20.06.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Wie leben nach so viel Terror und Tod?

"Ich melde mich zu Wort", schreibt Frau I., "weil mich der Terroranschlag am Pfingstsonntag in London total fertigmacht. Aber, was sage ich, London? Manchester hieß der Name vor wenigen Wochen. Davor Ägypten, davor Paris, davor Berlin und und und ..."
Mannund Frau unterhalten sich am Tisch

Ich melde mich zu Wort, weil mich der Terroranschlag am Pfingstsonntag in London total fertigmacht. Aber, was sage ich, London? Manchester hieß der Name vor wenigen Wochen. Davor Ägypten, davor Paris, davor Berlin und und und ... Seit vielen Jahren eine Schreckensmeldung nach der anderen. Ich halte es kaum noch aus. Ich schlafe schlecht und verliere langsam meinen Lebensmut.

Ich schaue mich nach Trost um, aber mir begegnet kaum etwas, was mich erreicht. Was ich in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis wahrnehme, hilft mir nicht weiter. Die meisten reagieren mit Resignation. Ein hilfloses Schulterzucken, mehr nicht. Andere sind zynisch geworden und können sich dem Leben nur noch mit Verachtung und Häme nähern. Wieder andere ziehen sich in die Privatheit zurück. Keine Vorbilder!

Ich komme einfach nicht weiter, weil es eben auch nicht aufhört. Kaum habe ich mich so halbwegs von dem einen Schrecken erholt, folgt schon der nächste. Meine Freundin sagt mir, dass ich halt eine dünne Haut hätte und deswegen alles so schwer nehmen würde. Naja, was mache ich jetzt damit? Wo man dicke Häute zu kaufen bekommt, konnte sie mir ja auch nicht sagen.

Frau I.

"Ich melde mich zu Wort". Wie sehr mich Ihr ungewöhnlicher Einstieg beeindruckt! Denn genau darum geht es. Sich zu Wort melden, immer wieder sich zu Wort melden. Wenn es überhaupt irgendeinen sinnvollen Weg aus all dem Schrecklichen gibt, dann diesen: Ich melde mich zu Wort.

So habe ich z. B. die Ansprache des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan empfunden. Offen, direkt, persönlich: "Als stolzer und überzeugter Muslim sage ich Ihnen: Sie sprechen nicht in meinem Namen. Ihre Religion ist pervers!"

Ich nehme diese Worte als Christ auf. Der Wochenspruch von Pfingsten aus Sacharia: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist", spricht Gott. Übersetzt: "Es soll nicht durch Sprengstoffgürtel und Amokfahrten geschehen, das ist nicht Gottes Geist, das ist Religion pervers. Genauso wie Folter und Hexenverbrennungen Religion pervers waren!"

Ich melde mich zu Wort. Bitte lassen Sie sich das nicht nehmen. Dann hat auch der Lebensmut eine bessere Chance. Auch in einer schwierigen Situation. Der Lyriker Erich Fried hat es so treffend formuliert: "Wie kann man leben nach so viel Tod?"

Ich selbst suche in zwei Richtungen. Einmal möchte ich wertschätzend und mitfühlend bleiben und mich immer wieder darin gründen und darin üben. Nicht schwermütig werden, nicht zynisch, nicht hämisch daherkommen. Wertschätzend und mitfühlend bleiben. Und ich möchte engagiert und leidenschaftlich bleiben. Nicht rundum, das würde mich überfordern. Aber an einzelnen Stellen, an denen ich mich für etwas und für andere einsetzen kann.

Wertschätzend und mitfühlend, engagiert und leidenschaftlich. So versuche ich die Pfingstbitte um den Geist Gottes zu buchstabieren. Natürlich werde ich trauern und klagen und wütend sein, wenn Leben wieder Gewalt angetan wird. Was denn sonst? Aber ich werde nicht zulassen, dass mich die Gewalt einschüchtert und mundtot macht.

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