19.12.2018
Bücher-Tipps

Literaturempfehlungen zu Weihnachten: Krimi-Pfarrer Felix Leibrocks Top 10

Der Polizeiseelsorger und Krimiautor Felix Leibrock zieht mit Literaturempfehlungen zu Weihnachten durch die Lande. Zwölf Neuerscheinungen des Jahres 2018 hat er ausgewählt. Es sind Bücher, die große Leseabende versprechen: Toll geschrieben, tiefsinnig, berührend, existenzielle Fragen stellend. Und natürlich geht es um Liebe, Familie und den ganzen Kosmos.
Felix Leibrock, evangelischer Pfarrer und Krimiautor.
Felix Leibrock, evangelischer Pfarrer und Krimiautor.

Herr Leibrock, nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus?

Felix Leibrock: Das Oberthema lautet "Das Leben ist ein Mandelbaum", dabei geht es um Optimismus und Pessimismus, um Werden und Vergehen, das ist das Konzept des Formats, die zwölf Bücher sind dem Thema untergeordnet. Ich habe sie aus 40 Büchern ausgewählt, die ich 2018 gelesen oder angelesen habe. Wenn etwas nicht taugt, höre ich schon mal nach 100 Seiten auf.

Nehmen Sie den Buchhändlern nicht die Arbeit ab?

Leibrock: Die Buchhändler sind ganz froh darüber, weil ich die Menschen in die Buchhandlungen bringe, und oft machen wir dies in Kooperation mit den Kirchengemeinden.

Warum kommen so viele Menschen zu Ihren Empfehlungslesungen?

Leibrock: 40 000 Neuerscheinungen im Jahr sind nicht einfach zu überblicken. Aber ich versuche das auch ein wenig lebendig und humorvoll zu gestalten. Außerdem ist der Erfolg nicht mein Verdienst: Erfunden hat es ein Pastor, wie es im Norddeutschen heißt, aus Schwerin: Günter Pilgrim, der hat das schon zu DDR-Zeiten gemacht.

Da kamen Hunderte, weil es eine Möglichkeit ist, Tipps für sinnvolle Weihnachtsgeschenke zu bekommen.

Inwiefern können Bücher das Leben neu schenken, wie ein "Mandelzweig, der auch nach hartem Winter erblüht"?

Leibrock: Zum Beispiel das Buch von Christoph Hein "Verwirrnis". Da geht es um Homosexualität in der DDR und eine bürgerliche Hochzeit als Tarnung: Zwei Schüler entdecken ihre Sexualität und müssen sie geheim halten. Obwohl sie eine schwierige Ausgangslage haben, werden sie später erfolgreich. Bei Peter Pranger "Eine Familie in Deutschland" geht es um eine Großfamilie mit fünf Kindern zwischen 1933 und 1939. Obwohl es schwere Spannungen gibt, durch die Regime-Nähe des einen und den jüdischen Schwiegersohn auf der anderen Seite, bleibt die Familie bestehen. Das Buch arbeitet mit Cliffhangers und man kann da gar nicht aufhören zu lesen.

Welches Buch wird bei Ihren Veranstaltungen am meisten diskutiert?

Leibrock: Das ist das Buch des Franzosen Frédéric Beigbeder "Endlos leben". Da geht es um die Frage, ob wir endlos leben können und wollen. Der Autor geht in ein Forschungslabor, sehr nah an der Realtität geschrieben. Die Diskussion ist immer heftig, wenn man sich vorstellt, der Tod wird besiegt. Und wir werden 500 Jahre oder endlos leben, was macht das mit uns: Ist es eine schöne Vorstellung oder eher eine Bedrohung? Erstaunlicherweise finden es 90 Prozent bedrohlich, wo ich immer denke, das ist doch die beste Nachricht des Abends: Wir werden bald nicht mehr sterben.

Es sind Bücher, die nachdenklich machen, in die Tiefe gehen, gegen die Zeitströmung anschreiben.

Leibrock: Ein Buch wird nur verlegt, wenn es einen Leser, eine Leserin in ihrer Existenz trifft.

Ein Buch, bei dem ich nicht persönlich betroffen bin, interessiert mich in der Regel nicht.

Da kann man viel von der Belletristik lernen, gerade wenn man im kirchlichen Bereich tätig ist. In meinen Predigten mache ich fast alles an Büchern oder persönlichen Begegnungen fest, weil da die entscheidenen Fragen gestellt werden. Und die Antworten kann man in der Bibel finden oder sich bemühen, sie dort zu finden.

Welches Buch ist Ihr Favorit?

Leibrock: Francesca Melandri "Alle, außer mir": Die Autorin schreibt eine Geschichte über die italienische Kolonialzeit in Abessinien, es spielt in den 1940er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Plötzlich steht ein dunkelhäutiger Flüchtling bei einer Lehrerin vor der Tür, die im Heute lebt, und behauptet, er sei mit ihr verwandt. Dann fängt sie an zu recherchieren. Ich mag Literatur, die in die Gegenwart oder den Alltag hineinspielt und etwas aufgreift, das lange zurückliegt, wo plötzlich alles unsicher wird und man sich selbst hinterfragen muss. Das Buch ist in großartigem Stil geschrieben, deshalb ist es mein Favorit.

Leibrocks Literaturliste

1. Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende
2. Éric Vuillard: Die Tagesordnung
3. Stephan Thome: Gott der Barbaren
4. Peter Prange: Eine Familie in Deutschland
5. Andreas Guski: Dostojewski. Eine Biografie
6. Frédéric Beigbeder: Endlos leben
7. Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit
8. Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis
9. Michael Ondaatje: Kriegslicht
10. Christoph Hein: Verwirrnis
11. Laetitia Colombani: Der Zopf
12. Francesca Melandri: Alle, außer mir

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