1.12.2018
Lebensgeschichten von Toten

"Todesursache Flucht": Gedenkbuch erinnert an 35.597 tote Flüchtlinge

Ertrunken, verdurstet, erhängt: Das Buch "Todesursache: Flucht" will Fluchtopfern einen Namen geben. Dafür haben die Autorinnen Kristina Milz und Anja Tuckermann anhand der Liste des "United"-Netzwerks Lebensgeschichten recherchiert. Wer war Fatim Jawara? Was hat Zaki Adam erlebt? Und warum sind sie gestorben? Porträts, die Liste der Toten und Gastbeiträge prominenter Autoren ergeben zusammen ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.
Buch Todesursache Flucht Cover
Das Buch "Todesursache: Flucht" umfasst neben der Auflistung von 35.597 Fluchttoten seit 1993 Porträts der Verstorbenen und Gastbeiträge u.a. von Landesbischof Bedford-Strohm und SZ-Redakteur Prantl.

Ein kleiner Junge liegt bäuchlings am Strand, das Gesicht halb in den nassen Sand gedrückt, als würde er schlafen: Dieses Bild brachte im September 2015 die abgeklärte Welt für einen kurzen Moment aus dem Takt. Das Foto zeigt den syrischen Jungen Alan Kurdi, 3 Jahre alt, gekentert auf hoher See, ertrunken in den Wellen des Mittelmeers.

Mit ihm starben sein 5 Jahre alter Bruder Ghalip und seine Mutter Rehan. Sein Vater Abdullah ist übrig geblieben. "Er selbst hat überlebt, das bringt ihn um, jeden Tag", schreiben die Autorinnen Anja Tuckermann und Kristina Milz in ihrem Buch "Todesursache: Flucht", das am 1. Dezember erscheint.

35.597 Flucht-Tote in 25 Jahren

Auslöser für das 462 Seiten starke Buch war eine Liste der Menschen, die in den letzten 25 Jahren auf der Flucht zu Tode gekommen sind – auf dem Weg nach Europa, in Lagern, bei der Abschiebung oder zurück im Herkunftsland. 35.597 meist namenlose Opfer umfasste die Liste zum Stichtag 30. September 2018. Seit 1993 wird sie von dem Netzwerk "United for intercultural action" fortgeschrieben, basierend auf Zeitungsberichten und Behördenmeldungen. Dem Zusammenschluss gehören über 500 Organisationen aus ganz Europa an.

 

Anja Tuckermann und Kristina Milz
Die Schriftstellerin Anja Tuckermann (l.) und die Journalistin Kristina Milz wollen die Namen und Geschichten hinter den nackten Zahlen der Fluchtopfer lebendig machen.

"Hinter jedem einzelnen Toten stehen Angehörige und Freunde", sagte die Journalistin Kristina Milz dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nachdem der Berliner Tagesspiegel die Liste 2017 erstmals auf Deutsch veröffentlicht hatte, nahm sie sich zusammen mit der Schriftstellerin Anja Tuckermann vor, den Zahlen wieder einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte zu geben. Ihr Ziel: Menschen wieder zu berühren, sie aus der Gleichgültigkeit zu holen.

"Die Fronten in der Diskussion um Flucht und Migration sind sehr hart", sagt Milz, "aber wenn es um die Schicksale einzelner Menschen geht, die gestorben sind, wird nicht mehr so stark polemisiert. Für die meisten scheint hier doch noch immer eine gewisse Grenze erreicht." Die 30-Jährige hofft, mit Hilfe des Buchs wieder eine breite gesellschaftliche Debatte anzukurbeln.

„In Europa wird mittlerweile kalt und abstrakt darüber diskutiert, ob wir Menschen sterben oder überleben lassen"

so die Journalistin mit Blick auf die Schwierigkeiten privater Seenotretter, die in italienischen Häfen häufig keine Auslaufgenehmigungen mehr bekommen. Dabei würden ihrer Erfahrung nach die wenigsten Bürger konkret sagen: "Es ist mir egal, wenn Menschen sterben.“

Der Berliner Hirnkost-Verlag übernahm das Projekt, eine Crowdfunding-Aktion und Unterstützer wie Pro Asyl, die Stiftung Weltethos, der Deutsche Kulturrat, Pax Christi und matteo – Kirche und Asyl finanzierten die erste Auflage von 10.000 Büchern. Als prominente Gastautoren steuern der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, der SZ-Journalist Heribert Prantl und der Soziologie-Professor Stephan Lessenich Plädoyers für eine menschlichere Flüchtlingspolitik bei.

 

Fatim Jawara Gambia
Fatim Jawara war Nationaltorhüterin der gambischen Frauenmannschaft. Mit 19 Jahren machte sie sich auf den Weg nach Norden - auf der Suche nach einer Lebensperspektive. Am 27. Oktober 2016 ertrank sie im Mittelmeer.

