18.07.2018
Sozialstationen schlagen Alarm

Pflegedienste weisen immer häufiger Patienten ab

Überall in Bayern schlagen die Träger von ambulanten Pflegediensten Alarm: Weil sie nicht genügend Personal haben und finden, müssen sie Pflegebedürftige abweisen oder sogar bestehende Verträge kündigen. Ein schneller Ausweg ist nicht in Sicht.
Alte Frau

Letztes Jahr im Herbst war Sabine Bechmann aus dem oberfränkischen Lichtenfels in einer ihr bis dato gänzlich unbekannten Situation. "Wir mussten erstmals einen Patienten abweisen, der von uns gepflegt werden wollte", sagt die Leiterin der Lichtenfelser Sozialstation des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Inzwischen hat Bechmann etwa einem Dutzend Pflegebedürftiger mitgeteilt, dass ihre Sozialstation am Limit ist: "Denn uns fehlt das Personal." Lichtenfels ist kein Einzelfall, wie Rechrechen des Evangelischen Pressedienst (epd) zeigen.

Die Situation ist überall im Freistaat ähnlich, erklärt Doris Weigand von der Diakonie Bayern. Seit vergangenen Sommer komme es immer wieder zu Abweisungen. Zuerst habe dies nur städtische Gebiete betroffen. "Inzwischen ist die Versorgung überall kritisch bis grenzwertig." Die Diakoniestation Naila in Oberfranken habe inzwischen fast 20 Anfragen abgelehnt, vor allem im bereich der hauswirtschaftlichen Versorgung. Pflegeanfragen würden nur berücksichtigt, wenn der Pflegebedürftige akzeptiert, dass die Sozialstation morgens erst nach 10 Uhr kommt.

Angehörige müssen alleine pflegen

Oft müssen Angehörige laut Weigand inzwischen eine ganze Weile alleine pflegen: "Was an deren Kräfte geht." Das Problem sei darauf zurückzuführen, dass Stellen nicht mehr besetzt und darum keine neuen Touren mehr installiert werden können. "Auf ausgeschriebene Stellen meldet sich fast niemand mehr, das betrifft Fachkräfte genauso wie Hilfskräfte", sagt sie. Ein Dilemma, das man auch beim Roten Kreuz in Lichtenfels kennt. "Inzwischen erhalten wir auf manche Stellenanzeigen keine einzige Bewerbung", sagt BRK-Geschäftsführer Thomas Petrak.

Um die hohe Nachfrage dennoch zu decken, ging die BRK-Sozialstation daran, die Touren zu optimieren. "Wir bitten Patienten zum Beispiel, künftig eine halbe Stunde länger auf uns zu warten, damit wir einen neuen Patienten aufnehmen können", erläutert Petrak. Teilweise werde auch darum gebeten, Tage zu verschieben. Die Sozialstation fragt etwa an, ob sie, statt, wie bisher dienstags und freitags, in Zukunft montags und donnerstags kommen könnte, um ihre Pflegetouren besser zu organisieren: "Die einen machen mit, die anderen nicht."

Mittlerweile seien jedoch alle Optimierungsmöglichkeiten ausgereizt: "Wir können einfach niemanden mehr in die Touren hineinschieben." Im schlimmsten Fall bedeute dies, dass ein alter Mensch ins Heim muss. Petrak: "Wobei allerdings auch viele Heime aus personellen Gründen nicht mehr aufnehmen." Von der Politik fühlt sich Petrak alleine gelassen. Zwar kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an (CDU), neue Stellen in der Pflege schaffen zu wollen. Petrak: "Das hört sich erst mal toll. Doch es fehlen schlicht die Menschen, um Stellen zu besetzen."

Keine passenden Bewerber

Auch die Johanniter-Unfallhilfe in Unterfranken ist von dieser Entwicklung betroffen, sagt deren Sprecher sagt Christoph Fleschutz. So suche die Miltenberger Sozialstation der Johanniter dringend eine stellvertretende Pflegedienstleitung. "Die Stelle ist seit sechs Monaten ausgeschrieben, inzwischen bundesweit", sagt Fleschutz. Doch es trudeln einfach keine adäquaten Bewerbungen ein. Gleiches gilt für die Sozialstation in Würzburg: Die Azubi-Stelle ist unbesetzt, außerdem werden eine Pflegefachkraft und eine Pflegehelferin gesucht.

2017 mussten auch dort Anfragende abgewiesen werden. "Wir wollen die Menschen aber nicht im Stich lassen", sagt Fleschutz. Deswegen kooperieren die Johanniter sei Jahresbeginn mit anderen Würzburger Wohlfahrtsverbänden, die Sozialstationen betreiben. Früher wäre es undenkbar gewesen, Konkurrenten Neukunden zuzuschustern, sagt er. Doch inzwischen könne die ambulante Versorgung Pflegebedürftiger allenfalls noch im Netzwerk sichergestellt werden. Für ihn ist vor allem das Negativbild der Pflegebranche für diese Misere verantwortlich.

Nur noch Versorgungen nach 10 Uhr

Auch in Schweinfurt spitzt sich nach Aussage des Diakonie-Chefs Jochen Keßler-Rosa die Lage zu: "Angehörige müssen oft vier bis fünf Sozialstationen anrufen, bis sie einen Pflegedienst finden." Im Juni habe er zwei Briefe von Pflegebedürftigen auf den Schreibtisch bekommen, denen laufende Pflegeverträge gekündigt worden waren: "Das ist für mich eine neue Eskalationsstufe." Die für den Landkreis Schweinfurt zuständige Diakonie-Sozialstation kann derzeit nur noch Versorgungen nach 10 Uhr übernehmen, gleiches gelte auch im Stadtgebiet.

Laut Doris Weigand müssen auch diakonische Pflegdienste in Bayern vereinzelt Pflegeverträge kündigen: "Wenn der Personalmangel eklatant ist." Dies betreffe bisher allerdings nur kleine Dienstleistungen: "Also wenn jemand ausschließlich einmal in der Woche gebadet wird." Bei großen Versorgungen werde alles versucht, um den Pflegeservice zu gewährleisten: "Aber das hat natürlich seine Grenzen."

 

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