17.04.2019
Spiritueller Impuls

Richard Rohr hat seine Theologie dem Leben abgelauscht

Das Denken des Franziskanerpaters lässt sich in kein Schema pressen: Friedensarbeit und Frömmigkeit, Leitlinien für Alkoholiker und Spiritualität für Männer, Enneagrammkurse und ein neuer Blick auf die alten kirchlichen Lehren zeichnen Richard Rohrs Wirken aus.
quellentext richard rohr

Wir müssen einen Ort finden, wo wir all unsere Erfahrungen beherbergen können, ohne etwas zu verdrängen.

Wir brauchen einen Ort, in dem Raum ist für alles, was wir in unserem Leben getan haben – und was wir nicht getan haben.

Einen Ort, der größer ist als Ja oder Nein.
Einen Ort, der größer ist als die Urteile, die wir fällen.
Einen Ort, an dem wir einfach empfangen.

An diesem umfassenden Ort wird Gott ganz klar.

An diesem umfassenden Ort werden Sie selber ganz klar sein. Dort wird Raum sein, jeden Teil Ihrer Existenz zu empfangen.

(aus: Richard Rohr, Von der Freiheit loszulassen)

Vor einigen Jahren habe ich einen Bibelkurs geleitet über das Thema der Erlösung. Wir sind die ganze Bibel durchgegangen und haben geschaut, wie dort das Thema der Erlösung, des Heils entfaltet wird.

Die erste Darstellung des Heils ist die Verheißung, die Gott dem Volk Israel gibt. Er verspricht, ihnen ein weites, ein umfassendes Land zu schenken. Als wir die ganze Bibel durchhatten, konnten wir keine bessere Beschreibung von Erlösung finden als diese erste Beschreibung: Gott verheißt uns einen weiten, einen umfassenden Raum –

und das ist der Ort, den wir Seele nennen.

Wir retten unsere Seelen nicht, sondern wir entdecken sie. Wir gehen nicht hin und versuchen, uns selbst heilig zu machen, sondern wir wecken unsere Seelen auf. Wir sind bereits mit Gott vereint – das Problem ist, dass wir es nicht glauben.

Das ist eine Frage des Glaubens, aber wir haben daraus eine Frage unserer Würdigkeit gemacht. Genau das ist es, was der Kapitalismus aus dem Evangelium macht: Wir machen aus allem einen verdienten Wert.

Wir können die Gnade nicht verstehen. Wir können die Liebe nicht verstehen. Wir können nicht glauben, dass wir für nichts und wieder nichts geliebt werden.

Unser wirklicher Wert hängt aber an dem, was wir sind, und nicht an dem, was wir tun.

Wir versuchen dauernd, gute Menschen zu sein, was immer das bedeuten mag. In Wirklichkeit sind wir nicht unbedingt gut, aber wir sind heilig. Gutsein, das ist etwas, was man sich verdient oder erarbeitet oder erreicht, aber geheiligt und heilig sind wir, ohne etwas dafür zu tun.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt