23.01.2019
Theologie der Hoffnung

Theologe Moltmann präsentiert neues Buch

Seit Veröffentlichung der international beachteten "Theologie der Hoffnung" ist die Theologie des emeritierten Tübinger Professors für Systematik und Sozialethik, Jürgen Moltmann, "grüner" geworden, sagt er. In seinem neuen Buch kritisiert er aber auch den Umgang der Kirchen mit Opfern sexuellen Missbrauchs und die fehlende Streitlust seiner Kollegen.
Jürgen Moltmann
Jürgen Moltmann spricht am 30. Juni 2017 auf der 26. Generalversammlung der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WCRC) in Leipzig.

Herr Professor Moltmann, die "Theologie der Hoffnung", die 1964 erschien, ist Ihre bekannteste Schrift und wurde international beachtet. Hat sich über die Jahrzehnte Ihre Perspektive auf diese Theologie verändert?  

Moltmann: Als ich die "Theologie der Hoffnung" schrieb, hatte ich noch keine Ahnung von ökologischen Problemen. Erst Anfang der 70er Jahre habe ich mich damit beschäftigt und würde deshalb sagen, dass meine Theologie insgesamt "grüner" geworden ist. In der modernen Welt ist die Natur nur Material, Energie und Ressource, doch die Erde lebt und leidet. Deshalb brauchen wir eine grüne Reformation.

Was bedeutet das genau?

Moltmann: Wir sollten das biblische Doppelgebot der Liebe erweitern. Es sollte heißen: Liebe deinen Nächsten und diese Erde wie dich selbst. In meiner Jugend in Norddeutschland gab es das biblische Sabbatjahr: Alle sieben Jahre blieben die Felder unbestellt und wir Kinder spielten auf den brachliegenden Äckern. Inzwischen ist die Landwirtschaft industrialisiert und das Land mit Kunstdünger zu laufender Fruchtbarkeit verdammt. Doch so wie ein Professor alle sieben Jahre ein Sabbatjahr bekommt, wünsche ich mir auch, dass die Erde nach sieben Jahren Bearbeitung in Ruhe gelassen wird.

In Ihrem neu erschienenen Buch "Christliche Erneuerungen in schwierigen Zeiten" (Claudius-Verlag, München) kritisieren Sie direkt im ersten Kapitel eine "Dialoginflation". Sie reden davon, dass man heutzutage mit jedem ins Gespräch kommen will, dabei aber die Beziehung oft wichtiger ist als die Wahrheit.

Moltmann: Wir leben in einer Post-Wahrheitsära. Das zeigen auch die Fake-News und die Talkshows, in denen es nicht um ein Ringen um Wahrheit geht, sondern darum, möglichst viel Redezeit zu bekommen. Viele meiner jüngeren Kollegen führen mit allen Dialog, um die Gemeinschaft zu fördern, aber nicht die Wahrheit. Doch warum geht nicht Wahrheit und Gemeinschaft zusammen?

Liegt das daran, dass die Theologen konfliktscheu geworden sind?

Moltmann: Heute sind die Theologen friedlich geworden. Offenbar haben die jüngeren Theologen die Konflikte der Älteren, zu denen ich gehöre, wahrgenommen und wollen diese nicht (lacht). Ich erinnere noch an den Streit um die Entmythologisierung Bultmanns und um die Feministische Theologie, das ist heute kein Thema mehr. Aber Streit kann produktiv sein - wenn er sich in gesitteten Bahnen abspielt und sich nicht in Beleidigungen äußert. Wie damals bei den Barthianern in Basel und den Bultmannianern in Marburg. Sie stritten heftig miteinander und respektierten sich trotzdem.

Die Theologen sind friedlich geworden - und die Theologie zu wissenschaftlich, beklagen Sie. Warum?

