Ökumenischer Stadtführer
München evangelisch? Für den Großteil von gut 850 Jahren Stadtgeschichte galt: Bayrisch heißt katholisch. Wie kam es, dass die Evangelischen heute aus München nicht mehr wegzudenken sind? Und warum fehlt ihnen bis heute ein Zentrum in der Innenstadt? Sucht man einen Ort, von dem alle evangelischen Episoden und Ereignisse der Münchner Geschichte ihren Ausgang nehmen – hier an der ehemaligen Augustinerkirche dürfte er liegen.
Augustinerkirche München
Die Augustinerkirche in der Innenstadt Münchens beherbergt seit 1966 das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum.

In München war man kaisertreu: Als Karl V., des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Imperator, mit dem "Wormser Edikt" 1521 die Reichsacht über den Reformator Martin Luther verhängte, folgte der Münchner Herzog Albrecht IV. prompt und entschieden. Ein erstes bayerisches Religionsmandat vom 5. März 1522 ist glasklar: In Bayern ist es verboten, "Luthers Irrungen anzuhangen, dieselben zu disputieren, zu beschützen und verfechten".

Damit ist die Linie der Münchner Wittelsbacher für die nächsten 277 Jahre vorgezeichnet. So lange werden sie und der bayerische Staat den Protestantismus heftig bekämpfen, der katholische Glauben als Staatsräson gelten.

Die Entschiedenheit der bayerischen Wittelsbacher war nicht nur kirchlich-religiös motiviert. Man setzte auf die kaiserliche Karte auch deshalb so entschieden, weil man einerseits Aufruhr fürchtete und sich andererseits einen Zugewinn an Macht erhoffte. Dies nicht völlig grundlos, wie später der Gewinn der Oberpfalz und der Kurwürde als Lohn für das antiprotestantische Engagement vor und im 30-jährigen Krieg zeigen sollte.

Augustinerkirche München: Die Entstehungsgeschichte

Aber wo war der erste Hort der neuen Lehre in München? Und Luther selbst? War er hier?

Einen Beweis gibt es nicht, doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass der damals 27-jährige Martin Luther auf seiner Romreise 1510/11 in München Station gemacht hat. Wenn, dann ist er sicher bei den hiesigen Augustiner-Eremiten, seinen Ordensbrüdern, eingekehrt.

Zu diesen gehörte ehedem auch Johann von Staupitz (um 1468 - 1524), Luthers Beichtvater und Lehrer. Hier, in München, war Staupitz 1490 in den Orden eingetreten. Zehn Jahre später wurde der Humanist und Theologe Prior des Münchner Augustinerkonvents. 1502 berief dann Kurfürst Friedrich III. den gelehrten Augustiner als Gründungsrektor zum Aufbau der Universität nach Wittenberg. Dort war Staupitz bis 1512 Professor und erster Dekan der theologischen Fakultät. Er entdeckte und förderte Martin Luther, der schließlich sein Nachfolger auf dem Theologie-Lehrstuhl wurde.

Die Augustiner-Eremiten waren seit 1294 in der damals noch jungen Stadt München. Um 1315 hatten sie den Bau ihres Klosters samt Kirche - nun schon innerhalb der zweiten Stadtmauer - abgeschlossen. Die Augustinerstraße, die bogenförmig vom Dom zur Neuhauser Straße führt, folgt dem Verlauf der ersten Münchner Stadtmauer, an die sich das Kloster anschloss.

Luthers Rolle in München

Von hier aus verbreiteten sich Luthers Gedanken. Und die auch politisch motivierte Ablehnung durch die bayerischen Herrscher bedeutet nicht, dass Adel und Bürger in Bayern damals weniger Sympathie für die Sache der Reformation gehabt hätten: In Ingolstadt verschleppt man die Veröffentlichung der von Dr. Johannes Eck erwirkten Bannbulle gegen Luther. Seit 1519 druckt Hans Schobser auch in München Lutherschriften. Sie werden begeistert gelesen – fast in jedem Haus, wo man des Lesens mächtig ist.

