Wandern
Wer sich auf den 22 Kilometer langen Ökumenischen Kapellenweg im Allgäuer Scheidegg begibt, wird mit 15 Gotteshäusern und vielen spirituellen Momenten in der Natur belohnt. Es gibt aber auch eine kürzere Variante des Wanderweges.
Wanderweg durch die Natur

Es ist ein sonniger Frühsommermorgen. Vom Parkplatz beim Kurhaus in Scheidegg, rund 17 Kilometer östlich von Lindau am Bodensee, führt der Weg erst einmal bergauf. Aber jede Mühe lohnt sich. Gelegenheiten, sich auf einer Bank am Wegesrand auszuruhen und dabei unbeschreibliche Ausblicke auf die faszinierende Landschaft zu genießen, gibt es in den nächsten Stunden genug. Schließlich ist der "Große Ökumenische Kapellenweg" 22 Kilometer lang. Und jedes der 15 Gotteshäuser auf diesem spirituellen Wanderweg ist ein besonderer Schatz. Versprochen.

Die Ulrichskapelle auf dem Ökumenischen Kapellenweg in Scheidegg

Der Kuckuck wird sich öfters lautstark zu Wort melden, auch viele Singvögel und die Schellen der auf den Almen grasenden Kühe sind immer wieder zu hören. Aber diese Geräusche werden nicht als Lärm wahrgenommen, sondern dienen eher dazu, die innere Ruhe und die meditative Stimmung zu vertiefen.

Von Quelle zu Quelle ziehen – das haben die Menschen schon in alten Zeiten gemacht, um ihr Vieh weiden zu lassen. Später wurden an den Quellen Kapellen gebaut. Zum Beispiel die Ulrichskapelle, die ein paar Meter jenseits der grünen Grenze zwischen Deutschland und Österreich steht. Eintritt erwünscht. Die Tür steht offen.

Zunächst aber eine kleine Erfrischung am Brunnen. Seinen Schöpfer um einen Schluck frischen Wassers bat auch Ulrich von Augsburg, der von 923 bis 973 Bischof von Augsburg war, als er sich ermüdet vom langen Weg über den Pfänderrücken an diesem Ort niedersetzte. Auf seine Segensbitte hin entsprang an dieser Stelle eine Quelle, die seither fließt und deren Wasser bei Augenleiden eine heilende Wirkung zugeschrieben wird. Das war im zehnten Jahrhundert – so besagt es die Legende. Zur Erinnerung an dieses Wunder wurde im Jahr 1005 eine Kapelle erbaut, deren Altar direkt über der Quelle steht. "So erinnert uns das Wasser der Ulrichskapelle daran, dass alles Leben seinen Ursprung in Gott hat", steht auf einer an der Außenfassade befestigten Tafel geschrieben.

Wie der Ökumenische Kapellenweg in Scheidegg entstanden ist

Fast 40 Jahre ist es her, dass der damals neue evangelische Ortspfarrer die Scheidegger Umgebung mit dem Fahrrad erkundete. Peter Bauer stieß dabei auf die Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand – und freute sich, sie offen vorzufinden. Das brachte ihn auf eine Idee: Er initiierte Kapellenwanderungen und verband gemeinsam mit seinem befreundeten katholischen Amtskollegen Pfarrer Karl Meisburger 1999 schließlich all die Kirchlein rund um Scheidegg zum ökumenischen Kapellenweg.

Die gute Zusammenarbeit zwischen Protestanten und Katholiken ist im westlichsten Erholungsort des Allgäus auch heute eine Selbstverständlichkeit. "Wir verstehen uns auch privat prima", sind sich Uwe Six und Joachim Gaida, Pfarrer der evangelischen Auferstehungskirche und der katholischen St.-Gallus-Kirche, einig.