Und so listet das Buchprojekt "Todesursache: Flucht" nicht nur die 35.597 "Fälle" von Menschen auf, die auf der Flucht erfroren, verdurstet oder ertrunken sind, die sich erhängt haben oder erschossen wurden. Stattdessen erzählen Milz und Tuckermann die Lebensgeschichten der Toten – so viel davon sich bei Angehörigen, Freunden, Reisegefährten, Mitbewohnern oder in Zeitungen recherchieren ließ.

Da ist Fatim Jawara, die Fußballtorhüterin aus Gambia. Das runde Leder war ihr Leben: Als Mädchen kickte sie mit den Jungs, später bei den "Red Skorpions" ihrer Heimatstadt Serrekunda. Mit 17 Jahren stand sie im Tor der gambischen Fußballnationalmannschaft der Frauen. Bei einem Freundschaftsspiel in Schottland hielt sie gegen Glasgow City einen Elfmeter. Fatim wollte ihrer Familie helfen, und sie wollte eine Perspektive für ihr Leben. Im September 2016 machte sich die 19-Jährige, gegen den Willen ihrer Eltern, auf den Weg Richtung Norden. Am 27. Oktober 2016 ertrank sie mit 239 anderen im Mittelmeer, irgendwo zwischen Libyen und Italien.

Syrische Mutter ertrinkt mit Baby und Kleinkind

Da ist Suzan Hayida aus Syrien, die mit Baby und Kleinkind an der türkischen Küste in das Boot eines Schleppers steigt. Ihr Ziel: Dass die Familie endlich wieder vereint ist, in Deutschland, wohin ihr Mann Salah sich über die Balkanroute durchgeschlagen hat und jetzt, mit subsidiärem Schutz, seine Familie nicht nachholen darf. Das Boot kentert, die Mutter und ihre Kinder ertrinken. Wenige Wochen später erhält Salah den Flüchtlingsstatus nach der Genfer Konvention.
 

Ruben Schenzle mit Zaki Adam
Ruben Schenzle war mit dem Sudanesen Zaki Adam befreundet. Er macht die wochenlange Anspannung vor der Entscheidung zur Aufenthaltsverlängerung für das Herzversagen seines Freundes verantwortlich.

Auch Biographien aus Deutschland finden sich im Buch. Zum Beispiel die Geschichte von Zaki Adam aus Berlin, der 2003 mit 15 Jahren vor den ethnischen Säuberungen im West-Sudan geflohen war. "Zaki war getrieben von dem Wunsch nach Bildung", schreibt sein Berliner Freund Ruben Schenzle in seinem Gastbeitrag. Doch der junge Afrikaner leidet an einem unerkannten Herzfehler: Einen Tag, nachdem sein Aufenthaltstitel von der Ausländerbehörde um drei Jahre verlängert worden war, brach der 25-Jährige zusammen und starb einen Monat später.

Ruben Schenzle macht die wochenlange Anspannung dafür verantwortlich: "Es ist nicht das Meer, sind nicht die Grenzen allein, die töten. Es sind auch unsere Gesetze, die den Menschen keine Sicherheit geben, und sie hier zu Tode verzweifeln lassen."

 

Bild Out of the storm
Als "Trost für alle, die sich an Menschen erinnern wollen, die auf der Flucht für immer verloren gingen" hat die Marburger Malerin Uli Krappen ihr Bild "Out of the storm" gestaltet.

Am Internationalen Tag der Menschenrechte, der sich am 10. Dezember 2018 zum 70. Mal jährt, gibt es das Buch "Todesursache: Flucht" bei den Partnerbuchhandlungen gratis. Davor und danach kann es für einen symbolischen Preis von 3.99 Euro im Handel erworben werden – auch als E-Book oder als Hörbuch im Diwan-Verlag.

Für Kristina Milz und Anja Tuckermann ist das Projekt damit nicht zu Ende. "Wir machen weiter", sagt Milz. Denn für sie ist klar: "Wenn die Alternative zur Rettung sterbender Menschen deren Tod bedeutet, ist es keine Alternative, über die wir diskutieren dürfen." Die Menschenwürde sei unantastbar, und Schutzbedürftige müssten geschützt werden – "das gilt universell."

Buch- und Veranstaltungstipp

Das Buch "Todesursache: Flucht" von Kristina Milz und Anja Tuckermann (Hirnkost-Verlag 2018) ist ab 1. Dezember im Buchhandel bestellbar. ISBN print: 978-3-947380-29-9. ISBN epub: 978-3-947380-30-5.

Am Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember organisiert die Seenotrettung Sea Eye eine 24-stündige Lesung der Liste in Regensburg.

Weitere Lesungen gibt es in Worms, Traunstein, Freiburg, Wuppertal. Die Münchner Buchhandlung Lehmkuhl lädt von 11 bis 19 Uhr zu einer Marathon-Lesung mit Soziologie-Professor Stephan Lessenich, SZ-Redakteur Alex Rühle, BR-Moderator Matthias Matuschik u.a.

Unter flucht@hirnkost.de sammeln die Autorinnen weitere Namen von Menschen, die auf der Flucht ums Leben gekommen sind.

Alle Infos und Termine zum Projekt: www.flucht.hirnkost.de

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