9.01.2019
Kultur

Kabarettist Frank-Markus Barwasser über sein Programm "Weg von hier"

Mit seinem Programm "Weg von hier" kommt Kabarettist Frank-Markus Barwasser in ganz Deutschland herum. Im Interview spricht der Würzburger über Haltungen, Werte, Markus Söder und das Vatersein.
Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig.
Frank-Markus Barwasser in seiner Paraderolle als Erwin Pelzig.

Herr Barwasser, Sie spielen Ihr Programm nun bereits seit fast anderthalb Jahren. Inwieweit hat es sich im Lauf dieser Monate verändert?

Barwasser: Eigentlich hatte ich angenommen, ich müsse im Lauf der Zeit gar nicht so viel verändern, weil das Programm sehr grundsätzlich angelegt ist. Aber es passiert einfach zu viel, und das meiste fügt sich erschreckenderweise sehr gut ins Programm. Na ja, es wäre auch fad für mich, wenn nichts geändert werden müsste, obwohl ich etwa auf den Wahlsieg eines Bolsonaro in Brasilien gerne hätte verzichten können. Da gibt es dann auch keine Pointe mehr.

Hat sich Ihre Auseinandersetzung mit Ihrem Klammer-Thema "Flucht" gewandelt?

Barwasser: Es geht ja um geistige Fluchten, also Flucht in gefühlte Wirklichkeit, in die Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit, in welche die neuen Heilsverkünder mit ihren Macheten eine Schneise schlagen wollen. Insofern sind die Akzente immer noch dieselben. Die Beispiele, mit denen ich manche Aussagen belege, die ändern sich allerdings schon.

Ihr Programm hat einen bayerischen Wahlkampf sowie mehrere Beinahe-Staatskrisen überstanden, die nicht zuletzt durch einen bayerischen Innenminister mit befeuert wurden. Wie reagiert das Publikum in Bayern, wie außerhalb darauf, wenn Sie diese Szenarien thematisieren?

Barwasser: Im Grunde sehr ähnlich. Hier wie dort beobachte ich beim Publikum eine gewisse Ermüdung und Ratlosigkeit, wenn es um die bayerischen Querschüsse geht. Ich lebe seit zwei Jahren in Rheinland-Pfalz, ich durfte also in diesem Jahr erstmal nicht mehr in Bayern wählen gehen.

Das war eine interessante Erfahrung, diese bayerische Selbstbespiegelung und Selbstverliebtheit mal mit Distanz und sehr unaufgeregt betrachen zu können.

Nach der Bayern-Wahl haben Sie im Bayerischen Rundfunk über die Ankündigung von Markus Söder, das Wahlergebnis mit Demut annehmen zu wollen, gesagt, dass Söder und Demut für Sie ebenso gut zusammenpassen wie Reiner Calmund ans Salatbuffet. Wieso misstrauen Sie Söder derart?

Barwasser: Ach je, diese Bemerkung tut mir wirklich leid, die ist mir so rausgerutscht. Ich nehme sie hiermit zurück, denn sie war ausgesprochen unfair gegenüber Rainer Calmund.

War Markus Söders "Kreuz-Aufhängepflicht" ein verzweifelter Versuch, die Wählerschaft zu begeistern?

Barwasser: Ich kann in keinen Menschen hineinschauen und deshalb auch nicht beurteilen, was echte und was unechte Überzeugungen sind. Aber ich kann Menschen an ihren Worten und Taten messen und mich dann fragen, wie das alles zusammenpasst. Das Kruzifix-Dekret wurde öffentlichkeitsheischend im Wahlkampf positioniert. Die Absichten, die dahintersteckten, waren leicht durchschaubar, und ich fand es nicht nur ziemlich klug, sondern auch ziemlich wohltuend, dass es nun ausgerechnet führende Vertreter beider großen Kirchen gewesen sind, die sich davon distanziert haben. Die Kirchen im Clinch mit der CSU, was ist denn da plötzlich los? Wenn das so weitergeht, wird man als Zeichen seines Protests gegen die CSU noch katholisch werden müssen.

Inwieweit spielen für Sie christliche Werte bei der Arbeit an Ihrem Programm eine Rolle?