Nicht weniger begeistert berichten wandernde Gesellen und Studenten aus Wittenberg. Auch der Münchner Schankwirtssohn Arsacius Seehofer (1505 - 1539) gehört dazu. Im Sommer 1523 zwingt man den an die Uni Ingolstadt zurückgekehrten Münchner, die neue Lehre aus Wittenberg öffentlich zu widerrufen. Argula von Grumbach (1492 - 1568), eine Adelige, die als Hoffräulein von Herzogin Kunigunde am Münchener Hof gelebt hatte, setzt sich für den 18-jährigen Studenten ein. Aus dem Gefängnis in Ettal kann Seehofer später fliehen, er endet schließlich in Württemberg.

Doch der Import von Luther-Bibeln wird verboten, 1524 folgt eine Verordnung "wider die lutheranischen Sekten", die unter Strafe stellt, sich ohne Beichte am Abendmahl zu beteiligen, dieses in beiderlei Gestalt zu nehmen, nicht zu fasten oder sich als Priester zu verheiraten oder reformatorisch zu predigen oder in Wittenberg zu studieren.

Wie es Protestanten im 16. Jahrhundert in München erging

Die Verfolgung wird schärfer, es gibt erste Hinrichtungen: Der Bäckergeselle Fraunhofer wird wegen "Schmähung der Gottesmutter" hingerichtet. Er hat Glück: Man schlägt ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Weniger schmerzlos ist das Ende des evangelisch predigenden Priesters Georg Wagner aus Emmering bei Fürstenfeldbruck. Er weigert sich, seine Auffassung zu widerrufen, nur Gott könne Sünden vergeben. Und stirbt auf dem Scheiterhaufen.

Viele, die evangelisch denken und reden, sitzen inhaftiert im Münchner Falkenturm oder müssen das Land verlassen. Wie der herzogliche
Hoftrompeter Erhard Gugler. Oder 1559 der Rektor der Münchner Lateinschule, der Dichter und Pädagoge Martin Balticus (um 1532 - 1601). Aus München oder Fürstenfeldbruck stammend hatte er in Wittenberg studiert und sich nach seiner Rückkehr geweigert, den lutherischen Lehren abzuschwören.

Am schlimmsten ergeht es den Täufern, die keinerlei Fürsprecher unter den Fürsten haben. Viele von ihnen werden eingekerkert und hingerichtet.

Was die Michaelskirche mit der Augustinerkirche zu tun hat

1558 hatte es Herzog Albrecht V. noch erbost, dass bei den Augustinern das Volk "verbotene Gesänge", also Lieder aus Luthers Gesangbuch, sang. Die meisten Münchner Augustiner hatten damals den Orden bereits verlassen. Das fast leere Kloster bekam mit den Jesuiten neue Nachbarn.

Es war kein Zufall, dass diese 1583 ihr gegenreformatorisches Programm direkt neben dem Orden, dem Martin Luther angehörte, auch baulich verwirklichten: Mit der Michaelskirche entstand nun gegenüber die erste Jesuitenkirche nördlich der Alpen. Sie imponiert mit dem weltweit größten Renaissance-Tonnengewölbe nach St. Peter in Rom, sie läutete den Barock ein und war das Vorbild für viele weitere Kirchen. Ihr Portal ziert ein bronzener Erzengel Michael, der symbolisch den Drachen des Protestantismus tötet.

Seit 1597 dürfen Lutherische nicht mehr in geweihter Erde begraben werden, es herrscht strenge Zensur und ein Klima der Denunziation. Jesuiten streifen auf der Suche nach verbotenen Schriften durch die Buchläden.

Damals verloren die Augustiner auch den Status von Hoflieferanten. Der als Bierfreund bekannte Luther dürfte sich in München auch deshalb wohlgefühlt haben, weil die Augustiner traditionell ein stärkeres und nahrhafteres Bier brauten als andere. Doch mit der Errichtung des berühmten Hofbräuhauses am Platzl im Jahr 1589 hatten die Wittelsbacher Herzöge nun ihre eigene Braustätte.

