5.06.2020
Gastbeitrag

"Muss nicht immer alles perfekt sein": Pfarrersfrau und Vollzeitmutter beschreibt Alltag in Corona-Zeiten

Alle unter einem Dach – in Zeiten von Corona kann das Familienleben eine Herausforderung darstellen. Dass Stress, Überforderung und Langeweile aber nicht zwangsläufig die Folgen sein müssen, beweist Susanne Guggemos aus Heinersreuth, Pfarrfrau und Vollzeit-Mama aus Leidenschaft. Wie sich der veränderte Alltag kreativ bewältigen lässt und wie man sich vor dem häuslichen Lagerkoller schützen kann, beschreibt Gastautorin Ellen Fritsche in einem Porträt.
Susanne Guggemos präsentiert ihren selbstgemachten „Upcycling-Pulli“ in ihrem Garten.

"Wenn wir abends einmal Ruhe brauchten, bauten wir früher mit den Kindern im Wohnzimmer eine Höhle. Heute geben ihnen eine Tüte Chips, lassen sie einen schönen Film schauen und ich verschwinde für eine Stunde in der Badewanne."

Wir – das sind Susanne ("Nanni") Guggemos (42 Jahre) aus Heinersreuth in Oberfranken mit ihrem Mann Otto und ihren vier Kindern im Alter zwischen 5 und 14 Jahren. Ihrer Meinung nach braucht es kreative Strategien, um gerade auch in Zeiten von Corona im familiären Trubel entspannt zu bleiben.

In Nannis Blog "Helden der Vorzeit" finden sich einige Tipps und Tricks, die dabei helfen, "ein Volk von kleinen Leuten bei guter Laune zu halten". Dass das gar nicht immer so einfach ist, merken gerade viele Familien, die rund um die Uhr und wochenlang zusammen unter einem Dach leben und sich manchmal wünschen, die Corona-Krise sei längst vorbei und der normale Alltag wieder da.

Alltag in Corona-Zeiten

Der Alltag der Magistertheologin mit Mann und vier Kindern ist dabei gar nicht so viel anders als sonst: Otto ist Pfarrer in der evangelisch-lutherischen Kirche nebenan und erledigt momentan noch mehr Dinge von zu Hause aus, wie zum Beispiel lange Telefongespräche mit seinen Gemeindemitgliedern.

Die Kinder sind es gewohnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, viel draußen zu sein und sich kreative Spiele und Aktionen auszudenken:

"Wir haben ein Bastel- und Stoffgeschäft auf dem Dachboden", erzählt Nanni,

wo besonders ihre beiden Mädels häufig fündig werden. Die älteste Tochter entdeckte dort erst kürzlich wunderbare alte Bettlaken, Vorhänge und Stoffreste, aus denen sie sich einen "Elbenmantel" genäht hat - der Herr der Ringe steht bei ihr derzeit hoch im Kurs.

Auch ihre jüngere Schwester hat originelle Ideen: Aus Filz lässt sich ein schicker Hut basteln – der mit seinem integrierten Wichtelhaus ins Auge sticht. "Man kann anders sein als sonst", in andere Rollen schlüpfen, das gefällt ihnen.

Herausforderung "Homeschooling"

Ein Umstand, der gerade viele Eltern herausfordert, ist auf jeden Fall das "Homeschooling", das Lernen der Kinder von Zuhause aus – oftmals mit Unterstützung der Eltern. Wie gut es den Kindern gelingt, sich an Online-Unterricht und Selbstlernaufgaben zu gewöhnen, hängt nach Nannis Erfahrung sehr davon ab, wie das jeweilige Kind tickt.

"Bei uns lief´s gut, die Mädels arbeiteten bereits selbstständig, freuten sich an der Möglichkeit, ihren Tagesablauf selbst zu gestalten und unser ältester Sohn bekam durch die neuen Umstände zum erstem Mal die Chance, Eigenverantwortung und selbstständiges Arbeiten richtig zu lernen", was anfangs sehr schwierig war, aber von Woche zu Woche besser funktioniert.

Natürlich vermissen die drei Schulkinder ihre Freunde. Die neuen Erfahrungen und Erfolge durch das Lernen von zuhause aus motivieren aber besonders den ältesten Sohn, das "Do-it-yourself-Prinzip" auch beim Lernen für die Schule anzuwenden. Zeitmanagement und Eigenständigkeit bei den Schulaufgaben ließen sich noch nie so gut und intensiv üben wie jetzt. 