Barwasser: Da müssten wir erst mal klären, was wirklich urchristliche Werte sind.

Die Forderung nach Barmherzigkeit und Nächstenliebe zum Beispiel findet sich auch anderswo, nicht nur in der Bergpredigt, die ja eine wichtige Rolle spielt bei diesem Thema.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" steht im Grundgesetz. Dann gibt es noch den Kant’schen kategorischen Imperativ. Das zum Beispiel ist mit den christlichen Werten bestens vereinbar, und in dieser Weise spielen solche normstiftenden Prinzipien natürlich immer eine Rolle.

Vertreter der christlichen Kirchen mischen sich immer wieder in den politischen Diskurs ein. Zu Recht?

Barwasser: Auch wenn beide großen christlichen Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren, bilden sie faktisch immer noch eine relevante gesellschaftliche Gruppe. Als solche können sie sich meiner Meinung nach in den politischen Diskurs einmischen als eine von vielen Stimmen, auch wenn mir dann manches vielleicht absolut nicht gefällt. Umgekehrt müssen sie aber auch ertragen, dass innerhalb der Kirchen keine rechtlichen Sonderstandards gelten können. Das betrifft ja immer wieder zum Beispiel das Arbeitsrecht. Und die Kirchen müssen respektieren, dass Glaube Privatsache ist und die Mitgliedschaft in einer Kirche auch. Diese Trennung muss klar sein, und zwar für alle Religionen, ist es aber leider nicht immer. Ich fand aber, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche eine gute Figur gemacht haben bei allen Fragen, welche die Geflüchteten angehen. Da war eine sehr klare Haltung zu erkennen, mit der sie sich durchaus mutig angreifbar gemacht haben bei den eigenen Anhängern und in der Politik sowieso.

Kabarettisten laufen derzeit gerne mal bei eher links gerichteten Demonstrationen mit. Wäre das für Sie auch eine Option?

Barwasser: Ich beziehe auf der Bühne Stellung, lange Zeit auch im TV. An der Münchner "Ausgehetzt"-Kundgebung hätte ich gerne teilgenommen, nur konnte ich leider nicht.

Es ist richtig, auf die Straße zu gehen, gerade jetzt.

Aber ich wähle aus, wo ich meine Birne hinhalte, damit es nicht so beliebig wird. Ich finde schon, dass unsereiner Flagge zeigen sollte, aber er sollte auch hinsehen, wo er das tut und von wem er sich unter Umständen benutzen lässt. Die Unzufriedenheit als kleinster gemeinsamer Nenner einer Gemeinschaft, die sonst von nichts anderem zusammengehalten wird, das taugt nicht. Kennt man ja aus unglücklichen Ehen.

Sie wurden vor zweieinhalb Jahren Vater. Haben Sie durch die neue Rolle auch neue Sichtweisen?

Barwasser: Ich hatte auch vor der Geburt unseres Sohnes nicht die Haltung: Nach mir die Sintflut! Aber manche Bilder oder grauenhaften Schicksale von Kindern fassen mich jetzt noch viel mehr an, das ist wahr. Früher dachte ich, es sei besser, kein Kind in dieser durchgeknallten Welt zurückzulassen. Es gibt gute Gründe, sehr besorgt zu sein und bestimmte Ängste zu haben, erst recht, wenn man mit Leuten zu spricht, die tiefere Einblicke haben in die internationale Politik. Aber wenn wir jetzt unseren Ängsten erliegen und in Resignation flüchten, dann wäre das in mehrfacher Hinsicht fatal: Zum einen ist Angst der wichtigste Helfer der neuen Heilsverkünder; sie leben davon und bewirtschaften diese Ängste höchst erfolgreich. Zum anderen: Was wäre das für eine Botschaft an Kinder? Wie sollen die sich jemals zurechtfinden, wenn sie bei uns alten Säcken nur Angst, Schwermut und Pessimismus erleben? Ich will nichts verharmlosen und nichts schönreden, weder auf der Bühne noch zu Hause. Aber die Hoffnung auf Hoffnung kann ich jetzt nicht einfach aufgeben. Oder wie es Pelzig mal formuliert hat: Nur wer die Hosen voll hat, sucht den frischen Wind.

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