Gerade in der Natur trifft man sich in Scheidegg konfessionsübergreifend immer wieder – etwa beim dreistündigen Emmausgang am Ostermontag, der alljährlich die Pilgersaison eröffnet, bei ökumenischen Fußwallfahrten, die nach Appenzell in der Schweiz oder Vorarl berg in Österreich führen, beim Abendliedersingen auf dem Kreuzberg und bei zahlreichen anderen Anlässen. Viele Pilgerinnen und Pilger auf dem Jakobsweg übernachten in Scheidegg zum letzten Mal auf deutschem Boden, etwa im Pilgerzentrum der evangelischen Auferstehungskirche.

Die Hubertuskapelle auf dem Ökumenischen Kapellenweg in Scheidegg

Es geht weiter zur 1988 eingeweihten ökumenischen Hubertuskapelle in Forst. Sie ist aus privater Initiative entstanden, gehört heute dem gleichnamigen Kapellenverein und überzeugt durch ihre schlichte Schönheit. Ein Ort, der bei gemischt-konfessionellen Familien sehr beliebt ist. Hier haben in den vergangenen Jahren viele junge Paare geheiratet und ihre Kinder taufen lassen.

Gut aufpassen müssen die Wanderer und Wanderinnen, um die winzig kleine Martinakapelle in Schalkenried nicht aus Versehen links liegen zu lassen. Sie wurde in der Pestzeit 1622 errichtet. Wer durch die Tür eintreten will, muss sich ein wenig bücken. Auch im Innern wird es eng. Dennoch mag man hier gerne verweilen. Der Blick fällt auf kunstvoll geschnitzte Heiligenfiguren und auf das Glockenseil vor dem Altar, an dem ein Schild hängt: "Bitte nicht läuten! (nur bei Todesfall im Ort)".

Die Auferstehungskirche auf dem Ökumenischen Kapellenweg Scheidegg

Gottesdienst direkt im Grünen feiern, auch das ist auf dem Scheidegger Kapellenweg möglich. Auf einer Anhöhe am Waldrand stehen Altar und Taufstein, die bis zu deren Umbau 1999 in die evangelische Auferstehungskirche gehörten und seit 2010 hier, wo auch der Jakobsweg entlangführt, einen neuen Platz fanden.

Höchste Zeit für eine zünftige Brotzeit. Die Dorfsennerei Böserscheidegg ist eine Genossenschaft
von neun Landwirten, deren Urgroßväter sich bereits vor mehr als 100 Jahren zusammengeschlossen haben. Hier reinzuschauen lohnt sich in jedem Fall. Nicht nur um zu erfahren wie die Löcher in den Käse kommen, sondern auch um Bergkäse und andere Spezialitäten zu probieren, die der Käsermeister aus hochwertiger Rohmilch nach altüberliefertem Verfahren herstellt.

"Kleiner Ökumenischer Kapellenweg" für Anfänger geeignet

Was, schon fünf Stunden unterwegs und noch nicht alles geschafft? Keine Angst: Diese Wanderung
muss nicht an einem Tag gemeistert werden. Möglichkeiten, um auf einem kürzeren Weg zum Ausgangspunkt zurück zu kommen, gibt es reichlich. Dann hat man auch einen Grund wiederzukommen. Außerdem gibt es in Scheidegg als Alternative noch den "Kleinen ökumenischen Kapellenweg". Der hat nur eine Länge von 2,7 Kilometern und ist auch für Wander-Einsteigerinnen
und -Einsteiger bestens geeignet.

PILGERZENTRUM SCHEIDEGG

Die evangelische Auferstehungskirche mit angrenzendem Pilgerzentrum liegt mitten in Scheidegg und wird gerne als Startpunkt für die Wandertour gewählt. Mehr Infos finden Sie hier.

Urlaubermagazin "Grüß Gott" 2021: Jetzt zum Download!

Mit dem Fahrrad auf den Spuren Martin Luthers, experimentelle Kunst im Park der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad und wandern auf dem Mühlenweg im Frankenwald: Das kostenlose Urlaubermagazin "Grüß Gott" 2021 der bayerischen Landeskirche ist erschienen und steht ab sofort hier zum Download bereit.

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