Wer auf den Maintal-Terrassen bei Kloster Banz steht, braucht zunächst nicht viel zu tun: Schauen genügt. Der Blick fällt hinunter ins Maintal, reicht weiter zum Staffelberg und hinüber nach Vierzehnheiligen, über Dörfer, Städte und Felder. Die Landschaft wirkt fast so, als sei sie für genau diesen Aussichtspunkt komponiert worden.

Günter Dippold kennt diesen Blick seit Jahrzehnten, und alltäglich ist er ihm nie geworden. Warum ausgerechnet dieser Ort sein Lieblingsplatz ist, beantwortet der Bezirksheimatpfleger von Oberfranken in drei Worten: "Es ist Heimat." Was nach einer schnellen Antwort klingt, ist bei ihm eine Zusammenfassung. Denn wenn er von den Terrassen hinabschaut, sieht er mehr als Felder, Häuser und Straßen.

Die Familie im Blick

Dippold ist in der Region geboren, lebt seit rund 60 Jahren in Lichtenfels, auch seine Vorfahren stammen aus der Gegend. "Ich sehe im Grunde das Land, aus dem ich seit vielen Generationen, in dem ich verwurzelt bin, für das ich mich auch verantwortlich fühle." Die Landschaft ist für ihn keine Kulisse, sondern Herkunft.

Selbst Kloster Banz gehört zu dieser Geschichte. Vorfahren von ihm haben hier gearbeitet: der letzte Klostermetzger, ein Kammerdiener des Abtes, der Braumeister des Klosters. "Also es ist auch ein bisschen auch mein Kloster", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Und der Blick geht weiter zum Staffelberg und nach Vierzehnheiligen, wo seine Eltern geheiratet haben. Es ist eine Gegend, in der er sich auskennt, deren Menschen er versteht und von denen er, wie er mit einem kleinen Schlenker sagt, "vielleicht bisweilen auch verstanden" wird.

Ein Platz zum Innehalten

Zum Innehalten dienten die Terrassen schon den Mönchen. Nach Dippolds Erzählung legten sie dort kleine Gärtchen an, vor allem mit Blumen, und gingen spazieren. Viel Ablenkung bot die Umgebung offenbar nicht, vor ihnen lag vor allem Landschaft. Was damals fehlte, ist heute der große Reiz.

Dippold nennt den Platz "eine der schönsten Aussichten in Oberfranken". Am liebsten ist er am Abend hier oben, wenn die Sonne tief im Westen steht und ihr Licht auf Vierzehnheiligen und die Felsenkrone des Staffelbergs fällt. "Das ist einfach beeindruckend."

Der Blick des Historikers

Romantisch ist sein Blick auf die Landschaft trotzdem nicht. Als Historiker und Heimatpfleger sieht Dippold, wie stark Menschen dieses Tal geformt haben. Er erkennt eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, deren Dorf- und Stadtstrukturen teilweise noch heute ablesbar sind. Er sieht aber auch das, was er ziemlich unmissverständlich "Sünden" nennt: Bauten und Eingriffe, die aus seiner Sicht zu stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt wurden.

Einen Einschnitt markiert für ihn die Wiedervereinigung. Aus einer Randlage sei die Region eine Gegend in der Mitte Deutschlands und Europas geworden. Das habe viele Vorteile gebracht, aber auch neue Infrastruktur: Autobahnen, ICE-Strecken, Logistikhallen. Nicht alles davon, sagt Dippold, tue dem Tal und seiner Wirkung gut.

Sein Begriff von Heimat hat deshalb wenig mit gemütlicher Folklore zu tun. 

"Heimat ist ja nicht nur der Behaglichkeit", sagt er. Heimat sei auch ein Ort, an dem man Verantwortung übernehme und an dem Veränderungen stärker schmerzten als anderswo. Der sogenannte Gottesgarten ist für ihn darum nicht nur eine besonders schöne Gegend, sondern ein Landstrich, für den er einsteht.

Menschen machen Heimat

Diese Verantwortung endet nicht an der Landschaftsgrenze. Auch die Sprache gehört für Dippold zur Heimat, das Fränkische ebenso wie das Deutsche. Bamberg ist Heimat, weil er dort studiert hat und bis heute lehrt, Bayreuth, weil er dort seit Jahrzehnten arbeitet. Am Ende aber, sagt er, sind es die Menschen: "Nicht Wiesen oder Häuser machen Heimat, sondern Menschen machen Heimat."

Damit schließt sich der Kreis zum Blick von den Terrassen. Von hier oben sieht man beides: eine Landschaft, die über Generationen gewachsen ist, und die Spuren der Menschen, die sie verändert haben. Und obwohl Dippold genau sieht, was nicht gelungen ist, überwiegt am Ende das Staunen. Wer hier oben stehe, dem falle es leicht, über manche bauliche Sünde hinwegzuschauen. Sie hätten den Reiz der Kultur- und Naturlandschaft nicht zerstören können, "weil das einfach immer noch ein Tal und eine Stimmung ist, die schlicht bezaubernd ist".

Sein Rat an Besucher ist entsprechend unaufwendig: am Abend kommen, wenn die Sonne tiefer steht, etwas Gutes zu trinken mitbringen, hinunterschauen und die Landschaft wirken lassen. Ein großes Programm braucht es nicht. Dann versteht man womöglich auch ohne Bezirksheimatpfleger, warum jemand diesen Platz immer wieder aufsucht. Dippold sagt es ohnehin einfacher: "Das lässt einem das Herz höher schlagen."