3.04.2018
Gesundheit

Wenn die Medikamente ausverkauft sind

Nach dem Arzt mit dem Rezept zur Apotheke. Sollte kein Problem sein - wenn die verschriebene Arznei verfügbar ist. Doch immer mal wieder sind Medikamente in Deutschland einfach nicht lieferbar.
Apotheken-Zeichen

Er sei "richtig froh", dass es bald vorbei ist, sagt Wolfgang Müller*. Für ihn, meint er. Der Apotheker geht demnächst in den Ruhestand, seine kleine Apotheke im ländlichen Unterfranken schließt, niemand wollte sie übernehmen. Einer der möglichen Gründe: Erst vor ein paar Tagen hat Müller eine junge Mutter mit krankem Kind wieder wegschicken müssen, ohne ihr das verschriebene Kinder-Antibiotikum aushändigen zu können. "Das Medikament des Herstellers ist schon seit Wochen nicht lieferbar", berichtet Müller. Weil die Krankenkasse der Frau einen Vertrag mit dem Hersteller hat, durfte er kein Alternativprodukt aushändigen, sagt er.

Von Fällen wie diesem hört man immer wieder: Patienten bekommen die verschriebenen, oft lebensnotwendigen, Medikamente in der Apotheke nicht, weil sie nicht lieferbar sind. Seit Jahren schon gibt es zum Beispiel immer wieder Probleme beim "Flüssig-Aspirin". Die Arznei wird vor allem in Notfällen bei Herzinfarkt-Patienten verwendet, um das Blut zu verflüssigen. Hersteller Bayer hat erst vor kurzem wieder einmal Lieferprobleme eingeräumt - wegen Herstellungsproblemen im Werk in Frankreich. "Wir betrachten diese Situation seit einiger Zeit mit Sorge", sagt Jürgen Bieberstein vom Bundesverband der Klinikapotheken.

"Die Gründe sind vielfältig"

Auch Martha Binder von der Bayerischen Landesapothekerkammer ist das Problem bekannt: "Die Gründe dafür sind vielfältig." Zum einen die Globalisierung des Arzneimittelmarktes: Für viele Standard-Medikamente wie Kinder-Antibiotika oder Schilddrüsen-Tabletten gebe es weltweit oft nur noch ein, zwei Fabriken, in denen verschiedene Pharma-Firmen ihre Medikamente mit demselben Wirkstoff herstellen lassen. "Wenn es dort dann zu Problemen kommt und einige Tage, Wochen oder Monate nicht produziert werden kann, wird die Versorgungslage schnell kritisch", sagt sie. Denn Vorratslager hätten europäische Pharma-Konzerne kaum.

Zum anderen: Deutschland ist kein Hochpreis-Land für Medikamente, sagt Thomas Metz vom Bayerischen Apothekerverband: "Die Preise für rezeptpflichtige Arzneimittel liegen im Ausland teils deutlich höher." Und weil Pharma-Unternehmen an Gewinn interessiert sind, werden gerade knappe Medikamente lieber in Hochpreis-Länder wie die USA und Großbritannien verkauft, erläutert Metz. Ein weiteres Problem sind auch die Rabattverträge, bei denen Kassen mit einem Hersteller Verträge für bestimmte Medikamente schließen. Außer in Notfällen darf die Apotheke dann nur das Produkt des Herstellers aushändigen und nichts sonst.

Im Extremfall bedeutet das: Ist das verschriebene Produkt aktuell nicht lieferbar, muss die Apotheke den Patienten zu einer anderen Apotheke schicken - in der Hoffnung, dass das bestimmte Produkt dort noch auf Lager ist. Gibt die Apotheke außerhalb von Nacht- und Notdiensten ein Produkt anderer Hersteller mit dem gleichen Wirkstoff aus, bleibt sie im dümmsten Fall auf den Kosten sitzen, weil die Krankenkasse nicht zahlt. "Retaxation" heißt dieses Apotheken-Schreckgespenst. "Dieser Zustand ist nicht das beste Zeugnis für das deutsche Gesundheitssystem", findet Krankenhausapotheken-Verbandsgeschäftsführer Jürgen Bieberstein.

Problem: Rabattverträge

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) macht als einen Hauptgrund bei Lieferschwierigkeiten die Rabattverträge mit den Krankenkassen aus. Diese erhöhten den ohnehin großen Kostendruck des globalen Marktes noch mehr, so dass bei Standard-Medikamenten oft nur noch ein paar Hersteller weltweit übrig blieben. Für bestimmte Arzneimittel sollten daher "erst gar keine Rabattverträge abgeschlossen werden", teilt der BPI mit - und nennt als Beispiel Standard-Antibiotika. Grundsätzlich gefährde aber nicht jeder Lieferengpass gleich auch die Versorgungssicherheit. Dies sei bislang nur sehr selten geschehen.

Die Versorgungssicherheit mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ist in Bayern nach Ansicht von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) "im weltweiten Vergleich" am höchsten. Die Politikerin widerspricht klar dem BPI: Rabattverträge seien "keine Ursache für Lieferengpässe", die Apotheken hätten "bereits ausreichende Möglichkeiten", für momentan nicht verfügbare Rabattmedikamente geeignete alternative Arzneien abzugeben - neben der Akutversorgung und im Notdienst könne auch die Nichtverfügbarkeit ein triftiger Grund im Sinne des Rahmenvertrags über die Arzneimittelversorgung nach dem Sozialgesetzbuch V sein.

Dass die Versorgungssicherheit grundsätzlich steht, diese Feststellung ist auch Apothekerkammer und -verband wichtig. Der Verband ist beim Thema Rabattverträge ebenfalls anderer Meinung als der BPI. Sie seien ein "gutes Mittel", um Kosten zu deckeln. Fälle wie der von Apotheker Müller und der jungen Mutter seien "ärgerliche Ausnahmen, aber es gibt sie", sagt Verbandssprecher Metz. Die Apotheker und Patienten seien "am Ende immer die Dummen", bewertet Kammersprecherin Binder die Situation. Die Mutter übrigens hat das Kinder-Antibiotikum am Ende doch bekommen - in der dritten Apotheke, nach 30 Minuten Fahrerei.

(*Name geändert)

 

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