7.02.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Loslassen nach dem Tod der Tochter

Die Tochter von Frau K. (66) ist vor einiger Zeit im Alter von nur 42 Jahren gestorben. Viele Fragen sind offengeblieben. Jetzt hat Frau K. von ihrem Pfarrer den Rat bekommen: "Sie müssen sich mit Ihrer Tochter aussöhnen und sie loslassen."
Rosen auf einem Fels

Vor einiger Zeit ist meine Tochter gestorben; sie war 42 und hat ihr Leben lang mit großen Schwierigkeiten gekämpft. Sucht, Krankheiten ... Aber es gab auch gute Zeiten.
Heute bin ich froh, dass ich mich um ihre Tochter kümmern kann, meine Enkelin. Wir haben guten Kontakt und sie besucht mich oft.
Ich frage mich aber immer noch, warum meine Tochter sterben musste. Und gebe mir die Schuld: Ich habe ihr nicht genügend Halt gegeben, vielleicht war meine Ehe zu schlecht? Aber sie hat mich und ihren Vater oft nicht an sich herangelassen.
Neulich hat mein Pfarrer gesagt: Sie müssen sich mit Ihrer Tochter aussöhnen und sie loslassen. Aber wie soll das gehen? Es geht mir so viel durch den Kopf: Was ich alles für sie gemacht habe, dass sie oft so abweisend war, dass sie aber auch eine starke Persönlichkeit war – manchmal, wenn ich ihre eigene Tochter, meine Enkelin, sehe, denke ich: Ja, meine Tochter war auch so, sie hatte ihren eigenen Kopf – und irgendwie bin ich dann auch stolz.

Frau K. (66)

Ach ja, Aussöhnen und Loslassen und Müssen ... Wenn das so einfach wäre! Und wenn man immer genau wüsste, was das eigentlich konkret bedeutet!

Müssen – das klingt so, als gäbe es da eine Vorschrift, eine Anweisung, die man nur befolgen muss. Ich denke, auch der Kollege glaubt das nicht. Aber wie geht es dann? So, wie jeder Trauerweg ganz individuell ist, so ist auch das, was in dieser Geschichte Aussöhnen und Loslassen bedeutet, ganz einzigartig und individuell.

Aussöhnen könnte für Sie vielleicht heißen, Ja zu sagen zu genau dem, was Sie miteinander erlebt haben, mit all den Schwierigkeiten, den Abgrenzungen, den gelungenen oder weniger gelungenen Versuchen, etwas füreinander zu tun. Manchmal helfen Bilder, Erinnerungen oder Worte, die dazu in einem aufsteigen. Zum Beispiel das Bild Ihrer Enkelin – und dass Sie in ihr Ihre eigene Tochter wiedererkennen. In dieser Bemerkung höre ich auch so etwas wie Stolz und es scheint, als würde Ihnen eine innere Stimme sagen: So war sie, ganz besonders, und ganz eigen, meine Tochter.

Aussöhnen kann aber auch auf sich selbst bezogen sein. "Ich habe so viel gemacht" – das könnte auch bedeuten: Ich habe gemacht, was ich konnte. Damit akzeptieren Sie auch das, was Sie selbst in dieser Beziehung getan haben.

Loslassen – das bedeutet nicht, den Menschen loszulassen, auch nicht den verstorbenen Menschen. Der ist und bleibt ein wichtiger Teil Ihres Lebens. Eher geht es darum, die inneren Vorstellungen davon loszulassen, wie es "eigentlich" hätte sein sollen oder was Sie "noch alles" hätten machen können. Loslassen und Aussöhnen – immer geht es dabei darum, die Realität Ihres gemeinsamen Lebens zu akzeptieren: die schönen und einzigartigen Seiten, die Erinnerungen, die Ihnen niemand nehmen kann, die inneren Bilder, die Ihnen etwas von der Einzigartigkeit Ihrer Tochter zeigen und die lebendig werden, wenn Sie mit Ihrer Enkelin zusammen sind – aber auch die Grenzen, die weder Sie noch Ihre Tochter überschreiten konnten.

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