23.03.2020
Corona & Kirche

Regionalbischof Axel Piper: Was wir aus der Corona-Krise lernen können

Die Corona-Pandemie bietet nach Ansicht des evangelischen Regionalbischofs Axel Piper eine Chance, sich wieder auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren. Theologisch betrachtet könne so eine Gesundheitskrise aber auch die Erkenntnis bedeuten, "dass wir Menschen eben nicht alles im Griff haben". Was der Ausnahmezustand für Gemeinden und ihre Mitglieder bedeutet, erklärt Piper im Interview.
Axel Piper, Regionalbischof des Kirchenkreises Augsburg und Schwaben
Axel Piper, Regionalbischof des Kirchenkreises Augsburg und Schwaben.

Herr Regionalbischof, worauf müssen sich die Menschen in den kommenden Wochen und eventuell Monaten einstellen?

Axel Piper: In dieser für uns alle völlig neuen Situation sind wir im fast ständigen Gespräch mit den Gemeinden, Dekanaten, staatlichen Stellen und in der Kirchenleitung. Was ich erlebe:

Es gibt den unbedingten Willen, mit unseren Kirchenmitgliedern im Gespräch zu bleiben, und sehr viel Fantasie, auf die täglich neuen Herausforderungen zu reagieren.

Was im Moment absehbar ist: Es wird bis einschließlich Ostern keine Gemeindegottesdienste geben, Konfirmationen, Trauungen, etcetera müssen verschoben werden. Das geht für viele Menschen ans Eingemachte.

Gerade ältere Menschen, also klassische Kirchgänger, sind mit den sozialen Medien nicht so vertraut, was kann und muss man jetzt tun?

Piper: Wir empfehlen, die Kirchen offen zu halten, so dass Menschen jeden Alters für sich dort beten können, Ruhe finden, eine Kerze anzünden... Wir verweisen natürlich auf unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger, die ansprechbar sind, auch per Telefon oder Mail. Und wir bewerben die Gottesdienste und Andachten im Rundfunk, im Fernsehen.

Welche Alternativen haben Pfarrerinnen und Pfarrer, beziehungsweise Kirchengemeinden zu den ausgesetzten Gottesdiensten?

Piper: Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer haben auf verschiedenste Weise Kontakte mit Menschen, die jetzt kirchlichen Zuspruch brauchen oder aber einfach reden möchten über ihre Ängste und Unsicherheiten. Manche Gemeinden streamen auch Andachten und Sonntagsgottesdienste, so dass Gemeindemitglieder den Gottesdienst ihrer eigenen Pfarrerinnen und Pfarrer per Live-Stream mitfeiern können.

Es drohen weitere Schritte bis hin zur Ausgangssperre, um das Virus zu bekämpfen. Wie viel Isolation verträgt der Mensch?

Piper: Nun, ganz isoliert werden wir nicht. Es gibt Fernsehen, Internet, Bücher, Telefon. Es gibt den Ratsch über den Gartenzaun (natürlich mit Sicherheitsabstand) oder die Kommunikation von Fenster zu Fenster.

Wir werden - wie auch immer - nicht zu Gefängnisinsassen. Und wenn es eine Zeit lang nicht so gesellig ist, wie gewohnt, bietet das vielleicht auch eine Chance zum Guten: Dass wir uns mangels Ablenkung konzentrieren werden auf die Dinge, die uns im Leben wichtig sind.

Was bedeutet, auch theologisch betrachtet, eine solche Gesundheitskrise für die Menschen in den Kirchengemeinden?

Piper: Theologisch gesehen kann so eine Gesundheitskrise Verschiedenes bedeuten: Für manche Menschen vielleicht ein Stück Demut, nämlich die Erkenntnis, dass wir Menschen eben nicht alles im Griff haben. "Der Mensch denkt, Gott lenkt", heißt es sprichwörtlich. Für andere Menschen wiederum ist es möglicherweise die beruhigende Erfahrung, dass auch in der Krise ihr Gottvertrauen trägt. Und vielleicht auch die Einsicht, dass es Momente im Leben gibt, da sind wir Menschen alle gleich und dürfen darauf vertrauen, dass uns Gott nicht aus der Hand lässt.

Wir müssen unser Leben umkrempeln auf unbestimmte Zeit, ist der Mensch dazu überhaupt bereit und lernfähig?

Piper: Ich bin überzeugt, dass wir Menschen angesichts der Krise lernfähig sind. Und wer weiß? Vielleicht sind wir nach der Krise ein wenig solidarischer, konzentrierter und wesentlicher, unterscheiden später genauer zwischen dem Wichtigen und dem weniger Wichtigen.

Was bedeutet der längere "Verzicht" auf Gottesdienste, Trauungen, Taufen und Konfirmationen für Kirchengemeinden, für Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch die vielen Angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeitenden?

Piper: Langweilig, so meine ich, wird uns in der Kirche nicht werden.

Es gibt allerorten einen erhöhten Kommunikationsbedarf. Und für manche wird die erzwungene Gottesdienstpause auch dazu führen, wieder mehr das eigene geistliche Leben zu pflegen.

In der Bibel zu lesen, einfach so, zu meditieren, ein theologisches Buch durchzuarbeiten oder selbst eigene Gedanken zu Papier zu bringen, ohne gleich an die nächste Predigt zu denken. Was mich noch mehr beschäftigt: Was machen all die anderen Menschen, die jetzt ohne Arbeit und ohne Einkommen dastehen?

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