Was macht einen Menschen zum Mystiker? Für den Theologen Karl Rahner ist das klar: "Ein Mystiker ist einer, der Gott erfahren hat." Hildegard von Bingen hat Gott am eigenen Leib erfahren wie nur wenige Menschen. Bereits als Kleinkind "sah ich ein so großes Licht, dass meine Seele erbebte". Doch Hildegard misstraut ihren Visionen, ihrer inneren Schau. Deshalb schreibt sie 1147 an Abt Bernhard von Clairvaux: "Was dünkt dich von alledem? Ich bin ja ein Mensch, der durch keinerlei Schulwissen über äußere Dinge unterwiesen wurde. Daher mein Zweifel!"

Past Eugen III. bestätigt Hildegards seherische Begabung

Der Abt reagiert vorsichtig ermutigend. Doch Hildegard wird ihre seherische Begabung 1148 von Papst 
Eugen  III. persönlich bestätigt. Da hat sie bereits sieben Jahre an ihrer ersten Visionsschrift "Scivias" ("Wisse die Wege") gearbeitet. Drei Jahre später ist das Werk fertig. Begonnen haben ihre Visionen zu "Scivias" im Alter von 42 Jahren und sieben Monaten. Hildegard kann das genau beschreiben:
"Da kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen legt." Die lebenslang kränkliche Nonne könnte Migräne gehabt haben, sagen Mediziner. Doch Hildegard hört deutlich den Befehl Gottes: "Schreibe, was du siehst und hörst."

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