"Jedes Kind ist völlig anders",

genauso wie die unterschiedlichen Lern- und Lehrmethoden der Lehrer: "Viele Lehrer machen das total schön, setzten die Technik gut ein. Andere haben dagegen kompliziert angefangen." Am besten funktioniert das klassische Lernen mit Büchern und Workbooks, alles andere sind willkommene Zusätze, die den Kindern etwas Abwechslung bieten.

Nanni bewertet die veränderten familiären Umstände, die sich durch die Corona-Krise ergeben, gar nicht so negativ.  Dabei ist ihr bewusst, dass sie als Familie mit viel Platz, einem schönen Garten und Ottos vergleichsweise familienfreundlichen Arbeitsbedingungen sehr privilegiert sind.

"Wir sind aber kein völliger Einzelfall. Den meisten Familien, mit denen wir reden, geht’s gut." Die Schule kann gemeistert, alte Spiele neu entdeckt werden und wem tatsächlich mal die Kreativität ausgeht, kann schließlich immer noch googeln.

"Es ist eine besondere Zeit, in der alles anders ist, man umdenken muss und Kreativität braucht. Dann muss halt auch nicht immer alles so perfekt sein."

Keine Perfektion, dafür ein relativ entspanntes Familienleben – das ist es, was man von Nanni lernen kann und gerade jetzt, in Zeiten von Corona, auch wirklich braucht.

Aus alten Stoffresten lässt sich kinderleicht neues "Essen" für die Kinderküche basteln.

Seit neun Jahren leben Nanni, Otto und die Kinder nun in Heinersreuth. Davor haben sie noch zu fünft in Münchsteinach gewohnt, Mama, Papa und drei Kinder unter vier Jahren. "Da war es schon schwieriger", erzählt Nanni, "die drei Kleinen zu beschäftigen".

"Damals hatten wir am Kühlschrank eine Liste hängen mit Ideen für Spiele und Aktionen, wenn die Kinder mal am Rad drehen." Die Liste ist beim Umzug zwar leider verloren gegangen, aber auf der neuen finden sich bereits wieder viele Ideen: Seifenblasen herstellen, Luftballons aufblasen, ein Picknick veranstalten – einfach umzusetzende Ideen sind immer willkommen.

Kreative Ideen

Diese kann Nanni auch für die Kindergottesdienstprogramme gut gebrauchen, die sie regelmäßig gestaltet. Normalerweise, denn durch die Corona-Krise fallen momentan viele Dinge weg, so auch die Konfirmation der ältesten Tochter, die gerne von ihrem Papa konfirmiert worden wäre.

Die Enttäuschung über das, was gerade nicht möglich ist und die Freude darüber, wofür man mehr Zeit hat - mit Gefühlen und Stimmungen aller Art umgehen zu lernen, das ist für Nanni ein wichtiges Familienziel.

Normalerweise ist im Hause Guggemos unter der Woche viel mehr los: An fünf Wochentagen haben die vier Kinder insgesamt 25 Nachmittagstermine, die momentan größtenteils nicht stattfinden.

Nanni genießt die gewonnene Zeit, die sie nicht wie sonst damit verbringt, ihre Kinder von A nach B, vom Musikunterricht zur nächsten Sportaktivität zu fahren. Stattdessen stellt sich Familie Guggemos öfters die Frage:

"Haben wir diese Woche irgendeinen Termin?"

"Zeit und Energie werden freigesetzt", was der ganzen Familie gut tut. Der Terminkalender entspannt sich, dafür ist aber rund um die Uhr "Full House". Gerade dann ist es wichtig, sich auch bewusst Zeiten freizuhalten, in denen man einmal nur für sich ist und seinen Gedanken nachgehen kann: "Ich bin ein Mensch, der viel Ruhe braucht. Gleich zu Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Krise habe ich mir vorgenommen, jeden Tag mindestens eine Stunde alleine rauszugehen, um nicht völlig dem Wahnsinn zu verfallen."

Spazierengehen, joggen, ein Buch lesen – Hobbies haben, die nicht so sehr von äußeren Umständen oder anderen Menschen abhängen, ist gerade auch für Erwachsene sehr wichtig, findet Nanni.

"Man muss die Vorteile sehen und genießen, die sich gerade bieten."

Wer sich auf Nannis Blog "Helden der Vorzeit"  inspirieren lassen möchte, findet ihn hier.

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