28.02.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Es waren einmal zwei Brüder

"Also trennte sich ein Bruder von dem andern": zwei Brüder, denen es geht wie Abraham und Lot in der Bibel.
Zwei Kleinkinder liegen im Bett

Mein Bruder und ich sind in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Glaube und Religion keinerlei Rolle gespielt haben. Wir Buben haben das übernommen, haben gut 30 Jahre so gedacht. Dann aber hat es sich für uns beide geöffnet, und zwar in ganz unterschiedlicher Richtung. Mein (jüngerer) Bruder hatte ein Bekehrungserlebnis. Jesus sei in sein Leben getreten, beschreibt er es, und ihm habe er sein Leben übergeben.

Mein Weg war ganz anders. In einem Buchladen kaufte ich einen schmalen Band mit dem Titel »Glaubensverlust«. Ich war fasziniert. Aus dem einen Buch wurde eine kleine Bibliothek. Es sind durchweg AutorInnen, die nach neuen Wegen für unseren alten Glauben suchen. Ich bin sehr neugierig, wohin mich das alles führen wird. Es ist jedenfalls aufregend, lohnend und bereichernd.

Jetzt das Problem: Mein Bruder hat für meinen Weg nur ein schmales Lächeln übrig. Ihm gefällt nicht, was ich tue. Es gebe nur einen Glaubensweg, und der führe über eine klare Entscheidung für Jesus Christus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Dies wirkt nun wiederum auf mich nicht gerade verlockend. Es wird schnell hitzig und unappetitlich zwischen uns ...

Herr S.

Es waren einmal zwei Brüder. Lange waren sie gut miteinander ausgekommen und viele Wege miteinander gegangen. Dann begann ein Streit um Land und Besitz. Eine große Entfremdung setzte ein, aus der sie nicht herausfanden.

Der Ältere hielt es nicht mehr aus: "Lass doch nicht ständig Zank sein zwischen mir und dir, wie sind doch Brüder", sagte er, "wir geben einander frei und gehen getrennte Wege. Willst du nach links, dann gehe ich nach rechts. Aber wenn du es gerne andersherum hättest, dann bin ich auch damit einverstanden." Und so geschah es. "Also trennte sich ein Bruder von dem anderen", heißt es lapidar am Schluss dieser Erzählung – bei der es genau genommen um einen Onkel und seinen Neffen geht.

Abraham und Lot (1. Mose, Kapitel 12 und 13). Mir gefallen zwei Dinge an diesem archaischen Bericht. Einmal: Wir müssen einander nicht immer nahe sein. Manchmal tut Abstand gut, Distanz, Entfernung. Gerade wenn es sich gefühlsmäßig so verhakt hat. Warum sollten wir dann nicht voneinander lassen, einander loslassen?

Dann gefällt mir die Großzügigkeit des Älteren. Er fängt nicht an zu handeln oder gar zu feilschen. Keine Vorwürfe, keine Unterstellungen, keine Schuldzuweisungen. Nur dieser eine Vorschlag: Wenn wir nicht zueinanderfinden, dann gehen wir doch getrennte Wege. Dabei lässt er dem Jüngeren die Wahl. Nach links oder nach rechts? Wohin willst du? Ich nehme dann die andere Richtung.

Ob Sie beide sich auf einen ähnlichen Weg einlassen können? Wenn jeder Kontakt zur Keilerei führt, warum lassen Sie sich nicht in Ruhe? Und zwar nicht so, dass Sie sich aus der Beziehung stehlen, sondern offen und direkt. So à la: "Du, wir lassen voneinander ab und gehen – jeder für sich – den Weg, der uns anspricht."

Dahinter steht nicht Resignation oder Verbitterung. Sondern so etwas wie Lebenserfahrung, Weisheit, Respekt.

Und es muss nicht für immer sein, war es auch nicht bei Abraham und Lot. Aber für jetzt.

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