23.10.2019
Hilfsorganisationen

Was Rüstungsexporte anrichten: Ein Arzt berichtet aus Krisengebieten

Der Autor der folgenden Schilderungen ist Unfallchirurg und stammt aus Österreich. Viele Jahre lang arbeitete Günter Kittel als medizinischer Direktor auf den Salomon-Inseln im Südpazifik und danach für die bayerische evangelische Einrichtung Mission EineWelt in Papua-Neuguinea. Seither ist er als Chirurg für das Rote Kreuz in verschiedenen Konfliktgebieten der Welt unterwegs.
Dr. Günter Kittel

Peschawar, Pakistan, Dezember 2011: Ein alter Mann steht verloren im Zelt unseres Feldspitals und trägt seinen siebenjährigen Enkelsohn in seinen Händen. Das Gesicht des Kindes ist völlig entstellt, Splitter haben seine Augen zerstört, um den Stumpf des rechten Unterarms ist blutiger Verband gewickelt, an der linken Hand sind gerade noch zwei Finger erkennbar.

Natürlich versorgen wir – ich arbeite als Chirurg in einem Zeltspital des Roten Kreuzes – das Kind und geben ihm medizinische Hilfe, aber wir fragen uns, ob man von einem Heilerfolg sprechen kann, wenn die Wunden zwar Monate später geheilt sind, aber dieser junge Mensch ohne Augenlicht und ohne Hände durch das Leben gehen muss. Dieser Fall ist kein Einzelfall. Es gibt einen "stillen" Krieg, gezielte Tötungen, die nicht immer gezielt verlaufen, durchgeführt von technisch hoch entwickelten Drohnen, angeordnet von einem Präsidenten, der den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Viel seelisches Leid

Einige Jahre danach arbeite ich in Afghanistan. Hier gibt es jährlich eine Steigerungsrate an zivilen Opfern: 2018 war ein neues Rekordjahr, ein beträchtlicher Teil auch verursacht durch die ach so treffgenauen Bombenangriffe. Was hat man mithilfe der ISAF unter Einsatz ungeheuerer Geldmittel, letzten Endes Steuergeldern, erreicht? Demokratie und die Befreiung der Frauen? Als Student sah ich 1978 Frauen in kurzen Röcken in Kabul flanieren, 2017 habe ich keine, ich wiederhole, keine Frau außerhalb des Krankenhauses gesehen, die nicht in ihre Burka verhüllt war.

Wir vom Roten Kreuz versuchen, so gut es geht, medizinische Hilfe in einem der größten Krankenhäuser des Landes in Kandahar sicherzustellen. Ich arbeitete als Manager des Projekts gemeinsam mit dem afghanischen Direktor. Heute sehen wir vor allem die indirekten Opfer des Konflikts, unterernährte Kinder, den Ausbruch von vermeidbaren Infektionskrankheiten und, nicht zu vergessen, viel seelisches Leid.

Dr. Günter Kittel
"Die Politik sollte mit den Verschleierungen Schluss machen": Dr. Günter Kittel.

Ähnliche Verhältnisse finden wir in vielen Gebieten dieser ›einen‹ Welt. Ich möchte noch ein anderes Beispiel vorbringen. Im Süden des Sudans herrschte über Jahrzehnte eine unerträgliche Situation, die Menschenrechte betreffend. Freilich hörte man eher nebenbei vom Ölreichtum dieses Landes. 2011 wurde der Südsudan unabhängig und zum jüngsten anerkannten Staat der Erde. Und was geschah mit den "Menschenrechten"? Das einzige, was es im Überfluss gibt, sind Waffen. Wie in vielen Ländern wurde der Reichtum an Bodenschätzen zum Fluch. Lebensmittel werden abgeworfen, die Menschen hungern dennoch, 400.000 Tote werden seit der erstrebten Unabhängigkeit gezählt. Ging es um Menschenrechte? Dieses Mal arbeitete ich als Chirurg und behandelte fast ausschließlich die Opfer der Gewalt – Schussverletzungen, Verletzungen durch Bomben, Verletzungen durch Minen.

Jetzt, 2019, schreibe ich aus dem Jemen. Ich sehe nicht nur verstümmelte Körper. In solchen Situationen vergessen wir allzu oft die Folgen der heutigen Konflikte. In den modernen Kriegen sind die Folgen verheerender als die unmittelbaren Auswirkungen. Eine halbe Million Kinder ist alleine in diesem Jahr im Jemen von Cholera betroffen, eine halbe Million! Die WHO spricht von zwei Millionen erfassten Verdachtsfällen und 4.000 bestätigten Todesfällen. Und wir schreiben nicht das Jahr 1850, sondern 2019.

"Täglich amputieren wir Gliedmaßen"

Ich befinde mich in einem kleineren Provinzspital. Täglich sehen wir Verletzte, täglich amputieren wir Gliedmaßen. Es heißt, dass es schon über 70.000 Tote in diesem Konflikt gibt, ein Fünftel davon Kinder. Zahlen kann ich keine bestätigen, es genügen mir die Opfer, die ich täglich im Spital zu sehen bekomme. Und ich erinnere mich sehr wohl an die stolzen Berichte über die "erfolgreichen" Waffendeals mit Saudi-Arabien, die Europäer sind nicht ausgenommen. Es erscheint fast ein Hohn, dann mit einem Bruchteil der Profite humanitäre Arbeit zu finanzieren.

Die ARD berichtet am 22. November 2018: Goldgräberstimmung herrscht bei den Rüstungsschmieden. "Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor", und für die Schmieden gilt: "Auch wer den Krieg will,…"

Was sollen all die Ankündigungen und Vorschriften, dass man an Krieg führende Parteien kein Kriegsmaterial verkauft? An wen denn sonst? An friedliebende Staaten? Exportchancen vielleicht an die Salomon-Inseln im Südpazifik? Wieso steigen die Rüstungsexporte laufend? Dass es immer Umwege gibt, ist auch dem Gutgläubigsten klar.

Dr. Günter Kittel in Papua-Neuguinea
"Mit geringen Mitteln Frieden schaffen": Kittel in Papua-Neuguinea.

Und wie drückte es der österreichische Schriftsteller Karl Kraus in seinem kritischen Werk über den Ersten Weltkrieg "Das Ende der Menschheit" aus? "… zuzeiten ist es notwendig, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden."

Keinesfalls will ich damit Terroristen, Politiker und korrupte Geschäftemacher der betroffenen Länder von Schuld freisprechen, die ihre eigenen Länder und die eigene Bevölkerung skrupellos für ihre Machenschaften ausnutzen; aber wir sollten nicht mit erhobenem moralischen Zeigefinger stolz unsere ethische Überlegenheit zum Ausdruck bringen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass weder meine Worte noch medizinische Einsätze wie der jetzige im Jemen etwas an dieser Situation ändern werden. Nur sollte die Politik mit den Verschleierungen Schluss machen. Die Menschen, auch in Europa, sollen wahrnehmen können, welche Konsequenzen die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen in der realen Welt unserer Tage haben. Zudem sollten sie auch dafür die Verantwortung übernehmen und nicht von Frieden sprechen, aber das Gegenteil tun. Den Preis bezahlt vor allem die Zivilbevölkerung, und letztlich geht dies uns alle an; das wiegen die Profite der Rüstungsindustrie niemals auf. Der unerträglichen Heuchelei einer weithin versagenden Wertegemeinschaft sollte endlich ein Spiegel vorgehalten werden.

Menschen auch mit einfachen Mitteln Sicherheit geben

Aber ich will auch positive Worte schreiben. Es gibt auch andere Wege als das Pharisäertum im "Mainstream" unserer Politik. Ja, es gibt ja auch eine andere Einstellung, die versucht, mit geringen Mitteln Frieden zu schaffen. Drei Jahre waren meine Frau und ich für Mission EineWelt in Papua-Neuguinea. Mit vergleichsweise minimalem Aufwand und ohne viel Gerede konnten wir, in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und mit tatkräftiger Unterstützung der Mission in Deutschland, für ein paar Hunderttausend Menschen medizinische Versorgung gewährleisten. Ich denke, es gibt andere Möglichkeiten, Menschen auch mit einfachen Mitteln Sicherheit zu geben und Vertrauen zu gewinnen und aufzubauen. Damit können wir einen Beitrag zum Frieden, zum Erhalt und Schutz von Leben leisten.

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