18.12.2016
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Familienessen mit dem Weihnachtstyrann

"Eigentlich freue ich mich ja auf Weihnachten - wenn nur dieses Weihnachtsessen mit der ganzen Familie nicht wäre..."
Weihnachten Familie Harmonie
Endlich kommen alle zusammen und haben Zeit füreinander! Leider wird Weihnachten aber nicht immer so harmonisch, wie es sich die meisten wünschen.

Eigentlich freue ich mich ja auf Weihnachten - wenn nur dieses Weihnachtsessen mit der ganzen Familie nicht wäre. Das ist feste Tradition, und jeder muss kommen: am ersten Feiertag zum Mittagessen bei meiner Schwester. Sie gibt sich große Mühe, alles schön zu machen, kocht, backt, schmückt den Tisch. Aber ihr Mann hat an allem etwas zu kritisieren. Nichts ist ihm gut genug.

Und sie nimmt das einfach so hin. Er schafft es wirklich, zu sagen: "Du bist zu dumm, um den Braten rechtzeitig aus dem Ofen zu nehmen!" Und sie entschuldigt sich dann tatsächlich dafür...

Allen anderen ist es furchtbar peinlich, wenn sie das miterleben, aber keiner sagt was. Auch ich ertrage weder das tyrannische Verhalten meines Schwagers noch die Art meiner Schwester, sich von ihm zum Opfer machen zu lassen - aber es geht auch nicht, dass ich einfach nicht komme.

Frau K. (53)

Da hat ein Tyrann sein Opfer gefunden - und alle anderen schauen diesem Drama zu oder haben das Gefühl, sie müssten sich auf die Seite des Opfers stellen, trauen sich aber nicht, weil das ja die Stimmung verderben würde. Man könnte sich auch fragen, ob diese Tradition des Weihnachtsessens und alles, was damit verbunden ist, nicht selbst ziemlich tyrannisch ist und Sie und die anderen Familienmitglieder sich dadurch ebenfalls zum Opfer machen lassen.

Wer sagt eigentlich, dass so ein Weihnachtsessen immer gleich ablaufen muss? Vor jedem Festessen sind zwölf Monate Zeit, gemeinsam zu überlegen, wie es ablaufen soll. Sie alle werden älter, haben andere Bedürfnisse, Familienkonstellationen verändern sich - und auch ein Familienweihnachtsessen bleibt davon nicht unberührt.

Wenn alle immer so tun, als wäre alles wie immer, dann stimmt das irgendwann einfach nicht mehr - und alle, die da mitspielen, lassen sich zu Opfern einer Tradition machen, die dazu dient, das Gespräch über Veränderungen und dann vielleicht auch das Ansprechen von Konflikten zu vermeiden.

Zu den möglichen Veränderungen könnte gehören, dass Ihre Schwester nicht alles alleine machen muss oder dass Sie sich vielleicht mal nicht alle zu einem aufwendigen Essen treffen oder womöglich mal nicht am ersten Weihnachtsfeiertag. Sie könnten gemeinsam herausfinden, was Sie gewinnen und was Sie vermissen. Und dann das gemeinsame Essen bewusster gestalten.

Wenn Ihre Schwester Veränderungen kategorisch ablehnt, werden Sie sie nicht dazu zwingen können. Sie können auch ihr Verhalten ihrem Mann gegenüber nicht verändern. Sie können ihr aber deutlich sagen, dass es eine Grenze gibt für die Art und Weise, wie Sie sich zu Augenzeugen eines quälenden Ehekonflikts machen lassen.

Sie können - im Vorfeld und nicht erst, wenn der Braten auf dem Tisch steht - Ihrem Schwager sagen, wie Sie diese Situation erleben und dass Sie das nicht mehr mit ansehen wollen. Es hat keinen Sinn, ihm zu sagen, wie schrecklich Sie ihn finden etc... Aber Sie können ihm klarmachen, wie unangenehm es Ihnen ist, wenn die beiden so miteinander reden, und dass das für Sie die Freude an Weihnachten deutlich mindert.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt