5.09.2018
Meditation und Resilienz

Herzensgebet stärkt Seele von Kindern

"Kinder sind zur Meditation geboren", schreibt Maike Schmauß. Wie genau das bei den Kleinen funktioniert und warum Gummibärchen als Belohnung keine gute Idee sind, erklärt die Exerzitien-Expertin und Sonntagsblatt-Bibellese-Autorin im Interview.
Betendes Kind

Frau Schmauß, still sitzen und meditieren – schwer vorstellbar, dass das auch schon kleine Kinder können.

Schmauß: Im Vorschulalter, besser: Grundschulalter, sollten die Kinder schon sein. Man muss ihnen auch eine Nahrung geben für die Stille. Zum Beispiel indem man sagt: Jetzt seid mal ganz still und horcht, ob ihr irgendetwas im Raum hören könnt. Ein Knistern, ein Atmen – oder irgendwas. Und dann horcht mal draußen, ob ihr Geräusche hört, die von draußen reinkommen. Und dann sitzen die ganz aufmerksam da und horchen.

Welche Fähigkeiten sollte denn das Kind mitbringen, dass es bereit ist zur Meditation?

Schmauß: Auf jeden Fall die Fähigkeit, an einem Spiel dranbleiben zu können. Wenn ein Kind hyperaktiv ist, wird es schwierig. Das Allerwichtigste ist, dass ein Kind die Fähigkeit besitzt, selbstvergessen zu spielen, sodass es überhaupt nicht hört, wenn Sie es rufen, weil es so versunken in seiner Welt ist.

Das ist ja gerade etwas, womit sich Erwachsene ganz schwer tun. Verlernt man das im Lauf des Lebens?

Schmauß: Das verlernt man – auch durch das Multitasking. Wir müssen mehrere Sachen gleichzeitig machen. Es gibt eine Anekdote, die das veranschaulicht. Ein Zenmeister wird vor seinen Schülern gefragt, warum er so zufrieden und glücklich sei, und antwortet: "Wenn ich sitze, sitze ich. Wenn ich stehe, stehe ich. Wenn ich laufe, laufe ich." – "Das tun wir doch auch", wenden die Schüler ein. Er antwortet: "Nein, wenn ihr sitzt. dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel." Kinder beherrschen noch die Fähigkeit des Zenmeisters.

Wie können Eltern darauf achten, dass das Kind diese Fähigkeit nicht verliert?

Schmauß: In unserer Gesellschaft, in unserer Arbeitswelt ist das eigentlich fast nicht möglich. Wenn Sie zur S-Bahn gehen, denken Sie natürlich schon daran: Was muss ich als Erstes tun, wenn ich in meinem Büro bin? Auch ein Kind ist ja nicht immer in der Gegenwart. Aber kleine meditative Übungen können ihm helfen, sich die Fähigkeit zu bewahren, immer wieder Momente des Gegenwärtigseins zu erleben.

Exerzitien-Expertin Maike Schmauß

In Ihrem Buch schreiben Sie als Leitlinie: So alt wie das Kind ist, so viele Minuten kann es meditieren. Was ist, wenn das Kind aber schon nach einer Minute keine Lust mehr hat?

Schmauß: Man muss sich nach dem Kind richten. Vielleicht ist es für das Kind nicht der richtige Moment, weil es Wichtigeres im Kopf hat. Dann wäre es kontraproduktiv, trotzdem weiterzumachen. Man verdirbt die ganze Lust daran.

Bei der Erwachsenen-Meditation ist das anders ...

Schmauß: Wenn ich nach 20 Minuten Meditation das Gefühl hab: Ist das heute fad … und ich möchte abbrechen, dann bleib ich dabei. Das sind Exerzitien bei den Erwachsenen. Aber mit einem Kind macht man keine Exerzitien.

Ganz pragmatisch: Was bringt es einem Kind denn überhaupt zu Meditieren, wenn es - wie Sie sagen - ohnehin die angeborene Fähigkeit zur Selbstversunkenheit besitzt?

Schmauß: Kinder meditieren, ohne es zu wissen. Aber das ist noch kein Herzensgebet. Das Herzensgebet füllt die Stille mit einem Wort. Das ist ein Schritt weiter. Wenn ein Kind zum Beispiel traurig ist, dann geht es nicht in die Stille und schweigt. Aber es könnte meditieren "Ich bin dein Freund". Angenommen, die beste Freundin oder der beste Freund des Kindes ist jetzt mit jemandem anderen befreundet, dann könnte das Kind meditieren - also quasi hören, wie Jesus zu ihm sagt: "Ich bin dein Freund." Später, als Erwachsener, ist das dann wieder anders, weil wir dann anstreben, absichtslos, zweckfrei zu meditieren. Die Meditation ist nicht für mich, sondern für Gott. Ich schenke Gott diese Zeit.

Es gibt eine Vielzahl von Kindergebeten, die auch sehr schön sind. Was ist das Besondere am Herzensgebet?

Schmauß: Das Herzensgebet verinnerlicht eine gewisse Haltung, Schwierigkeiten besser bewältigen zu können. Mit dem Herzensgebet vertiefe ich die Beziehung zu Gott. Es ändert zwar nicht meine Situation, aber die Art, wie ich damit umgehe. Das Herzensgebet ist eine Vergegenwärtigung des gegenwärtigen Gottes. Es ist Begegnung, Beziehung, Gegenwärtig-Sein …

Gibt’s für die Kinder hinterher dann eine Belohnung? Gummibärchen zum Beispiel?

Schmauß: Gummibärchen wären nicht gut. Das würde ja heißen: Wir haben etwas geleistet, wir haben jetzt brav etwas gemacht. Die Absicht ist ja eher: Ihr müsst jetzt mal nichts lernen, ihr müsst nichts können. Ihr dürft jetzt mal einfach ganz still nur da sein und horchen.

Buch-Tipp

Herzensgebet mit Kindern

Die erfahrene Meditationslehrerin Maike Schmauß hat einen Leitfaden für all diejenigen geschrieben, die Kinder im Herzensgebet begleiten und anleiten möchten. Schritt für Schritt erklärt die Autorin darin Atemübungen, Kontemplationsspiele und Phantasiereisen, die Kinder in die Ruhe und zur Natur- und Gottesbegegnung führen. Mit hilfreichen Tipps, wie sich eine Meditationspraxis zwanglos in den kindlichen Alltag integrieren lässt, und detaillierten Beschreibungen verschieden anspruchsvoller Meditationsübungen.

Maike Schmauß: Herzensgebet mit Kindern. Das Praxisbuch. 128 Seiten, Claudius Verlag, München 2018, 18 Euro.

Bestellen Sie per Mail (cme@epv.de), Telefon (089/12172153) oder online in unserem Shop

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