Den Verfall der Augustiner in München hielt auch nicht auf, dass die die gotische Basilika 1618 bis 1621 durch Veit Schmidt (vermutlich nach Plänen von Hans Krumpper) als erste Kirche Münchens barockisiert wurde. Schon lange vor der Säkularisation 1803 stand das Augustinerkloster leer. Nun nutzte man die Kirche als Mauthalle.

München ist größte evangelische Stadt Bayerns

Vor dem ehemaligen Klostergarten parken heute Polizeiautos: Im ehemaligen Klosterkomplex befindet sich heute das Münchner Polizeipräsidium. Auch die Augustiner-Kirche, in der einst Luthers Lehrer Staupitz predigte, hat sich stark verändert. 1911 bis 1915 hat sie Theodor Fischer, Münchens evangelischer Jugendstil-Baumeister, für eine profane Nutzung umgebaut. Der von ihm eingebaute "Weiße Saal" sollte später noch einmal an Bedeutung gewinnen: Nach dem Abriss der ersten Matthäuskirche sagten die Nationalsozialisten ihn den Münchner Protestanten als Ersatz zu.

Ebenfalls von Theodor Fischer stammt die 1914/15 eingerichtete doppelläufige Treppenanlage im ehemaligen Chor. Sie verbindet Erd- und Zwischengeschoss und ermöglichte so den Umbau des südlichen Seitenschiffs zu Geschäftsräumen. Seit 1966 bietet die Kirche dem "Deutschen Jagd- und Fischerei-Museum" Quartier. Ihren "evangelischen" Hintergrund kennen auch in München nur Eingeweihte.

Gut 260.000 evangelische Bürger machen München heute zur größten evangelischen Stadt in Bayern. Sie sind ein selbstverständlicher und selbstbewusster Teil der ehemaligen katholischen Hochburg. Und doch sind sie – mit ihren Kirchen St. Lukas, St. Matthäus und St. Markus – kirchliche "Randsiedler" um die Altstadt herum geblieben. Denn ein repräsentatives protestantisches Zentrum oder eine evangelische Kirche in der Altstadt erscheinen auch 500 Jahre nach Luthers vermutlichem München-Aufenthalt ein Ding der Unmöglichkeit geblieben zu sein.

Kurzbeschreibung Augustinerkirche

Es gibt keinen historischen Beleg, dass Martin Luther wirklich in München war. Aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der junge Augustinermönch auf seiner Romreise 1510/11 genau hier Station machte: im Kloster seiner Ordensbrüder in München. Und dann hat der spätere Reformator wohl auch in der Augustinerkirche die Messe besucht. Noch 1558 erboste es den dezidiert papsttreuen Bayernherzog Albrecht V., dass bei den Augustinern das Volk "verbotene Gesänge", also Lieder aus Luthers Gesangbuch, sang.

Kein Wunder also, dass die Jesuiten mit ihrem "Auftrag Gegenreformation" ihre Zelte genau vor der Haustür des reformationsverdächtigen Ordens aufschlugen. Heute beherbergt die Kirche das Jagdmuseum. Und bis heute ist die Münchner Innenstadt eine "protestantismusfreie Zone": Seit Jahrzehnten haben sich Pläne, aus der Augustinerkirche ein evangelisches Zentrum in der Münchner Innenstadt zu machen, immer wieder zerschlagen.

Besucher-Tipp

Deutsches Jagd- und Fischereimuseum München
(Augustinerkirche)
Neuhauser Straße 2
80331 München
Tel. (089) 22 05 22

Website
www.jagd-fischerei-museum.de

Öffnungszeiten
Montag bis Sonntag von 9.30 Uhr bis 17 Uhr, letzter Einlass 16.15 Uhr
Donnerstag (außer feiertags) Abendöffnung bis 21 Uhr, letzter Einlass 20.15 Uhr

Faschingsdienstag, Heiligabend und Silvester geschlossen.

Tipp
Wer an der Kasse fragt, ob er einen kurzen Blick in den Weißen Saal, bzw. das ehemalige Kirchenschiff werfen darf, wird meist ohne Eintritt kurz eingelassen.

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