Geschichte ganz anders erzählt: Ich hätte immer nach einem Stück Wurst gefragt. Das ist aber ja irgendwie unlogisch, wenn man das Ritual kennt. Gottseidank hab ich mein Buch aber auch einen "Roman" genannt, da muss nicht alles biographisch korrekt ist.

Herr Egersdörfer, Sie werden heuer 50 Jahre alt. Warum war das jetzt die richtige Zeit für ein solches biografisch gefärbtes Buch?

Egersdörfer: Die Themen Kindheit, Erwachsenwerden und auch die Kleinstadt treiben mich kabarettistisch schon lange um. Das ist ein Bergwerk, in das ich öfters reinfahre und mir ein paar Brocken herausbreche, um Geschichte und Witze daraus zu machen. Das war jetzt die Chance, das alles einmal am Stück zu erzählen. Letztlich hat mich auch der Verlag darum gebeten, diese ganzen Fragmente zu etwas Größerem zu machen.

Gleich zu Beginn beschreiben Sie ausführlich den Akt Ihrer Zeugung und die weiblichen Formen Ihrer Mutter. Was hat Sie da geritten?

Egersdörfer: Mir schien es sinnvoll, sich zu überlegen, wie und unter welchen Umständen man eigentlich entstanden ist und die eigene Biografie begonnen hat. Und was die Rundungen meiner Mutter angeht, von denen haben mir immer wieder Leute etwas vorgeschwärmt. Ich denke, diese Beschreibungen passen grundsätzlich auch zu dem Wesen, wie ich meine Mutter charakterisiere. Sie war sehr wortgewaltig und hat in meinem Leben immer eine Hauptrolle gespielt. Ohne sie wäre ich sicher einige Male in der Schule durchgefallen. Wenn man heute von Helikopter-Müttern spricht, da war meine Mutter vielleicht eine Pionierin.

Sie finden eine gute Balance bei der Beschreibung Ihrer nächsten Verwandten, wenn Sie gute und negative Sichtweisen auf Eltern, Oma und Schwestern beschreiben. Wie schwierig war das?

Egersdörfer: Meine Eltern und Großeltern sind bereits verstorben. Was die Lebenden aber angeht, da wollte ich sicherstellen, dass ich denen auch nach dem Buch noch unter die Augen treten kann. Außerdem sollte mit keiner der vorkommenden Personen abgerechnet werden oder Ähnliches. Vielmehr soll der Leser Gelegenheit haben, sich und seine Familiengeschichte an meiner Darstellung zu spiegeln und sich darin wiederzufinden.

Ein Kapitel befasst sich auch mit Ihren Erfahrungen in einer Jugendgruppe des Laufer CVJM. Welche Spuren haben diese Jahre bei Ihnen hinterlassen?

Egersdörfer: Es war teils eine grandiose Zeit, weil sich dort nach der Konfirmation Leute wie ich getroffen haben, die aufs Gymnasium gingen, und andere, die zur selben Zeit eine Lehre machten. Die einen erzählten von feuchten Kellern, in denen sie Kabel ziehen und sich vom Chef ärgern lassen müssen und beneideten die Gymnasiasten. Wir wiederum empfanden unser Schülerdasein in überhitzten Räumen und mit langweiligen Lehrern als öde und bewunderten die Lehrlinge für ihre Erfahrungen in der Lebensrealität. Wir waren gleich alt und begegneten uns mit hoher Achtung voreinander. Wir hätten auch gemeinsam Karl Marx lesen und darüber diskutieren können. Eine tolle Erfahrung, wenn man lernt, Menschen aus anderen sozialen Umfeldern zu treffen und sich zu respektieren. Je älter man wird, desto mehr bewegt man sich leider in immer enger werdenden Umfeldern, Blasen, in denen es keinen Austausch mehr mit denen da draußen gibt. Neulich habe ich bei einem Auftritt sogar wieder einen von damals getroffen. Er hatte Elektriker gelernt, übt diesen Beruf immer noch aus – und wir verstanden uns auf Anhieb genauso gut wie damals.

Warum kam es dann zum Bruch?

Egersdörfer: Als es dann ums Mitwirken im Gottesdienst ging und wir merkten, dass das wunderbare Erleben auch seine Grenzen hat. Im Buch erzähle ich von unserer Adaption der Geschichte mit dem barmherzigen Samariter, die so im Gottesdienst aufgeführt werden sollte. Die war dem Pfarrer damals zu grob, da war dann plötzlich ein Riegel. Außerdem kamen im Lauf der Zeit neue Leute vom Gymnasium dazu, die sich für etwas Besseres hielten. Das spaltete schließlich die Gruppe.

Welche Rolle spielen die guten Erfahrungen dieser Jahre heute noch für Sie?

Egersdörfer: Immer wieder denke ich an die Mission. Ein Gruppenleiter war damals der Ansicht, man dürfe den Leuten den Glauben und die Botschaft der Bibel nicht einfach so reindrücken, sondern auf Nachfrage von den guten Erfahrungen und den Ansichten erzählen. Das habe ich mir behalten. Generell wurde mir in der Kindheit und Jugend seitens der Kirche ein Koordinatensystem vermittelt, das immer noch in mir wirkt und das man auch nicht so einfach los wird. Egal, was man von der Institution an sich hält. Da bin ich dann doch immer wieder mal enttäuscht, was man da so hört.

Also vielleicht weniger politische Einmischung, mehr Wertevermittlung?

Egersdörfer: Jesus war mit Sicherheit ein politischer Mensch, der nicht nur Poesiesprüche losgelassen hat, sondern grundsätzlich das bestehende System kritisiert hat. Eine seiner wichtigsten Forderungen, die nach Mitmenschlichkeit, sollte auf jeden Fall eine Kategorie sein, die in jedem politischen System als Grundvoraussetzung gilt.

Buch-Tipp

Matthias Egersdörfer: Vorstadtprinz: Roman meiner Kindheit.

Matthias Egersdörfer: Vorstadtprinz: Roman meiner Kindheit.

Rowohlt-Verlag Berlin 2019, 320 Seiten, 20 Euro.

Matthias Egersdörfer: Vorstadtprinz - Roman meiner Kindheit
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