Barhocker statt Kirchenbank, Cappuccino statt Gemeindesaal, eine Kinderlounge auf der Empore – und Menschen, die nicht nur zum Gottesdienst kommen, sondern vielleicht einfach, weil sie an einem Sonntagnachmittag nicht allein sein wollen. Das klingt zunächst nach einer ungewöhnlichen Ergänzung für ein Gotteshaus. Dahinter steckt eine grundsätzliche Frage: Was braucht eine Kirchengemeinde noch, wenn vertraute Strukturen verschwinden?
Ein Verkauf mit Folgen
Am Anfang stand keine Idee für ein Café, sondern der Blick auf die eigenen Immobilien. Welche Gebäude braucht die Gemeinde künftig noch, wo kann sie sich verkleinern? Der Kirchenvorstand entschied, das große Gemeindehaus an die Kommune zu verkaufen, die dort ihren Kindergarten ausbauen will.
Damit stand die nächste Frage im Raum: Wo findet das Gemeindeleben künftig statt? "Die Kirche wird einfach unser neues Zentrum", so Töpfers Antwort. Dafür braucht es mehr als Altar und Bänke: eine Küche, eine barrierefreie Toilette und Räume, in denen Menschen gerne bleiben. Fündig wurde die Gemeinde im ehemaligen Konfirmandenraum, der zuletzt nur noch als Abstellraum diente und nach Töpfers Worten ein "Schattendasein" führte. Zwei Jahre liegen zwischen den ersten Planungen und der Eröffnung.
Wohnzimmerkirche und Kinderlounge
Die "Wohnzimmerkirche" begleitet die Gemeinde schon seit mehreren Jahren. Das Gottesdienstformat soll gemütlich sein, deshalb wichen einige der festen Bänke Sofas und beweglichen Sitzmöbeln. "Das hat insgesamt das Miteinander verändert", sagt Töpfer. Aus neuen Möbeln wurde ein neues Verständnis davon, was in einer Kirche stattfinden darf: "Hier soll gelacht, gesungen, gegessen und diskutiert werden." Ob im Kirchenraum oder im Café, Begegnung solle überall möglich sein, mit anderen Menschen ebenso wie mit Gott.
Auf der Empore gibt es eine Kinderlounge mit Polstern, Spielzeug und Baldachin, außerdem ein Vorlesesofa. Die Kinder spielen, die Eltern verfolgen weiter den Gottesdienst oder ein Konzert. Im Sommer dient der Kirchenraum auch als Hitzeschutz, zwischendurch gibt es Kinderkino. Töpfer sagt einen Satz, der selbstverständlich klingt, es im kirchlichen Alltag aber nicht immer ist: Keine Familie solle die Kirche verlassen müssen, weil Kinder stören.
"Gestaltgewordener Psalm"
Auch der Name des Cafés ist Programm. Die Kirche heißt "Zum guten Hirten", im Zentrum steht eine große Bronzefigur: Jesus mit einem Schaf auf dem Arm. Sie war die Vorlage für die Gestaltung des neuen Raums, und mit ihr Psalm 23, in dem Gott einen Tisch bereitet, zum frischen Wasser führt und die Seele erquickt. Im Café steht deshalb eine große Theke mit Barhockern, an der man sich unkompliziert hinstellen, kennenlernen und erfrischen lassen kann. "Das Café 23 soll gestaltgewordener Psalm sein", sagt Töpfer.
Ein Ort auch für Fernstehende
Das Café soll kein Treffpunkt nur für die ohnehin aktive Gemeinde werden. Töpfer denkt an Menschen, die mit Kirche bislang wenig oder gar nichts anfangen können. Gerade der Sonntagnachmittag sei für viele eine einsame Zeit. Deshalb organisieren Ehrenamtliche künftig jeden zweiten Sonntag einen offenen Café-Betrieb, erstmals am 11. Oktober vor dem abendlichen Popsong-Gottesdienst. Man kann einen Kaffee trinken, jemanden treffen, ein paar Worte wechseln, vielleicht einer Lesung oder einem Vortrag zuhören. Auch das Sonntagscafé nach dem Gottesdienst findet hier statt, und für private Feiern lässt sich der Raum mieten.
Wie das Café aussieht, wissen bisher nur Kirchenvorstände und Mitarbeitende. Die Fenster hat Töpfer sogar zukleben lassen. "Das Café ist so schön, es soll eine Überraschung werden", kündigte sie an. Die Gemeinde wolle den Abschied vom Vertrauten nicht nur zelebrieren und traurig sein, sondern nach vorne schauen.
Einweihung am Sonntag
Eröffnet wird das Café 23 am Sonntag, 4. Oktober, um 10 Uhr im Erntedankgottesdienst in der Hohe Straße 19. Dekan Stefan Kirchberger predigt, Titel des Gottesdienstes ist "Du bereitest vor mir einen Tisch". Dabei wird auch die neue Kinderlounge eingeweiht. Bis 17 Uhr gibt es Musik, Essen, Kinderangebote und Begegnungsmöglichkeiten, offen für alle, die vorbeischauen wollen.
Eine Kirche, die nicht fertig ist
Das Café 23 sei keine Notlösung nach dem Verkauf des Gemeindehauses, betont Töpfer, sondern Teil des Programms der Gemeinde. Fertig ist sie damit nicht: Geplant sind weitere Sitzgelegenheiten, Stehtische mit Barhockern und ein neuer Willkommensbereich. Kirche der Zukunft, das heißt für Töpfer: "Offen. Erfrischend. Einladend. Verständlich."
Ausgerechnet der Abschied von einem vertrauten Gebäude zwingt die Gemeinde, ihren Kirchenraum neu zu entdecken – als Ort, an dem Alltag und Glaube, Kaffee und Gebet nebeneinander Platz haben. Und wenn Töpfers Wunsch aufgeht, verbringen dort eines Tages Senioren und die Kinder des angrenzenden Kindergartens Zeit miteinander, achten aufeinander und unterstützen sich.