22.07.2018
Kunst

Weltweit erstes Christian-Schad-Museum entsteht in Aschaffenburg

Auch die nüchternen Meister der "Neuen Sachlichkeit" waren auf der Suche nach Spiritualität. Davon kann man sich ab 2019 in Aschaffenburg im Christian-Schad-Museum überzeugen.
Christian Schad Museum Aschaffenburg (Visualisierung)
Christian Schad Museum Aschaffenburg (Visualisierung)

Neben der Kunsthalle Jesu­itenkirche werden auf drei Etagen und 650 Quadratmetern Leben und Werk des internatio­nal bekannten Christian Schad (1894-1982) präsentiert. Neben George Grosz, Otto Dix und Carl Grossberg ge­hört der Künstler zu den bedeutendsten Vertretern der Kunstrichtung, die Dinge und Per­sonen auf eine "objektive", nüch­terne Weise darzustellen suchte. Der Darstellungsweise entsprach ein Verzicht auf Emotionen.

Am Anfang von Schads Schaf­fen stand das Experiment. 1915, im Ersten Weltkrieg, dem er sich in die Schweiz entzog, indem er einen Herzfehler vortäuschte, griff der junge Künstler aus groß­bürgerlichem Haus Expressionis­mus, Futurismus und Kubismus auf. 1916 entstand die "Kreuzab­nahme". In Zürich schloss sich Schad 1916 der Dada-Bewegung an, die sich der Idee der absoluten Freiheit verschrieben hatte.

Direktor des Christian-Schad-Museums über den Künstler

1920 kehrte er nach München in den "warmen Schoß der Fami­lie" zurück, wie der Aschaffenbur­ger Gründungsdirektor Thomas Richter sagt. Aus der künstleri­schen Krise fand der Maler bei ei­nem Aufenthalt in Italien heraus. Dort begeisterten ihn die Meis­ter der Hochrenaissance – Sand­ro Botticelli, Raffael und Leonardo da Vinci. "Ich will gegenständlich malen, ich will Menschen dar­stellen", bringt Richter Schads künstlerisches Credo auf den Punkt. Ein Coup gelang dem Ma­ler in Rom mit dem Porträt eines prominenten Kirchenmanns: 1923 hatte Schad den Franziskanerpa­ter Aquilin Reichert, einen für die Gewährung von Ablässen an der Römischen Kurie tätigen Pöniten­tiar, porträtiert.

Der Geistliche ebnete ihm 1924 den Weg zu Papst Pius XI. Die Re­produktionsrechte für das Papst­porträt verkaufte der geschäfts­tüchtige Schad an einen Berliner Verlag. Das Papstporträt öffnete Schad 1925 auch die Türen zur besseren Wiener Gesellschaft. In der Donaustadt schuf der Maler realistische, elegante und eroti­sche Porträts.

Bedeutung von Christian Schad für Aschaffenburg

In den 1930er-Jahren war Schad gezwungen, für den Markt zu produzieren: Nachdem die fi­nanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus ausblieb, verkaufte er Porträts blonder Mädchen an Mo­dezeitschriften – auch ein Tribut an das Frauenideal des National­sozialismus. Als Berlin im Zwei­ten Weltkrieg zunehmend von alliierten Bombenangriffen getrof­fen wurde, ließ sich Schad 1942 provisorisch und 1943 endgültig in Aschaffenburg nieder, wo er zahlreiche Porträtaufträge erhielt. 1943 erhielt er den – mit 12.000 Reichsmark lukrativen – Auftrag, für die Maria-Schnee-Kapelle der Aschaffenburger Stiftskirche die um 1516 entstandene "Stuppa­cher Madonna" Grünewalds zu kopieren.

"Der vierfache Jahreslohn ei­nes mittleren Beamten", erläuter­te Richter. Schad engagierte sich in seiner neuen Heimatstadt auch in der örtlichen Volkshochschu­le: "Ein großer Künstler aus Ber­lin, der in Aschaffenburg in der Volksbildung tätig ist", fasst Rich­ter die Wahrnehmung der Zeitge­nossen zusammen.

In den 1960er- und 1970er-Jah­ren beschäftigte sich der Künst­ler zunehmend mit Themen der Mythologie und Traumvisionen. Zeitgleich begann auch Schads Wiederentdeckung als Meister der Neuen Sachlichkeit. Für den Zusammenhalt des Werks und die Schenkung des über 3.200 Objek­te umfassenden Nachlasses an die Stadt Aschaffenburg sorgte Schads 2001 verstorbene Witwe Bettina.

 

Kunsthistoriker Thomas Richter
Kunsthistoriker Thomas Richter konzipiert als Museumsdirektor das Christian-Schad-Museum in Aschaffenburg.

Christian-Schad-Museum Aschaffenburg: Der Zeitplan

Die ursprünglich bereits für Ende 2017 geplante Eröffnung des weltweit ersten Christian-Schad-Museums im Aschaffenburger Museumsquartier verzögert sich bis mindestens Juni 2019. Bei den Arbeiten in der historischen Bausubstanz stieß man auf bauliche Probleme. Die Stadt Aschaffenburg will für das Museum rund 4,6 Millionen Euro ausgeben, über die Hälfte kommt aus Fördermitteln von Bund, Ländern und dem Bezirk Unterfranken.

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