Moltmann: Die Theologie hat sich von der Praxis losgelöst. Die jungen Dozenten an der Universität möchten meist dort Karriere machen und waren oft noch nie selbst in einer Kirchengemeinde tätig. Dabei wäre Gemeindeerfahrung für die Dozenten wünschenswert. Denn die Studenten, die in ihren Seminaren und Hörsälen sitzen, wollen meist Pfarrer werden und eben nicht Doktoranden oder Kollegen. Und sie müssen auf die Praxis in der Gemeinde vorbereitet werden.

Seit Jahrzehnten sind Sie ein Ökumeniker und wünschen sich deshalb weitere Schritte der katholischen und evangelischen Kirche aufeinander zu. Doch wie kann das konkret aussehen?

Moltmann: Wesentlich wird die Frage des gemeinsamen Abendmahls bleiben. Dass geschiedene Katholiken oder Protestanten nicht an der Eucharistie teilnehmen dürfen, halte ich für einen Fehler. Mein Vorschlag ist, erst einmal gemeinsam an einen Tisch zusammenzukommen, das Abendmahl zu feiern und dann anschließend über die Theorie des Abendmahls zu reden. Wie hat Bert Brecht gesagt: Erst kommt das Essen, dann die Moral. Und dann könnte sich zeigen, dass es gar keine Hindernisse mehr gibt, auch in Zukunft gemeinsam Brot und Wein zu teilen.

Sie prangern auch die Fälle von sexuellem Missbrauch in den Kirchen an und beklagen, dass beim Umgang mit ihnen zu wenig die Opfer im Blick sind. Aber stimmt das wirklich? Es gibt doch Entschädigungen für Opfer und Runde Tische, bei denen die Opfer zu Wort kommen...

Moltmann: Das ist vielleicht jetzt der Fall. Doch bereits seit 20 Jahren habe ich auf die Opfer hingewiesen und keiner hat das aufgenommen. Die Opfer von Missbrauchsfällen in Kirchen haben lange geschwiegen aus Scham. Wir sind in der Gnadenlehre der christlichen Kirchen und der Rechtfertigungslehre der reformatorischen Kirchen zu täterorientiert: Die Sünder sollen Buße tun und gerechtfertigt werden und die Opfer der Sünde sind nicht im Blick. Doch es muss beides geben: Die Befreiung der Unterdrückten, Missbrauchten und Marginalisierten ebenso wie die Befreiung der Unterdrücker, Herren und Mächtigen.

Eine Befreiung der anderen Art ist für Sie, wenn potenzielle islamistische Attentäter von ihrer todbringenden Ideologie befreit werden. Doch wie kann so etwas gelingen?

Moltmann: Terrorismus entsteht in den Köpfen, deshalb muss die Möglichkeit der Theologie genutzt und die Ideologie mit Argumenten bekämpft werden. Terrorismus ist die Liebe zum Tod. Zum eigenen Tod und dem Tod der Feinde. In Nigeria versuchen christliche Pastoren gemeinsam mit Imamen anfällige Jugendliche zu überzeugen, ihr Leben nicht wegzuwerfen und eine Liebe zum Leben in ihnen zu erwecken.

Am Ende ihres neuen Buches Schreiben Sie: "Die verwirklichten Möglichkeiten sind nur ein kleiner Teil der möglichen Wirklichkeiten. Wer auf Gott hofft, rechnet auch mit den Möglichkeiten Gottes. Also ist eine andere Welt möglich." Wie würde eine solche andere Welt aussehen?

Moltmann: Die Welt würde abenteuerlicher werden. Der Realist, der nur mit der Wirklichkeit rechnet, kommt immer zu spät. Viele Menschen in Deutschland blicken mit einer negativen Haltung in die Zukunft. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat mit seinem Bericht des "Club of Rom" unter dem Titel "Wir sind dran" gezeigt, dass man optimistisch in die Zukunft blicken kann. Er malt die ökologische Krise nicht schwarz, sondern zeigt Wege auf, wie sie gelöst werden kann. Diesen Blick, der die Möglichkeiten betont, statt die Wirklichkeit schwarz zu malen, brauchen wir dringend.

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