Wir stehen vor einem Lebensabschnitt, der stetig wächst. Ein Teil des Daseins, über den man früher kaum nachdachte – damals galt: Rente, das ist das Wartezimmer, gleich ruft die Endlichkeit auf. Jetzt beginnen wir zu begreifen: Das hier ist auch noch Leben. Echte, zählbare, planbare Lebenszeit. Und jeder Plan beginnt mit einer Frage, die plötzlich dringlicher wird: Was erwarte ich eigentlich von diesem Leben nach der Arbeit?
Mal abgesehen davon, dass Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gerade erst wieder laut dem Spiegel verkündet hat, die Rente werde für uns Jüngere nicht zum Leben reichen – eine Dauerphrase ohne Lösungsansatz, die mir die Lust am Weiterdenken gründlich verdirbt –, stelle ich mir trotzdem die Frage: Was kommt nach der Arbeit?
Zwei Jahrzehnte Rente: So lange leben wir nach der Arbeit
Geschätzte 22,1 Jahre würden mir als Frau bleiben, sagt der Statistikrechner von 2023. Männer haben 18,8 Jahre. Zwei Jahrzehnte. Die neuesten Zahlen der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) werden am 27. November veröffentlicht, aber die werden kaum anders aussehen. Klar ist: Seit den 1970er-Jahren hat sich die Rentenbezugsdauer fast verdoppelt. Mehr Zeit, als meine Großeltern sich je hätten erträumen können und etwas, das meine Eltern gerade erst zu begreifen beginnen - was diese geschenkten Jahre bedeuten könnten.
Ich frage mich nur: Soll ich mich freuen oder fürchten?
Wenn die Eltern nicht wissen, was nach der Rente kommt
Wenn ich meine Eltern beobachte, wie sie taumeln bei dieser Frage, wie sie zum ersten Mal in ihrem Leben nicht wissen, was als Nächstes kommt – keine dienstlichen Termine mehr, kein nächstes Projekt, keine Deadline –, dann spüre ich: Diese Ratlosigkeit wird auch meine sein. Nur mit mehr Vorlaufzeit.
Und, typisch für meine Generation, denke ich natürlich: Ich mache das besser. Ich plane schon jetzt, baue schon jetzt auf, sammle schon jetzt Dinge, die mich tragen werden: Reisen, Lernen, Ehrenämter, Freunde, Familie, Hobbys.
Die Rentenlücke: Warum Geld die Zukunft bestimmt
Und zack. Da ist sie wieder. Die Frage nach dem Geld. Schnell wird mir klar: Das Leben nach der Arbeit wird Erinnerungen wachrunfen an das Leben vor der Arbeit – willkommen zurück in Sparkurs meiner Studienzeit. Reicht das Geld für die Miete, fürs Essen oder fürs Reisen? Womit überhaupt? Mit der Deutschen Bahn, teuer, marode, und immer noch pünktlich so gut wie nie. Oder mit dem Flugzeug, trotz Klimakrise und hoffentlich baldiger Kerosinsteuer? Nein, vermutlich nicht.
Apropos Geld: Für Frauen wird die Rentenlücke sowieso größer. Teilzeit, Kinder, Carearbeit – das übliche Programm. Selbst ohne Kinder bleibt die Lücke: im Schnitt etwa ein Drittel weniger als Männer. Keine Mütterrente der Welt schließt das. Auch keine Grundrente.
Macht also ruhig weiter mit eurem Renten-Bingo in Berlin, mit euren Kommissionen und Arbeitsgruppen und Rentenreförmchen, die am Ende doch nur bedeuten: länger arbeiten, weniger kriegen. Ich möchte jetzt lieber träumen – von einer Zeit, finanziert durch meine private Altersvorsorge (ha!), die ich bisher nie als echte Lebenszeit eingeplant habe.
Leben im dritten Gang: Langsamer, aber bewusster
Und wenn ich mich endlich ungestört in diese Vorstellung fallen lasse, ohne Störfaktoren wie deutsche Rentenpolitik im Dauer-Fail-Modus, wird mir etwas klar: Ich stelle mich auf einen Lebensabschnitt ein, in dem ich in denselben 24 Stunden nur noch halb so viel erledigen werde. Nicht aus Faulheit. Nicht, weil mir die Ideen ausgehen. Sondern, weil ich den Gang wechsle. Vom fünften in den dritten. Man kommt auch so ans Ziel – nur langsamer.
Ich werde bewusster meine Schritte setzen. Nicht, weil die Knochen brüchiger oder die Wege mühsamer werden – wobei, das kommt natürlich auch, herrje –, sondern weil ich im dritten Gang gezwungen bin, Prioritäten zu setzen.
Was ich mir für die Zeit nach der Arbeit wünsche
Und jetzt ahne ich, was ich mir für diesen Lebensabschnitt von hoffentlich zwei Jahrzehnten abseits von Ausbildung und Erwerbstätigkeit wünsche: keinen Fünf-Jahres-Fahrplan, der abgearbeitet werden muss. Sondern den Mut zu Beziehungen, die nichts bringen außer sich selbst. Zu gesellschaftlichem Miteinander und neuen Fähigkeiten, die ich aus Freude lerne – und weitergebe, wenn es jemanden interessiert. Ein Leben außerhalb des Mehrwertsystems. Wo jeder Schritt im dritten Gang trotzdem Mehrwert hat, weil er auf Freiwilligkeit beruht und Relevanz ganz anders definiert.
Und schon bin ich bei der eigentlichen Frage: Werde ich dieser Mensch sein können? Der Mensch, dem ich heute schon gerne begegnen würde?
Altersdiskriminierung: Warum wir Alte an den Rand drängen
Bevor ich diese Frage beantworten kann, muss ich über etwas reden, das mir diese Träumerei eigentlich vermiest: die Art, wie wir über Alte und das Altwerden sprechen. Mit Anfang dreißig habe ich längst verinnerlicht, dass alt sein bedeutet: raus aus der Mitte der Gesellschaft. Rein in die Ecke mit denen, deren Meinung nicht mehr zählt, deren Zeit vorbei ist, die "ihre Chance hatten".
Wer alt werden will, muss auch alt sein wollen. Und das kann niemand von uns, solange wir Menschen ab dem Rentenalter wie eine Sonderkategorie behandeln. Solange wir sie in Seniorenheime auslagern, in Rentnergruppen stecken, in Statistiken über Pflegenotstand packen, ändert sich daran nichts.
Was wir brauchen, ist ein anderes Bild vom Altern. Dafür brauchen wir keine Seniorennachmittage, sondern durchmischte Begegnungsformate. Auch in Gremien und Thinktanks. Dazu gehören Neugier, Geduld und der nicht besonders revolutionäre Gedanke, dass wir voneinander lernen können. Um von der Lebensphase nach der Arbeit träumen zu können, müssen wir das Altsein entdiskriminieren – allein schon, weil ich selbst eines Tages nicht am Rand stehen will. Das sollte Grund genug sein, jetzt anzufangen.